COVID-19: Der lange Weg des Impfstoffs | Wirtschaft | DW | 28.01.2021
  1. Inhalt
  2. Navigation
  3. Weitere Inhalte
  4. Metanavigation
  5. Suche
  6. Choose from 30 Languages
Anzeige

Corona-Pandemie

COVID-19: Der lange Weg des Impfstoffs

Der Schlüssel zur Beendigung der Pandemie ist eine nachhaltige Impfkampagne - und zwar möglichst weltweit. Es gibt zwar bereits mehrere Impfstoffe, doch der Weg zur Massenproduktion ist lang und steinig.

Als bekannt wurde, dass eine deutsche Firma als eine der ersten weltweit einen Impfstoff gegen die durch das Coronavirus hervorgerufene COVID-19-Infektion entwickelt hatte, war die Erleichterung groß. Und auch ein gewisser patriotischer Stolz schwang mit: BioNTech ist schließlich eine Firma aus Mainz.

Doch schnell mischten sich Stolz und Erleichterung mit Skepsis, denn schon bei der Zulassung des Impfstoffes taten sich viele Fragen auf: Wer sollte zuerst geimpft werden? In welcher Reihenfolge würde es weitergehen und vor allem Dingen: Könnte überhaupt rechtzeitig ausreichend Impfstoff zur Verfügung stehen?

Infografik COVID-19 Impfstoff Produktionskapazitäten DE

Eine Firma kaufen reicht nicht

Rolf Hömke, Forschungssprecher des Verbandes forschender Arzneimittelhersteller (VFA), in dem fast 50 deutsche Pharmafirmen organisiert sind, beantwortet diese Frage nicht direkt. Er verweist im Gespräch mit DW aber auf eine grundlegende Schwierigkeit  "Es ist eine Sache, in einem kleinen Maßstab zu produzieren, es ist eine andere Sache, wenn sie auf einmal hochskalieren müssen."

BioNTech reagierte auf diese Herausforderung, in dem es in Marburg eine zusätzliche Produktionsstätte vom Konkurrenten Novartis übernahm: Ein voll ausgerüsteter  Produktionsstandort mit einer gut ausgebildeten Belegschaft. Zwar hatte das Werk, so Rolf Hömke, "Anlagen zur Vermehrung von Bakterien und auch Reinigungsanlagen. Aber nichts passte eben genau auf diese Aufgaben." Die Produktion in Marburg soll im Februar starten. 

Einer der beiden Gründer von BioNTech und Mitentwickler des Impfstoffes, Ugur Şahin bestätigt das. Dem Nachrichtenmagazin Der Spiegel sagte der Forscher: "Die Herstellung von mRNA-Impfstoffen in Arzneimittelqualität ist alles andere als trivial. Da kann man nicht einfach umschalten, so dass statt Aspirin oder Hustensaft plötzlich Impfstoff hergestellt wird. Der Prozess braucht jahrelange Expertise und eine entsprechende bauliche und technologische Ausstattung ." Hilfe kommt nun auch von der Konkurrenz: Der französische Sanofi-Konzern, dessen eigenes Impfstoff-Projekt derzeit nicht recht vorankommt, sicherte zu, an seinem Standort in Frankfurt am Main ab Sommer den Biontech-Impfstoff produzieren zu wollen.    

Deutschland Biontech - Ugur Sahin

Biontech-Mitgründer und Impfstoffentwickler Sahin warnt: "Es entsteht ein Loch, weil weitere zugelassene Impfstoffe fehlen."

Aber alleine geht gar nichts

Einen neuen Arzneiwirkstoff oder einen Impfstoff zu entwickeln ist eine Aufgabe für ein kleines Team spezialisierter Forscher. Die bekommen, mit Hilfe von Förderern oder größeren Forschungseinrichtungen, auch die Herstellung von ausreichenden Mengen für die klinische Erprobung oder die Zulassung hin.

Geht es jedoch darüber hinaus, kann das kein Forscherteam mehr leisten. Auch große Unternehmen kommen allein nicht weiter, so VFA-Sprecher Rolf Hömke: "Sie sind in der Pharmaindustrie immer auf Zulieferer angewiesen. Wir fangen ja nicht immer beim Erdöl an." Nach kurzer Überlegung zählt Hömke noch weitere Stoffe auf. Etwa "Bakterienkulturen und Nährmedien dafür. Dann eine ganze Reihe von Spezialchemikalien. Dann wird die mRNA in kleine Bläschen eingeschlossen, und für die brauchen sie ebenfalls Zutaten. Ja, man braucht Zulieferer."

Mit dieser Einschätzung steht er nicht allein da. Auch der Impfstoffentwickler Ugur Şahin sieht das so. Aber, warnt er, man brauche nicht nur mehr spezialisierte Zulieferer, sondern auch mehr Konkurrenz: "Es entsteht ein Loch, weil weitere zugelassene Impfstoffe fehlen."

Auch das Glas kommt aus Mainz

Einige dieser Zulieferer schreiben ihrerseits eine (deutsche) Erfolgsgeschichte. Zum Beispiel bei den Gläsern. Um Medizin oder auch Impfstoffe aufzubewahren, kann man nicht irgendein Glas nehmen. Das muss nämlich besondere Eigenschaften erfüllen: Beispielsweise muss es (zurzeit besonders wichtig für das BioNTech-Vakzin) sehr temperaturbeständig sein. Und es darf mit dem Stoff, mit dem es in Berührung kommt, nicht reagieren.

