Corona-Impfstoffe wirken nur teilweise gegen Omikron | Wissen & Umwelt | DW | 08.12.2021
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Corona-Impfstoffe wirken nur teilweise gegen Omikron

Auch Geimpfte können sich anstecken, denn Omikron kann wohl die Schutzwirkung der vorhandenen Impfstoffe umgehen. Ob die neue Variante wirklich zu milderen Verläufen führt, bleibt unklar.

Inzwischen hat sich die neue Variante rasant schnell über die ganze Welt verbreitet. In mehr als 50 Ländern auf sechs Kontinenten wurde sie bereits nachgewiesen.

Sorgen bereitet dem Chefvirologen der Berliner Charité, Christian Drosten, vor allem diese hohe Verbreitungsgeschwindigkeit von Omikron. In Südafrika oder Großbritannien zeige sich derzeit etwa alle drei bis vier Tage eine Verdopplung der Fälle.

Eine Infografik: Weltkkarte mit der Verbreitung der Virus-Variante Omikron. Darauf sind bereits etwa die Hälfte aller Länder der Erde mit Omikron bestätigt

Besorgniserregend ist zudem, dass Omikron die Schutzwirkung der vorhandenen Impfstoffe zum Teil umgehen kann. Das heißt, auch Geimpfte und Geboosterte können sich mit Omikron anstecken.

Denn die jüngsten Studien zeigen alle nach verschiedenen Kombinationen von Impfungen und natürlicher Infektion eine starke, circa 40-fach reduzierte neutralisierende Wirkung von Antikörpern. Das heißt, sie können das Virus nicht gut binden und damit den Eintritt in die menschliche Zelle - also eine Infektion - verhindern. Omikron hat damit das Potenzial, der Immunantwort des Körpers zum Teil zu entgehen.

Allerdings funktioniert die Schutzwirkung der zellulären Bestandteile des Immunsystems trotzdem: Von den T-Zellen wird auch Omikron offenbar gut erkannt und diese T-Zellen sind für die Bekämpfung der Infektion von größter Bedeutung. Impfstoffe behalten also ihre Wirksamkeit gegen schwere Verläufe, vor allem wenn das Immunsystem durch eine Booster-Impfung noch einmal angeregt wird.
 

Vorhandene Corona-Impfstoffe nur teilweise wirksam 

Laut Axel Sigal, Professor am Africa Health Research Institute in Südafrika, hat etwa die Neutralisierung der COVID-Variante durch den Wirkstoff von BioNTech-Pfizer im Vergleich zu einem früheren Corona-Stamm "sehr stark abgenommen". Entsprechend biete der Impfstoff nur einen teilweisen Schutz gegen Omikron.

Auch der Chef des US-amerikanischen Impfstoffherstellers Moderna, Stéphane Bancel, geht von einer "erheblichen Abnahme" der Schutzwirkung aus. Schließlich beträfen 32 der 50 Mutationen bei Omikron das Spike-Protein, mit dem das Coronavirus in Zellen eindringt. 

Dass dies vermutlich alle vorhandenen Impfstoffe betrifft, bestätigt auch die Frankfurter Virologin Sandra Ciesek auf Twitter:

"Die Daten bestätigen, dass die Entwicklung eines an Omicron angepassten Impfstoffs sinnvoll ist", schreibt die Direktorin des Instituts für Medizinische Virologie am Universitätsklinikum Frankfurt am Main.

Warum ist Omikron ansteckender?

Unter Hochdruck wird derzeit die neue Virus-Variante analysiert. Bei Untersuchungen der US-amerikanischen Firma Nference wurde eine Gen-Sequenz in Omikron entdeckt, die das mutierte Virus möglicherweise ansteckender macht. Denn dieses ungewöhnliche Gen-Material ist auch in Viren zu finden, die herkömmliche Erkältungen auslösen. Bekannt ist die Sequenz bisher vor allem aus dem Humanen Coronavirus HCoV 229E, das Menschen und Fledermäuse infizieren kann. So habe sich die Omikron-Variante besser an den menschlichen Wirt anpassen können, glaubt Venky Soundararajan, Bio-Ingenieur und Mitautor der Studie.

Die Mischung des genetischen Materials beider Virenstämme könnte laut der Studie innerhalb eines menschlichen Organismus geschehen sein. Demnach könnten Zellen in menschlichen Lungen von beiden Viren befallen worden sein und sich dort vermischt haben.

Ist Omikron weniger gefährlich?

Renommierte Gesundheitsexperten wie Dr. Anthony Fauci, der Corona-Berater von US-Präsident Joe Biden, bezeichnete die bisherigen Erkenntnisse zu Omikron in Bezug auf die Schwere der Erkrankung mit COVID-19 indes vorsichtig als "etwas ermutigend". 

