Das Corona-Virus und seine Parallelen zu Hollywood | Kultur | DW | 10.03.2020
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Corona-Epidemie

Das Corona-Virus und seine Parallelen zu Hollywood

Quarantäne, strenge Hygieneregeln und Hamsterkäufe sind Folgen des sich ausbreitenden Coronavirus. Ein Blick in die Drehbücher berühmter Filmstoffe kann uns vielleicht helfen, unbeschadet durch die Pandemie zu kommen.

Die meisten kennen sie, die Zutaten eines hollywoodreifen Schreckensszenarios: eine Bedrohung, erst schwelend, dann grassierend. Alarmierte Wissenschaftler, bequeme Entscheidungsträger. Einen Helden oder eine Heldin, manchmal beide zusammen, die sich der Rettung ihrer selbst, ihrer nächsten, einer zusammengewürfelten Schicksalsgemeinschaft und letztlich gar der gesamten Menschheit annehmen. Im Kinosessel oder auf der Couch können wir uns mit einer Tüte Popcorn entspannt zurücklehnen, wohl wissend: Ist ja nur ein Film!

Im Umgang mit dem Corona-Virus begegnen uns nun allerdings Handlungsmuster aus manchen fiktiven Stoffen in der Realität. Liefern uns die Drehbücher sinnvolle Empfehlungen für einen geordneten Umgang mit dem Virus?

Der (verrückte) Wissenschaftler

Das Thema spielt eine wichtige Rolle, egal ob es sich um einen Virus, Aliens, Klimakatastrophen oder reproduzierte Urzeittiere, die die Menschheit bedrohen, handelt. Die Warnungen von Jeff Goldblum als David Levinson in "Independence Day" und Chaostheoretiker Ian Malcolm in "Jurassic Park" oder von Dennis Quaid als Klimatologe Jack Hall in "The Day After Tomorrow" - sie werden überhört, als Panikmache beiseite gewischt.

Die Zuschauer ahnen natürlich früh, dass sie richtig liegen und die Militärs und Politiker ihnen besser vertrauen sollten - nur wären die Katastrophen dann schnell abgewendet und die Filme nach 20 Minuten zu Ende.

Parallelen zur aktuellen Corona-Realität zeigen sich am Beispiel des Virologen Alexander Kekulé, der die Situation in Gastbeiträgen und Talkshows rational und unaufgeregt erklärt. Der Direktor des Instituts für Medizinische Mikrobiologie an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg empfiehlt, alle Kranken mit Grippe und schweren Erkältungen flächendeckend auf Corona zu testen. Wie sinnvoll das einerseits wohl wäre und wie weit es tatsächlich von der Realität entfernt ist, zeigt der erste Corona-Fall in Berlin, den die Mediziner selbst als "Zufallsfund" bezeichneten.

Outbreak Filmszene Dustin Hoffmann (picture-alliance/dpa/Mary Evans Library)

"Outbreak": Dustin Hoffman sucht im Kampf gegen die Epidemie nach dem Wirtstier - einem kleinen Äffchen

Kekulé rät zudem zu "Corona-Ferien": Schulen und Kindergärten sollten für zwei Wochen geschlossen, Großveranstaltungen abgesagt werden. So ließen sich Infektionsherde identifizieren und anschließend gezielt durch Quarantäne bekämpfen: "Wenn wir es machen wollen, müssen wir es jetzt machen", sagte er in einer TV-Talkrunde im deutschen Fernsehen. 

In Italien (deutlich mehr Fälle als in Deutschland) und Japan (etwas weniger Fälle als in Deutschland) bleiben die Schulen vorerst geschlossen. Kekulé meint, es sei "erklärungsbedürftig", warum die Maßnahmen andernorts restriktiv seien, während man in Deutschland "die Sache auf sich zukommen lässt".

Parallele zum Film: Empfehlungen eines Wissenschaftlers werden als unverhältnismäßig abgeschrieben. Die Filmhandlung bestätigt den Wissenschaftler bald. Ob das auch in der Realität einmal rückblickend gedacht werden wird, ist im aktuellen Fall offen.

Fiktion-Realität-Kongruenz: ausgeglichen.

Die Bewertung

In Wolfgang Petersens Thriller "Outbreak" (Titelbild: Rene Russo) von 1995 überträgt ein aus Afrika importierter Affe als Wirtstier ein neuartiges Virus auf die Menschen. Dass es sich dabei um eine vom Militär entwickelte biologische Waffe handelt, spielt für unsere Betrachtung keine Rolle. Der Virologe Sam Daniels, verkörpert von Dustin Hoffman, richtet mit seinem Team ein Labor in der Kleinstadt ein, in der die Epidemie ausgebrochen ist. Das Militär riegelt die Stadt derweil ab. Sam Daniels sagt seinem Vorgesetzten: "Wir können es nicht aufhalten."

