Den Opfern von Stalinismus und Faschismus | Welt | DW | 21.08.2018
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Erinnerungskultur

Den Opfern von Stalinismus und Faschismus

Rund ein Drittel der Menschheit lebte bis zum Fall der Berliner Mauer in kommunistischen Ländern. Dem Zusammenbruch des Ostblocks folgte die globale Aufarbeitung. Deutschland nimmt dabei eine Sonderrolle ein.

Gedenken zum Mauerbau vor 54 Jahren (picture-alliance/dpa/R.Jensen)

Das Wand-Bild mit dem flüchtenden DDR-Grenzsoldaten Conrad Schumann ist Teil der Gedenkstätte Berliner Mauer

Hitler und Stalin besiegelten am 23. August 1939 das Schicksal Polens. Offiziell vereinbarten die Führer der faschistischen und der kommunistischen Diktatur einen Nichtangriffspakt. In einem geheimen Zusatzprotokoll verständigten sich das Deutsche Reich und die Sowjetunion aber auch auf die Teilung Polens. In einem weiteren Vertrag wurde später die Einverleibung der baltischen Staaten in die Sowjetunion beschlossen. Das historische Datum des Hitler-Stalin-Pakts zum Europäischen Tag des Gedenkens an die Opfer von Stalinismus und Nationalsozialismus zu machen, war also durchaus naheliegend.

Die Idee dazu hatten 2008 prominente Politiker, frühere Dissidenten und Mitglieder des Europäischen Parlaments. Zu den bekanntesten Namen gehören der inzwischen verstorbene ehemalige tschechische Präsident Václav Havel und der von 2012 bis 2017 amtierende deutsche Bundespräsident Joachim Gauck. Zehn Jahre nach dieser Initiative veröffentlicht die in Berlin ansässige Bundestiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur ein Buch mit Bildern und Texten zu 119 Gedenkorten in 35 Ländern. Insgesamt hat die Stiftung in ihrer wohl einmaligen Datenbank inzwischen 7000 Museen und Gedenkstätten weltweit erfasst.

In Deutschland gibt es rund 900 Gedenkorte

Besonders beeindruckt ist die Geschäftsführerin der Stiftung, Anna Kaminsky, von einer Bronzeskulptur in Prag. Zu sehen ist ein Mensch, der auf einer Treppe steht. Auf seinem Weg die Treppe hinauf zerfällt dieser Mensch immer mehr, am Ende sind nur noch die Fußabdrücke zu sehen. Dieses Denkmal, sagt Anna Kaminsky, sei für sie eine sehr schöne Veranschaulichung, was in Diktaturen unter Gewaltherrschaft mit dem Menschen passiere: "Er wird zerstört in seiner Substanz, in seiner Identität, in seiner Persönlichkeit, aber auch in seiner Physis."

Die Idee, Gedenkorte systematisch zu erfassen, hatte die Bundesstiftung schon Anfang des Jahrtausends. Damals, gut zehn Jahre nach der Wiedervereinigung, ging es allerdings nur um Denkmäler, mit denen an die deutsche Teilung und die kommunistische Diktatur in der DDR erinnert wird. Im ersten Buch kam man auf 300 Gedenkorte, inzwischen gibt es das Buch in der dritten Auflage, und es sind über 900 Orte dokumentiert.         

Dem großen Terror fielen Millionen Menschen zum Opfer

Deutschland nehme im internationalen Vergleich aufgrund der früh nach der Wende beginnenden Aufarbeitung eine Sonderrolle ein, sagt Anna Kaminsky. Es sei das Land mit den meisten Erinnerungsorten, daran orientierten sich viele andere Länder. Wobei die konkrete Umsetzung sehr unterschiedlich ist, weil bei allen ideologischen Parallelen die Kommunismus-Erfahrungen höchst verschieden waren.

