Stopp der US-Truppenverlegung schockt Polen
19. Mai 2026
Die Hiobsbotschaft aus Washington traf Polens Regierung völlig unvorbereitet - und versetzte das Land an der Ostflanke der NATO in einen tiefen Schock: Das Pentagon stoppt überraschend die Entsendung einer Panzerbrigade, die im Rahmen einer regulären Truppenrotation nach Polen versetzt werden sollte. Eine Vorhut der Einheit, die zur 1. Kavalleriedivision des Heeres aus Texas gehört, hält sich bereits in Polen auf, um die Aufnahme von 4000 Soldaten vorzubereiten.
Der Schock an der Weichsel ist desto größer, als dass Polen darauf hoffte, von der neuen amerikanischen Militärstrategie einen Vorteil zu ziehen. Nach der Ankündigung von US-Präsident Donald Trump, mehr als 5000 US-Soldaten aus Deutschland abzuziehen, bekundeten mehrere polnische Politiker ihre Bereitschaft, die Truppen in Polen zu stationieren - darunter Präsident Karol Nawrocki. Vor allem Vertreter der rechtskonservativen Partei PiS machten keinen Hehl aus ihrer Schadenfreude über die "Bestrafung" Deutschlands.
"Einen besseren Verbündeten wird Amerika nirgendwo finden"
Der polnische Regierungschef Donald Tusk appellierte am Montag an die Amerikaner, das enge Bündnis mit Polen nicht in Frage zu stellen. Zur Freundschaft und Zusammenarbeit zwischen Polen und den Vereinigten Staaten von Amerika gebe es keine Alternative, sagte Tusk in Deblin nach der Unterzeichnung eines Abkommens über die Errichtung eines Unternehmens, in dem die Motoren des Abrams-Kampfpanzer repariert werden sollen. Die Amerikaner hätten in Polen "einen Freund, ausschließlich Freunde hier an der Weichsel, einen der loyalsten Verbündeten". "Einen besseren Verbündeten wird Amerika nirgendwo finden", lobte Tusk sein Land.
Polen gilt als der wahrscheinlich loyalste und zuverlässigste Verbündete der USA in Europa. Im mittelosteuropäischen Land an der Ostflanke der NATO sind bereits 10.000 US-Soldaten stationiert. Sie nutzen eine ausgebaute militärische Infrastruktur mit US-Stützpunkt für den Raketenabwehrschild in Redzikowo im Norden Polens, der Europa und die USA vor ballistischen Raketen schützen soll. In Posen wurde ein vorgeschobenes Hauptquartier des 5. Corps der US-Landstreitkräfte eingerichtet.
Polen investiert in US-Armee
Polens Verteidigungsminister Wladyslaw Kosiniak-Kamysz bemüht sich, die Amerikaner mit ökonomischen Argumenten umzustimmen. Polen gehöre zu den größten Abnehmern amerikanischer Waffen, darunter Abrams-Kampfpanzer, Apache-Hubschrauber und Kampfflugzeuge vom Typ F-35. Die Einkäufe in Amerika belaufen sich auf 50 Milliarden Dollar (43 Milliarden Euro). Er betonte, dass Polen in jeden US-Soldat jährlich aus dem polnischen Haushalt 15.000 Dollar (12.900 Euro) investiert. "Die Reform kann nicht auf Kosten des größten Verbündeten gehen", so Kosiniak-Kamysz.
Seit dem Fall des Eisernen Vorhangs in Europa 1989/90 sieht Polen in Amerika den Garanten seiner Unabhängigkeit und Sicherheit. Alle polnischen Regierungen, ob liberal, links oder rechts, haben sich konsequent um ein strategisches Bündnis mit Amerika bemüht. Das Ziel war die Errichtung einer militärischen Infrastruktur und die ständige Präsenz der US-Truppen als Absicherung gegen die Gefahr aus Russland.
Sicherheitsexperte: der Ball ist noch im Spiel
Die polnische Regierung in Warschau ist entschlossen, alles zu tun, um die drohende Truppenreduzierung doch noch abzuwenden. Premier Tusk schickte am Montag (18.05.2026) zwei Vize-Verteidigungsminister mit der Botschaft nach Washington: "Polen ist bereit, die Präsenz der USA in Polen zu erweitern".
"Der Ball ist noch im Spiel", sagte der ehemalige Chef des Büros der Nationalen Sicherheit (BBN) Jacek Siewiera am Dienstag (19.05.2026) dem Fernsehsender TVN. Der gut vernetzte Experte des Atlantic Councils erinnerte daran, dass es bereits früher, zuletzt 2024, Versuche gegeben habe, die US-Truppen in Polen zu reduzieren. Dank kluger Verhandlungen sei damals gelungen, die Amerikaner umzustimmen. Der Rückzug der Panzerbrigade wäre ein schwerer Verlust, weil diese Einheit die wichtigste "Faust" bei einem Schlag gegen eventuelle Angreifer sei.
Wer ist schuld an der Entscheidung in Washington?
Siewiera appellierte an alle politischen Kräfte in Polen, bei diesem Vorhaben zusammenzuarbeiten. Doch die Wirklichkeit sieht anders aus. Beide verfeindete Lager - die liberalkonservative Regierungskoalition von Premier Tusk sowie die rechtskonservative Opposition und der politischen Strömung entstammende Präsident Nawrocki - schieben sich gegenseitig Verantwortung in die Schuhe.
Der PiS-Vorsitzende Jaroslaw Kaczynski warf der Tusk-Regierung vor, die guten Beziehungen mit Amerika zerstört und Polens Position in der NATO geschwächt zu haben. "Versager oder, wie immer, durchdachte prodeutsche Politik, die die polnischen Interessen ignoriert?", schrieb der Anführer des rechtskonservativen Lagers in Polen auf X.
"Kaczynski versucht, die Schuld für die Entscheidung Washingtons, das Engagement in Europa zu begrenzen, auf Polen abzuwälzen. Nawrocki zieht in Anwesenheit anderer Staatschefs auf dem Gipfeltreffen in Bukarest den eigenen Staat in den Schmutz. Es wird immer schlimmer mit ihnen", antwortete Tusk.
Präsident Nawrocki gilt als Politiker mit guten Kontakten zu Trump und dessen MAGA-Bewegung. Der US-Präsident unterstützte den Rechtskonservativen im Wahlkampf. Beim Empfang im Weißen Haus nach der Wahl zum polnischen Staatsoberhaupt im Sommer 2025 versprach ihm Trump, US-Truppen in Polen nicht zu reduzieren. Die aktuelle Entscheidung des Pentagons scheint auch Nawrocki überrascht zu haben, der Anfang Mai mit Trump telefoniert hatte.
"Der Eckpfeiler unserer Sicherheit zerbröckelt", schreibt Bartosz Wielinski in der Gazeta Wyborcza - und appellierte an seine Landsleute, sich auf das Schlimmste vorzubereiten. Der Kommentator der linksliberalen Tageszeitung skizziert zwei mögliche Szenarien: Das Optimistische geht von einem Missverständnis aus, das sich schnell klären und korrigieren lässt. Das pessimistische Szenario sieht in dem US-Schritt den Beginn eines radikalen Rückzugs der Vereinigten Staaten aus Europa. "Das wäre das Ende des polnischen Traums von der Schutzmacht Amerika", warnt Wielinski.