Das haben manche Politiker bis vor kurzem beim Corona-Virus anders gesehen. Die Lage sei unter Kontrolle, das Virus im Griff, hieß es. Aber: Ende Dezember 2019 wurde das Virus in China erstmals nachgewiesen, nur einen Monat später rief die Weltgesundheitsorganisation WHO die internationale Gesundheitsnotlage aus, einen weiteren Monat später waren weltweit mehr als 90.000 Corona-Erkrankungen nachgewiesen. Inzwischen sind es weit mehr.

Angesichts der rasanten Verbreitung ist die Einschätzung, ein Virus im Griff zu haben, mindestens gewagt. Inzwischen hat Bundesgesundheitsminister Jens Spahn in einer Regierungserklärung vom Beginn einer Epidemie in Deutschland gesprochen, der Höhepunkt der Ausbreitung sei noch nicht erreicht.

Fiktion-Realität-Kongruenz: Ausgeglichen.

I AM LEGEND Filmszene (picture-alliance/United Archives)

Allein in New York City: Will Smith entwickelt in "I Am Legend" einen Impfstoff.

Quarantäne

Egal, ob New York City in "I Am Legend" als Ursprungsort einer Virusmutation evakuiert wird und Will Smith als einziger Bewohner zurückbleibt oder Oscar-Preisträger Danny Boyle in "28 Days Later" ganz Großbritannien abriegelt - in den filmischen Vorlagen sind diese Maßnahmen nicht gerade von Erfolg gekrönt.

Ähnlich sieht es in der gegenwärtigen Situation aus. Rund die Hälfte der elf Millionen Einwohner flüchteten aus Wuhan, dem chinesischen Ursprungsort von Corona, bevor die Provinz abgeriegelt wurde. Darüber hinaus ist die Wirksamkeit einer Quarantäne dort fraglich, wo die betroffenen Menschen räumlich unzureichend voneinander getrennt werden können, etwa in Hotels oder auf Kreuzfahrtschiffen.

Fiktion-Realität-Kongruenz: Erhöht.

Hygiene

"Der Mensch berührt sein Gesicht pro Minute drei bis fünf Mal. In der Zwischenzeit fassen wir Türklinken an, Wasserhähne und andere Menschen", sagt Kate Winslet als Epidemiologin Erin Mears in Steven Soderberghs prominent besetztem Thriller "Contagion" (Ansteckung). Darin breitet sich ein aus China importierter Virus aus, übertragen von einem Küchenchef, der ein infiziertes Schwein mit bloßen Händen zubereitet und später anderer Leute Hände schüttelt, ohne sich die eigenen ausreichend gewaschen zu haben.

Im Film wie in der Realität gilt gebetsmühlenartig: Kinder, wascht Euch die Hände! Und zwar, wie vom Robert-Koch-Institut empfohlen, 30 Sekunden lang mit Seife. Ausführliches Händewaschen dämmt die Verbreitung von Corona ein.

Fiktion-Realität-Kongruenz: extrem hoch.

Contagion Filmszene Kate Winslet (picture-alliance/Everett Collection)

Ansteckend: Kate Winslet will in "Contagion" die Ausbreitung eines importierten Virus eindämmen.

Geschäftemacher

Ebenfalls in "Contagion" profitiert Jude Law als Verschwörungstheoretiker Alan Krumwiede vom Ausbruch der Epidemie, indem er ein homöopathisches Präparat als Heilmittel anpreist und damit die Besucherzahlen seines Blogs in die Höhe schießen lässt.

So niederträchtig wird doch in der Realität niemand sein, oder? Nun, ein Blick ins Internet zeigt, wie bereitwillig Menschen aus den Ängsten und Nöten anderer Profit schlagen wollen: Atemschutzmasken und Desinfektionsmittel werden zu Wucherpreisen angeboten, letztere sogar aus Krankenhäusern und Unternehmen gestohlen, um damit den Gewinn beim Weiterverkauf an Bedürftige einzustreichen. Und auch Verschwörungstheorien über Corona machen längst die Runde.

Fiktion-Realität-Kongruenz: hoch.

Medien

Droht im Film eine Epidemie oder der Einschlag eines Meteoriten, sind immer noch die TV-Stationen die erste Informationsquelle der Bevölkerung. Blöd nur, dass dort trotz Rund-um-die-Uhr-Berichterstattung niemand voraussagen kann, was passieren wird. Berichtet wird aber trotzdem, was Fehlinformationen, Widersprüche und Unübersichtlichkeit zur Folge hat.