Terror mit Millionen Toten wie zu Stalins Zeiten in der Sowjetunion oder während der Schreckensherrschaft der Roten Khmer in Kambodscha hat es in den osteuropäischen Staaten nicht gegeben. Das sind gravierende Unterschiede, die sich auch in der Art des Gedenkens widerspiegeln. "Wir finden unseren eigenen Weg" – diese Herangehensweise an die kommunistische Vergangenheit gefällt der deutschen Aufarbeitungsexpertin Anna Kaminsky.    

Anna Kaminsky (Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur)

Anna Kaminsky: "Wir finden unseren eigenen Weg"

Wenn aus Erschießungsplätzen Übungsanlagen für Biathleten werden

Überall stehe die Erinnerung an die Verbrechen und die Opfer im Vordergrund. Hinzu komme die Erinnerung an Widerstandsaktionen. In Ungarn sei das der – letztlich gescheiterte – Versuch gewesen, mit dem Volksaufstand 1956 den Kommunismus abzuschütteln. In Tschechien gebe es die ganz starke Erinnerung an den ebenfalls niedergeschlagenen Prager Frühling. In den letzten Jahren sei aber durch das Engagement von Opferverbänden das Gedenken an Zwangsarbeitslager im Uran-Bergbau dazugekommen. "Das war anfangs gar nicht im Bewusstsein staatlicher Institutionen, aber auch der Bevölkerung."

In der früheren Sowjetunion ist der stalinistische Terror das große Thema: das Gulag-System der Straf- und Arbeitslager, aber auch die vielen Massengräber. Initiativen aus der Zivilgesellschaft erinnern daran, wo diese Lager waren. Vieles sei verschwunden – unter Müllbergen oder Neubausiedlungen, bedauert Anna Kaminsky. Einer der vielen Erschießungsplätze sei zu einem Schießübungsplatz für Biathleten umgebaut worden. "Da gibt es auch sehr viel zynischen Umgang mit der Geschichte."  

Ein weites Feld: die Aufarbeitung der alltäglichen Repression

Ein Ende der Aufarbeitung fast 30 Jahre nach dem Zusammenbruch der meisten kommunistischen Regime sieht Anna Kaminsky noch lange nicht. Vor allem auf einem Gebiet sei noch viel zu tun – sie nennt es "Alltagsrepression". Der Einzelne habe sich nie sicher sein können, wo er gegen ungeschriebene Gesetze verstoße, ober verfolgt und enteignet werde oder ins Gefängnis käme. Die Durchdringung der Gesellschaft mit Repressalien, sie gefügig zu machen, sei ein ganz wichtiges Thema, "das den Unterschied zwischen demokratischen und diktatorischen Systemen deutlich macht".       

 

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Markus Meckel über Kommunismus, Faschismus und Angela Merkels Grenzöffnung

Dieses Anliegen ist auch dem Vorsitzenden des Stiftungsrates der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur, Markus Meckel, wichtig. Der Sozialdemokrat war bis zur deutschen Wiedervereinigung letzter DDR-Außenminister nach den einzigen freien Wahlen 1990. Als Abgeordneter des  Bundestages gehörte er zu den maßgeblichen Befürwortern einer schnell beginnenden Aufarbeitung des Kommunismus.

Dabei denkt Meckel stets auch die Hitler-Diktatur mit. Beim Nationalsozialismus gebe es einen Konsens, aber "bei weitem" keinen über die Bewertung des Kommunismus. "Daran müssen wir arbeiten", fordert er im Gespräch mit der Deutschen Welle. Den Blick über den eigenen Tellerrand, über die nationalen Grenzen hält Meckel für unverzichtbar.

Die Erfahrungen der Anderen

Eines sei für ihn eine ganz wichtige Erfahrung gewesen: dass man zuhöre. Dafür werbe er in Europa. "Was sind die Erfahrungen der Anderen?" Da höre man zum Beispiel, welche Bedeutung der Hitler-Stalin-Pakt vom 23. August 1939 in Polen habe. Die Fähigkeit zum Zuhören hat dazu geführt, die Erinnerung an dieses Datum in ganz Europa wachzuhalten: durch den Tag des Gedenkens an die Opfer von Stalinismus und Nationalsozialismus.  

 

 

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