COVID-19: Omikron-Welle nicht mehr zu stoppen | Wissen & Umwelt | DW | 16.12.2021
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COVID-19: Omikron-Welle nicht mehr zu stoppen

Die Omikron-Variante des Coronavirus ist so ansteckend, dass uns schon bald hunderttausende Omikron-Infizierte pro Tag drohen. Deutschland sei darauf nicht vorbereitet, beklagen Experten.

Symbolbild-Illustration: Eine Weltkugel, die sich auf der Unterseite in einen Coronavirus verwandelt.

Omikron ist viel ansteckender als vorherige Varianten und kann auch unsere Immunantwort umgehen

Nein, das werden keine Fröhliche Weihnachten! Es ist nicht die Frage ob, sondern wann uns die neue Omikron-Welle mit voller Wucht treffen wird, so die äußerst düsteren Prognosen von drei führenden deutschen Forschenden. 

Spätestens Mitte Januar, so Prof. Dr. Christoph Neumann-Haefelin, Immunologe am Universitätsklinikum Freiburg, wird die Omikron-Variante des Coronavirus auch in Deutschland dominant sein, also Delta verdrängt haben, und dann könnten die COVID-19 Infektionszahlen rasant steigen. Mehrere Hunderttausende Infizierte pro Tag drohen.

Anlass für diese düsteren Prognosen sind die aktuellen Zahlen aus Großbritannien, wo sich die Infektionszahlen mit Omikron alle zwei bis drei Tage verdoppeln. Das sei um den Faktor drei bis vier höher als bei bisherigen Varianten, sagt  Prof. Dr. Dirk Brockmann, Physiker an der Humboldt-Universität zu Berlin.

Berechnungen von britischen Experten zeigen, dass 400.000 bis 700.000 Neuinfektionen pro Tag möglich sind, im Zeitraum von Dezember bis April könnten sich allein in Großbritannien 20 bis 34 Millionen Menschen anstecken. Also etwa die Hälfte der Bevölkerung. Und das alles trotz Abstandsregeln, Masken, Schulschließungen etc. "Es wäre ein Wunder, wenn das in Deutschland nicht ähnlich abläuft", warnt Brockmann.

Menschen stehen in Großbritannien für eine Impfung Schlange

Andrang beim Boostern: In Großbritannien verdoppeln sich die Infektionszahlen mit Omikron alle zwei bis drei Tage

Politik muss sofort und konsequent handeln

Die Politik müsse sofort Notfallpläne für verschiedene Szenarien aufstellen und auch umzusetzen: "Wir müssen die Ausbreitungsdynamik bremsen, um den Schaden zu begrenzen", sagt Physiker Brockmann. Stoppen lasse sich die Entwicklung nicht.

Video ansehen 03:39

"Omikron erreicht uns zur Unzeit"

Nach Ansicht der Forschenden müssten die Kontakte und Mobilität deutlich heruntergefahren werden. Ähnlich wie beim Lockdown in der ersten Welle, so Brockmann. "Nur müsste angesichts der hohen Verbreitungsrate diesmal ungleich mehr passieren." 

Auch Geboosterte können sich und andere anstecken

Omikron ist nicht nur viel ansteckender als vorherige Varianten, die neue Virus-Variante kann mittels Immune Escape auch unsere Immunantwort umgehen. Das heißt, auch doppelt Geimpfte und sogar Geboosterte können und werden sich anstecken.

Zwar erhöht die Booster-Impfung die Wirksamkeit des Immunschutzes wieder auf etwa 70 bis 75 Prozent und sie verringert wohl auch das Risiko eines schweren Krankheitsverlaufs. "Das heißt aber, dass man sich auch mit einer Booster-Impfung nicht in falscher Sicherheit wiegen darf", sagt Virologin Prof. Dr. Sandra Ciesek, Direktorin des Instituts für medizinische Virologie am Universitätsklinikum Frankfurt. Auch Geboosterte können sich und andere anstecken.

Deshalb halte sie es auch für völlig falsch, die Testpflicht für Geboosterte abzuschaffen, wie es die Gesundheitsminister der Bundesländer planen, so Virologin Ciesek.

Ein Mediziner in Madrid bereitet Impf-Spritzen vor.

Booster-Impfungen erhöhen die Impfstoffwirksamkeit wieder auf etwa 70 Prozent und verringern schwere Krankheitsverläufe

Natürlich sei es weiterhin wichtig, dass sich auch die Ungeimpften noch impfen lassen. Aber jetzt verabreichte Erstimpfungen reichten nicht mehr aus, um gegen Omikron zu helfen. "Es dauert ja mehrere Wochen, bis sich ein Schutz aufgebaut hat", erläuterte Ciesek. "Das Virus ist auf jeden Fall schneller." 

Omikron ist gefährlicher als viele glauben

Zudem betonte Ciesek, dass Omikron - entgegen ersten Meldungen - wahrscheinlich genauso gefährlich wie die Delta-Variante ist. Vorläufige Daten aus Großbritannien und Dänemark zeigen, dass sich die Hospitalisierungsrate dort nicht groß von der bei der Delta-Variante unterscheidet.

Anfänglich hatten Meldungen aus Südafrika hoffen lassen, weil viele mit Omikron Infizierte nur milde Verläufe hatten. Inzwischen mussten aber auch mit Omikron Infizierte ins Krankenhaus eingeliefert werden und es gab bereits einenersten Omikron-Toten in Großbritannien.

Zudem seien die Verhältnisse in Südafrika, wo die Bevölkerung im Durchschnitt viel jünger ist und viele Menschen bereits eine Infektion durchgemacht haben, kaum auf europäische Verhältnisse zu übertragen, so Ciesek.

Kollaps der Gesundheitssysteme möglich 

Sollten die Infektionszahlen durch Omikron tatsächlich derart dramatisch in die Höhe steigen, droht den Gesundheitssystemen definitiv der Kollaps. Denn bei einer für Großbritannien dann geschätzten Hospitalisierung von 3000 bis 5000 Patienten täglich sei "die gesamte Maschinerie betroffen", schätzt Brockmann.

Ein Impfgegner in München zeigt ein T-Shirt mit der Aufschrift: Ungeimpft, unbeugsam, Friedensdenker, Demokrat.

Wird die Politik verschärftere Maßnahmen trotz vieler Widerstände beschließen?

Die schon jetzt überlasteten Krankenhäuser werden so viele Patienten nicht mehr aufnehmen können, zumal sich ja dann sehr wahrscheinlich auch das medizinische Personal infizieren wird. Das könne Kaskaden von Dingen auslösen, die noch gar nicht absehbar seien, so Brockmann.

Entsprechend eindringlich forderten die Forschenden die Politik zum konsequenten Handeln auf. Der Politik laufe die Zeit zum Gegensteuern davon, mahnt der Physiker Brockmann. Auch Virologin Ciesek hat bisher nicht das Gefühl, dass Deutschland gut vorbereitet sei. Das bereite ihr große Sorgen.

Sicherlich seien dies "Worst Case"-Szenarien. Aber es reiche nicht, nur darauf zu hoffen, dass sich die Omikron-Variante am Ende als weniger gefährlich erweist, da waren sich die drei Experten einig. "Allein darauf zu vertrauen, heißt aber, sehenden Auges in die Katastrophe zu laufen", so Christoph Neumann-Haefelin, Immunologe am Universitätsklinikum Freiburg.