Coronavirus: Können Sportler jetzt ungestört dopen? | Sport | DW | 01.04.2020
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Der Sport in der Corona-Krise

Coronavirus: Können Sportler jetzt ungestört dopen?

Die Corona-Pandemie hat weite Teile des Lebens lahmgelegt, auch den Anti-Doping-Kampf. Doping-Kontrollen sind kaum oder gar nicht mehr möglich. Eine Einladung für Sportbetrüger?

Frau läuft auf Spur, Rückansicht (picture-alliance/PhotoAlto/O. Dimier)

Kein Kontrolleur in Sicht: Vielerorts werden Athleten aktuell nicht auf Doping getestet

Die weltweite Corona-Krise geht auch am Dopinglabor an der Deutschen Sporthochschule in Köln nicht spurlos vorbei. "Die Arbeit steht derzeit noch nicht still. Wir haben natürlich einen substantiellen Rückgang an Doping-Kontrollproben zu verzeichnen, sodass die sonst üblichen Routineprozesse zurückgefahren wurden", sagt Professor Mario Thevis, der das Labor am Institut für Biochemie leitet, der DW. "Wir nutzen diese Situation aktuell, um Testabläufe weiter zu optimieren. Aber mittelfristig ist auch hier mit Kurzarbeit zu rechnen." Bisher ist noch keiner von Thevis' Mitarbeitern durch eine Corona-Infektion ausgefallen. Bei elf anderen von aktuell weltweit 26 akkreditierten Labors weist die Welt-Anti-Doping-Agentur (WADA) bereits darauf hin, dass der Betrieb "aufgrund von Covid-19 vorübergehend unterbrochen" sein könne.

Der Anti-Doping-Kampf muss hintenanstehen

In einigen Ländern wie China, Russland, Kanada und auch Deutschland sind die Dopingkontrollen wegen der Corona-Pandemie ausgesetzt. In anderen Staaten gehen die Tests unter erschwerten Bedingungen weiter - wie lange, ist noch offen. Die WADA beschwört zwar weiterhin die Vision eines dopingfreien Sports, räumt aber ein, dass "der Schutz der allgemeinen Gesundheit Vorrang haben muss". Dieser Meinung ist auch Professor Fritz Sörgel. "Wir befinden uns in einer Ausnahmesituation, wie wir sie noch nie erlebt haben", sagt der Anti-Doping-Experte, der das Institut für Biomedizinische und Pharmazeutische Forschung in Nürnberg leitet. "Für alle Organisationen geht es erstmal ums Überleben, auch in finanzieller Hinsicht. Der Anti-Doping-Kampf wird jetzt hintenanstehen müssen." Das Doping-Kontrollsystem steht vor dem Kollaps.

Fritz Sörgel Pharmakologe (picture-alliance/dpa/D. Karmann)

Pharmakologe Fritz Sörgel sieht eine potentielle Versuchung für Doper in der wettkampf- und kontrollfreien Zeit

Während WADA-Chef Witold Banka gebetsmühlenartig wiederholt, dass die Jagd auf Dopingsünder weitergehe ("Wenn du ein Betrüger bist, kriegen wir dich, ganz sicher"), sieht Sörgel sehr wohl die Gefahr, dass sich dopingwillige Athleten durch die aktuelle Situation eingeladen fühlen könnten. "Es ist vor allem für Sportler, die in der zweiten Reihe stehen, die Chance, sich über eine gewisse, wahrscheinlich recht lange Zeit mit unrechtmäßigen Mitteln in die erste Linie vorzupushen", sagt der Pharmakologe der DW. "Die wettkampffreie Zeit ist von Dopern immer wieder ausgenutzt worden, um sich sportlich auf ein höheres Niveau zu bringen - auch in der Hoffnung, dass man dann nicht so oft getestet wird."

Die ideale Gelegenheit für Doper?

Nutzt möglicherweise der eine oder andere Übeltäter die Zeit auch, um neue Dopingsubstanzen oder -methoden auszuprobieren? "Dieses Szenario kann ich nicht ausschließen", sagt Professor Thevis vom Dopinglabor in Köln. Die Nationale Anti-Doping-Agentur (NADA) will sich an dieser Diskussion nicht beteiligen. "Die Gesundheit aller am Dopingkontrollsystem beteiligten Personen steht im Fokus. Dieser Prämisse ist alles unterzuordnen", erklärt die NADA gegenüber der DW. "Eine Diskussion um die Aussetzung der Kontrollen und dem damit verbundenen Generalverdacht gegenüber allen Athletinnen und Athleten halten wir für falsch."

Die NADA arbeitet mit dem Kölner Dopinglabor und der Sportler-Organisation "Athleten Deutschland" an dem Plan, während der Corona-Krise so genannte Dried Blood Spot Tests (DBST) für den Anti-Doping-Kampf einzusetzen. Dabei entnimmt sich der Sportler selbst einen Tropfen Blut, z.B. vom Finger. Auf Filterpapier trocknet der Tropfen ein, und wird dann in einem versiegelten Umschlag ins Labor geschickt. Per Video-Liveschalte wird die Blutentnahme überwacht. "In der jetzigen Situation hätte diese Methode den Vorteil, dass man minimal-invasiv Proben gewinnen könnte und dass der Zustand des Testmaterials ein reduziertes Infektionsrisiko mit sich bringen würde", sagt Professor Thevis. Schließlich laufen aktuell auch Dopingkontrolleure und -tester Gefahr, sich bei ihrer Arbeit mit dem Coronavirus zu infizieren. In Staaten, wo trotz der Pandemie noch weiter kontrolliert wird, wie z.B. in Australien und den USA, gelten für Tests verschärfte Hygienevorschriften.