Ein solches Glas, das sogenannte Borosilicatglas, stellt Mainzer Firma Schott bereits seit 1887 her. Heute ist Schott eine der drei Firmen, die den Weltmarkt für Borosilikatglas dominieren. Die beiden anderen sind die italienische Firma Stevenato und das deutsche Unternehmen Gerresheim aus Düsseldorf.

Die Gerresheimer AG ist aus der Gerresheimer Glashütte hervorgegangen, die vor rund 120 Jahren zu den größten Glasproduzenten der Welt zählte. Zwar ist die Firma nach dem Düsseldorfer Stadtteil Gerresheim benannt, doch ihrer Heimat ist sie längst entwachsen. Inzwischen produziert sie vorzugsweise dort, wo ihre Kundschaft zu Hause ist: In zwei Werken in den USA und Mexiko werden Impffläschchen für Nordamerika hergestellt, für die Abnehmer in Asien gibt es ein Werk in Indien und drei in China. Für Europa wird im französischen Chalon und im polnischen Boleslawiec produziert. Die Gläser für den deutschen Markt werden im nordrhein-westfälischen Bünde geblasen.

Rolf Hömke Verband Forschender Arzneimittelhersteller

Dr. Rolf Hömke vom VDA: "Sie sind in der Pharmaindustrie immer auf Zulieferer angewiesen"

Auf dem Weg zur Massenproduktion

Entscheidend für die Menge der Impfdosen, die ausgeliefert werden, und für die Geschwindigkeit, in der das geschehen kann, wird aber nicht allein die Ausweitung der Herstellungskapazitäten sein. Wie schnell eine Bevölkerung ausreichend geimpft werden kann, hängt laut Rolf Hömke daran, "wie schnell jetzt weitere Anbieter dazukommen." Für den VFA-Sprecher ist völlig klar: "Keine einzige Firma kann für den Weltbedarf die Produktionskapazität in realistischen Zeiträumen schaffen. Das geht einfach nicht."

Ohne globale Kooperation undenkbar

Die Frankfurter Allgemeine Zeitung hat einige internationale Kooperationen recherchiert, die vereinbart worden sind, weil die meisten Impfstoffhersteller noch über keine eigene Produktion im industriellen Maßstab verfügen. Moderna etwa arbeite mit einem ganzen Netzwerk von Partnern zusammen, unter anderen mit Lonza in der Schweiz und Rovi in Spanien.

CureVac, neben BioNTech der zweite deutsche Hersteller, hat bereits vor Jahren begonnen, eine eigene große Produktionsstätte zu errichten, im nächsten Jahr soll sie fertig sein. Derzeit sind etwa die Wacker Chemie AG in München für die mRNA-Herstellung sowie Fareva in Frankreich für die Abfüllung beauftragt. Zudem seien weitere Partner involviert, die aber namentlich nicht genannt werden.

BioNTech produziert die Botenstoffe mRNA zurzeit in Mainz, dem Firmensitz. Die Laupheimer Rentschler Biopharma ist für die Reinigung eingebunden, sie entfernt Rückstände. Für die Einbettung der mRNA-Botenstoffe in Lipid-Nanopartikel sorgen die Unternehmen Polymun und Dermapharm. Die niedersächsische Siegfried Holding AG in Hameln soll die fertigen Impfstoffe abfüllen.

Coronavirus - Hamburger Impfzentrum in Betrieb

Ein Impfzentrum in Hamburg: Der Impfstoff wird gerade gebracht, doch wo bleiben die Hauptdarsteller: die Patienten?

Natürliche Grenzen

Internationale Kooperationen aber reichen nicht aus, um die globale Nachfrage schnell befriedigen zu können. Die Produktionsstätten sind knapp, oft noch in Bau oder sogar erst in Planung.So überprüft das indische Serum Institut (SII), einer der weltgrößten Hersteller von Impfstoffen, gerade die Möglichkeit, Produktionskapazitäten auszubauen oder mit weiteren Partner zusammenzuarbeiten.

SII hatte gerade bekannt gegeben, seine Arbeit an eigenen Impfseren wegen "enttäuschender Studienergebnisse" einzustellen und sich selbst als Kooperationspartner angeboten. Die Nachrichtenagentur Bloomberg berichtet, SII rüste derzeit mehrere Impfwerke um, um Medikamente zur Behandlung von Corona-Infizierten zu fertigen.

Zudem liefen, so die Frankfurter Allgemeine Zeitung, bei allen beteiligten Firmen die Bänder "schon auf Hochtouren". Außerdem handele es sich bei den Partnerfirmen oft nicht um klassische Impfstoffhersteller, sondern um Firmen mit Expertise in bestimmten Prozessen.

Und noch ein Aspekt ist wichtig: Nur wegen Corona können die Pharmafirmen nicht aufhören, andere Impfstoffe zu produzieren, die ebenso wichtig sind: Gegen Masern, Mumps, Röteln zum Beispiel. Und auch neuen Grippeimpfstoffe müssen entwickelt werden. Denn die nächste Influenza-Welle kommt bestimmt.    

Dieser Beitrag wurde am 28.01.2021 aktualisiert

Die Redaktion empfiehlt

Audio und Video zum Thema

Anzeige