Die These: Vielleicht ist das Virus ja ansteckender, aber die Verläufe sind milder.

Das stimmt hoffnungsvoll, allerdings schränkte Fauci auch gleich ein: "Aber wir müssen sehr vorsichtig damit sein, Einschätzungen darüber zu treffen, ob Omikron weniger gefährlich ist oder wirklich weniger schwere Krankheitsverläufe verursacht als Delta." 

Zwar gibt es positive Signale:  Erste Berichte von Ärzten aus Südafrika deuteten darauf hin, dass Omikron zu milderen Krankheitsverläufen führen könnte.

Aber wirklich belastbare Aussagen über den Verlauf von COVID-19-Erkrankungen nach einer Infektion mit der Omikron-Variante gibt es nicht. In Südafrika etwa wurden nur 42 Fälle eingehender untersucht. Die Aussagekraft der Untersuchung ist also sehr begrenzt. Demnach sei das Alter der Erkrankten im Vergleich zu anderen Varianten gesunken; über 80 Prozent der durch die Omikron-Variante Erkrankten sind demnach unter 50 Jahre alt.

Außerdem verbrächten die betroffen Patienten weniger Zeit im Krankenhaus: Waren es vor Omikron noch 8,5 Tage im Durchschnitt, seien es bei den Omikron-Infizierten nur noch zirka 2,8 Tage, heißt es in einer Mitteilung von des Virologen Fareed Abdullah vom Südafrikanischen Medizinischen Forschungsrat. Aber weitere Untersuchungen müssten dringend folgen, betont Dr. Abdullah.

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Virologe Drosten besorgt über Omikron-Virusvariante

Denn all dies sagt wenig darüber aus, ob Omikron bei älteren Infizierten ebenfalls eher einen milden Verlauf nimmt. Laut Virologe Drosten könnte es auch gut sein, dass die Krankheitsschwere sogar zunimmt. Das Virus vermehre sich nicht nur stärker, in der Omikron-Variante sei auch die "blödeste Kombination" an Eigenschaften vertreten: Immunflucht und Fitnessgewinn. "Viel Virus, viel Krankheit", sagte Drosten in dem NDR-Podcast Das Coronavirus-Update. 

Ist es gut, wenn Omikron die Delta-Variante verdrängt?

Die rasche Ausbreitung von Omikron könnte bedeuten, dass Omikron die bislang noch dominierende Delta-Variante verdrängt, dass also eine sehr ansteckende, aber wohlmöglich harmlosere Variante eine nachweislich sehr ansteckende und sehr gefährliche Variante verdrängt. Das das klingt zunächst einmal sehr vielversprechend, aber noch kann niemand verlässlich abschätzen, ob dies tatsächlich die Pandemie abschwächt. 

Eine neue Mutation muss nicht zwangsläufig gefährlicher sein, das haben die Fachleute bereits beim Bekanntwerden der ersten Varianten betont. Häufig verlieren Viren durch zahlreiche Mutationen auch ihren Schrecken. Oder sie produzieren beim Reproduktionsprozess so viele Kopierfehler, dass die Viren wirkungslos werden, wie dies jüngst bei der Delta-Variante in Japan beobachtet wurde.

Durch die Omikron-Variante wird uns die Pandemie noch Monate im Griff halten, warnt der Chefvirologen der Berliner Charité: "Das Deltavirus ist unser Problem bis in den Januar rein, das Omikronvirus ist unser Problem bis Sommer", schätzt Drosten.

Protest-Demonstartion gegen die Impfpflicht und Corona-Maßnahmen in Österreich. Demonstranten halten Plakate: Wir sind das Volk und Uns kriegt Ihr nie!

In vielen europäischen Ländern wie hier in Österreich gibt es Proteste gegen eine allgemeine Impfpflicht

Sind Impfungen und Booster trotz Omikron-Variante noch sinnvoll?

Eindeutig ja! Zwar ist davon auszugehen, dass die vorhandenen Impfstoffe durch die Omikron-Variante weiter an Wirksamkeit verlieren. Aber das bedeute nicht, dass sie gar keine Wirkung haben, betonen Fachleute wie Christian Drosten.

Auch Impfungen und Booster mit den vorhandenen Impfstoffen schützen vor schweren Krankheitsverläufen und Todesfällen, da sind sich die Expertinnen und Experten einig. Und gerade deshalb sei es so wichtig, dass die noch Umgeimpften sich doch noch schützen lassen und dass die Booster-Impfkampagnen beschleunigt werden.

Der Artikel wurde zuletzt am 13. Dezember 2021  aktualisiert.


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