Coronavirus: Trügerisches Sicherheitsgefühl durch Einweghandschuhe | Wissen & Umwelt | DW | 09.04.2020
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Gesundheit

Coronavirus: Trügerisches Sicherheitsgefühl durch Einweghandschuhe

Einmalhandschuhe schützen nicht wirklich vor dem neuen Coronavirus, vielmehr erhöhen sie als Keimschleuder sogar die Ansteckungsgefahr.

In Supermärkten, auf dem Wochenmarkt, im Alltag - immer häufiger sieht man Menschen nicht nur mit Mundschutz, sondern auch mit Einweghandschuhen, um sich vor dem hochansteckenden Coronavirus SARS-CoV-2 zu schützen. In vielen Drogerien weltweit sind sie seit Wochen ausverkauft.

Die Benutzung von Einmalhandschuhen ist ein naheliegender Gedanke, schließlich erfolgt die Infektion mit dem Coronavirus über eine Tröpfcheninfektion, also etwa beim Husten oder Niesen, oder auch durch eine Schmierinfektion: Wenn man etwas anfasst, erreichen die Erreger die Hand. Greift man sich dann mit der Hand ins Gesicht, an die Augen, Nase oder Mund, gelangen die Viren schließlich in den Körper.

Lesen Sie hier: Stark gegen Keime: So funktioniert unser Immunsystem

Poröses Material

Zwar werden Einweghandschuhe in Arztpraxen oder von Sanitätern getragen, aber diese schützen die Hände nur vor groben Verunreinigungen, etwa mit Blut oder anderen Körperflüssigkeiten. Nur sehr kurzfristig können sie vor einer Kontamination mit Bakterien und Viren schützen.

Denn eigentlich ist das Material der Einweghandschuhe porös und je länger man sie trägt, desto leichter können Krankheitserreger die vermeintliche Schutzhülle durchdringen. Auch deshalb reinigt und desinfiziert das medizinische Personal die Hände nach Gebrauch der Einweghandschuhe sorgfältigst. Diese Hygieneregeln ersetzen Einweghandschuhe ausdrücklich nicht. 

Mehr dazu: Coronavirus: Wie gut hilft ein Mundschutz?

Infografik: Hände und Haut richtig waaschen und pflegen

Trügerischer Schutz

Einweghandschuhe aus Vinyl, Latex oder Nitril vermitteln zwar das Gefühl von Sterilität, tatsächlich aber ist dieses Sicherheitsgefühl sehr trügerisch. Viele achten zwar beim Einkaufen mit Einweghandschuhen besser darauf, sich nicht ins Gesicht zu fassen - versehentlich passiert es allerdings doch recht häufig.

Achtung: Auch wenn Sie mit Einweghandschuhen ans Handy oder in die Hosentasche greifen, verteilen Sie die Krankheitserreger unbemerkt und großflächig. Und für das Virus ist es unerheblich, ob es von der bloßen Hand oder dem Einweghandschuh über das Gesicht in den Körper gelangt.

"Hygienische Sauerei großen Ausmaßes"

Entsprechend warnen Ärzte nicht nur eindringlich vor dem trügerischen Sicherheitsgefühl. Einweghandschuhe können sogar das Ansteckungsrisiko zusätzlich erhöhen. Denn die Haut fängt unter den Einweghandschuhen sehr schnell an zu schwitzen. Und das feuchtwarme Klima ist ein ideales Umfeld für Bakterien und Viren aller Art.

"Hört auf, medizinische Handschuhe in der Öffentlichkeit zu tragen. Das ist eine hygienische Sauerei großen Ausmaßes." So drastisch formulierte es der Allgemeinmediziner Dr. Marc Hanefeld auf Twitter und Facebook. "Unter dem Handschuh vermehren sich Bakterien mit Freude in der feucht-warmen Kammer. Spätestens nach dem Ausziehen hat man ohne Desinfektion eine Kloake an den Händen. Herzlichen Glückwunsch", so der Mediziner aus dem norddeutschen Bremervörde.

Ähnlich sieht es auch der Lungenarzt und Internist Dr. Jens Mathews, der Einweghandschuhe in einem Interview mit dem SWR als "Keimschleuder" für das Coronavirus bezeichnete. Sie böten nicht nur keinen Schutz, sondern seien sogar kontraproduktiv. In kürzester Zeit sammle ein Einweghandschuh viel mehr Bakterien an der Oberfläche an als die frisch gewaschene Hand, so Jens Mathews.

Seit Jahren warnt auch Prof. Dr. Ojan Assadian, Präsident der Österreichischen Gesellschaft für Krankenhaushygiene (ÖGKH), vor dem falschen Gebrauch von Einmalhandschuhen. "Medizinisch ungeschulten Menschen würde ich das Tragen von Einmalhandschuhen im Alltag gar nicht erst empfehlen. Es erfordert ein gewisses Know-how und Übung, sich Einmalhandschuhe so auszuziehen, dass die etwaig darauf haftenden Mikroorganismen auch darauf verbleiben und der Handschuhträger sie sich nicht beim Ausziehen auf die Hände, das Handgelenk oder die Ärmel seiner Oberbekleidung schmiert", erklärt der Hygieniker und Infektiologe im Interview mit dem Fachmagazin pflegen-online.de

Richtige Entsorgung!

Wer sich und seine Mitmenschen aktuell vor dem Coronavirus schützen will, sollte also lieber die bekannten Schutz- und Hygienemaßnahmen befolgen und auf Einweghandschuhe verzichten. Also: Hände ausgiebig mit Seife waschen, Abstand halten, zu Hause bleiben… 

Wer trotzdem Einweghandschuhe benutzt, muss sie nach dem Gebrauch richtig entsorgen und nicht - wie derzeit leider häufig beobachtet - achtlos wegwerfen.

Benutzte Einweghandschuhe gedankenlos wegzuwerfen oder absichtlich in Einkaufswagen liegen zu lassen, ist fahrlässig und asozial. Sie müssen wie Atemschutzmasken in einem geschlossenen Sack im Restmüll entsorgt werden, so empfiehlt es auch das Robert Koch-Institut

Mehr dazu: Heiß, kalt, feucht? Was Viren zum Überleben brauchen

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