Information ist wichtig und kann Panik vorbeugen. Sie kann aber ebenso zum Gegenteil beitragen. Corona-Berichte, die detailliert aufzählen, welche Vorräte für Notfälle oder eine zweiwöchige Quarantäne anzulegen sind, nähren den Eindruck, sich dringend vorbereiten zu müssen. Hier sprechen wir ausnahmsweise mal nicht nur von der German Angst, denn selbst in kaum betroffenen Ländern wie Tschechien (Stand 5. März laut Robert Koch-Institut: acht Fälle) kam es zu sogenannten Hamsterkäufen.

Auch sich widersprechende Berichte (Rückgang vs. Anstieg der Zahlen, übliche Risikogruppen vs. alle betroffen, Sterblichkeitsrate höher als bei der Grippe vs. identisch) schüren Unsicherheit. 

Fiktion-Realität-Kongruenz: hoch.

World War Z - Filmszene (picture-alliance/dpa/Paramount Pictures)

Globalisiert: Im Wettlauf gegen das Virus fliegt Brad Pitt in "World War Z" um die halbe Welt.

Hamsterkäufe

Wenn es hart auf hart kommt, ist sich jeder selbst der nächste - das von Darwin entliehene Recht des Stärkeren ist ein häufig bemühtes Motiv in Katastrophenszenarien. Formate wie die apokalyptische Serie "The Walking Dead" legen jedoch den Schluss nahe, dass große Vorräte (oft durch Plünderung) zwar die Verpflegung sicherstellen, aber natürlich keinen Schutz vor der eigentlichen Bedrohung bieten. So stapeln sich Lebensmittel in den Schränken auch jener, die sie gar nicht mehr brauchen.

In der Realität gibt es die sogenannten Prepper, die stets auf apokalyptische Szenarien vorbereitet sein wollen und entsprechend permanent mit Vorräten eingedeckt sind. Das Corona-Virus lässt nun aber auch normale Menschen zu Preppern mutieren, wie leere Wasser-, Pasta- und Konservenregale in deutschen Supermärkten und das Horten von Toilettenpapier und Seife belegen.

Die Angelsachsen sagen "Better safe than sorry", die Deutschen "Vorsicht ist besser als Nachsicht". Da spielt es keine Rolle, dass wegen einer ausgebliebenen Quarantäne oder Epidemie letztlich wohl viele gehortete Lebensmittel im Müll landen werden.

Der "Ratgeber für Notfallvorsorge und richtiges Handeln in Notsituationen" vom Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe ist in seiner gedruckten Version übrigens vergriffen. 

Fiktion-Realität-Kongruenz: sehr hoch.

The walking dead Filmszene (Imago Images/G. Page)

Vorräte schützen nicht vor der Bedrohung: Das wissen diese beiden Protagonisten aus "The Walking Dead" nur zu gut.

Menschenaufläufe

Ruhe bewahren, zuhause bleiben, Fenster und Türen geschlossen halten und auf weitere Instruktionen warten - diese Ratschläge erhält die Bevölkerung über Radio und Fernsehen (solange beide noch senden) in ausnahmslos jedem Virus-Film. Tenor: Je mehr Kontakt, desto größer das Ansteckungsrisiko.

Auch das reale Pandemie-Protokoll der WHO bezeichnet "social distancing", also das Abstandhalten, als einen Schlüssel zur Prävention. Viele Großveranstaltungen wurden wegen des Corona-Virus folgerichtig abgesagt. Bei der Genehmigung, im Home Office zu arbeiten, sind deutsche Unternehmen dagegen noch zurückhaltend. Das schützt natürlich kaum vor potenziellen Ansteckungsherden wie der S-Bahn.

Fiktion-Realität-Kongruenz: hoch.

Globalisierung

In modernen Filmstoffen wie "World War Z" und "Contagion" breiten sich Viren global in einer Geschwindigkeit aus, die noch vor Jahren undenkbar gewesen wäre - der Globalisierung sei Dank. Brad Pitt reist in "World War Z" auf der Suche nach einem Gegenmittel übrigens nach Israel, das sich vor den Infizierten mit einer hohen Mauer schützt. Aktuell hat Israel wegen der Corona-Ausbreitung strenge Reisebeschränkungen sowie Quarantäneregelungen verhängt.

Fiktion-Realität-Kongruenz: extrem hoch.

Fazit

In manchen Reaktionen auf das Corona-Virus verschwimmen die Grenzen zu Filmstoffen. Zwar werden die Situationen im Unterhaltungsbetrieb gerne zugespitzt, trotzdem können sie uns als Spiegelbild für unser eigenes Verhalten dienen: Wer es im Kino blöd findet, dass sich im Keller der einen die Vorräte im Überfluss stapeln, während sie anderen fehlen, sieht vielleicht von Hamsterkäufen ab.

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