Olympiaverschiebung führt zu "psychischem Auf und Ab"

Der Leiter des Kölner Labors verweist auf gute Erfahrungen mit den getrockneten Bluttropfen. Allerdings könne diese Methode reguläre Dopingkontrollen nicht in vollem Umfang ersetzen: "Bei gewissen Substanzen kann man alleine mit Hilfe des Bluttropfens nicht das ganze Spektrum abdecken wie sonst üblicherweise durch die Kombination von Urin- und Vollbluttest." Zudem ist fraglich, ob ein solcher Selbsttest ohne physische Anwesenheit eines Testers sicher gegen mögliche Manipulationsversuche ist.

Fussball 2. Bundesliga l FC Ingolstadt vs FC Union Berlin l Dopingkontrolleur der NADA (picture alliance/SvenSimon/F. Hoermann)

Kein Spielbetrieb, keine Wettkampfkontrollen - wann kann das Kontrollsystem wieder anfangen zu arbeiten?

Alle Beteiligten im Anti-Doping-Kampf begrüßen, dass die Olympischen Spiele von Tokio nicht in diesem Sommer ausgetragen werden. Dagmar Freitag, Vorsitzende des Sportausschusses im Bundestag, sieht in der Verschiebung auf 2021 sogar eine Chance. "Der Trainingsaufbau muss jetzt völlig neu justiert werden", sagt die SPD-Politikerin der DW. "Das gibt dann auch wieder ganz andere Möglichkeiten für einen wirksamen Anti-Doping-Kampf. Die Fachleute in den Nationalen Anti-Doping-Agenturen wissen ja genau, wann sie in Trainingszyklen am häufigsten kontrollieren müssen."

Professor Sörgel ist in diesem Punkt weniger optimistisch. Für den Anti-Doping-Experten ist die Verschiebung der Olympischen Spiele "um nur ein Jahr die nächste Fehlplanung". Die Ungewissheit, wann reguläres Training und Wettkämpfe wieder möglich seien, führe für die Sportler zu einem "psychischen Auf und ab", sagt Sörgel: "Das ist eine enorme Belastung und ruft möglicherweise auch den übermäßigen Gebrauch von legalen Substanzen wie Nikotin in Form von Kautabak oder auch von Antidepressiva hervor. Ergänzend kann man noch Cannabis erwähnen, das dürfte in dieser Phase sehr schnell ein Thema für Sportler sein." Wenn die körperliche Fitness nicht durch Wettkämpfe abgefragt werde, so der Pharmakologe, müsse der Sportler es trotzdem irgendwie schaffen, sein Niveau zu halten. "Dazu sind auch Dopingsubstanzen mögliche Hilfsmittel." 

Profiteure der Olympia-Verschiebung

Spanien Barcelona Radrennfahrer mit Schatten (picture-alliance/imageBROKER/U. Kraft)

Wer kann die Chancengleichheit im Sport gewährleisten wenn nicht kontrolliert wird?

Dutzende bereits verurteilter Dopingsünder dürften sich nach der Verlegung der Olympischen Spiele die Hände reiben. Alle Sportler, deren Sperren bis zum neuen Termin am 23. Juli 2021 ablaufen, können in Tokio starten - vorausgesetzt, sie qualifizieren sich für die Wettbewerbe. Dopingsperren gelten eben für eine bestimmte Dauer, unabhängig davon, ob bestimmte Sportereignisse stattfänden oder nicht, sagte WADA-Chef Banka in einem Interview der Internetplattform "Insidethegames": "Wenn man seine Strafe verbüßt hat, kann man auch wieder starten. Es gibt keine rechtliche Möglichkeit, die Strafe zu verlängern."

Einer der möglichen Profiteure ist Hiromasa Fujimori. Der japanische Schwimmer, der bei den Spielen 2016 in Rio de Janeiro als Vierter über 200 Meter Lagen eine Olympia-Medaille knapp verpasst hatte, war bei der Kurzbahn-WM 2018 in Hangzhou in China positiv auf das Aufputschmittel Methylephedrin getestet worden. Der 28-Jährige bestreitet, gedopt zu haben und vermutet, dass verunreinigte Reisbällchen, die er in Hangzhou aß, zu dem positiven Testergebnis führten. Anfang März wies der Internationale Sportgerichtshof (CAS) Fujimoris Einspruch gegen die Sperre für zwei Jahre ab. Der Traum des Japaners von einem Olympiastart vor einheimischen Fans schien damit endgültig geplatzt zu sein. Nun dürfte er wiederaufleben, da Fujimoris Sperre am 31. Dezember 2020 ausläuft.

Schnell wieder bei voller Leistungsfähigkeit

Die Vorsitzende des Bundestags-Sportausschusses, Dagmar Freitag, fordert, trotz der Verschiebung der Spiele von Tokio im Anti-Doping-Kampf nicht nachzulassen. "Für die sauberen Athletinnen und Athleten bleibt das Thema ganz oben auf der Tagesordnung", sagt Freitag. "Sie brauchen die Gewissheit, dass sie an sauberen Spielen teilnehmen können." Dafür wäre hilfreich, wenn der Tag X, an dem auch der Sport wieder zur Normalität zurückkehren kann, nicht in allzu weiter Ferne liegt. "Sofern es die Lage zulässt, wird die NADA umgehend wieder klassische Dopingkontrollen durchführen", erklärt die Nationale Anti-Doping-Agentur. Auch das Dopinglabor in Köln wäre dann wieder schnell zur Stelle. "Es würde einen geringfügigen Vorlauf benötigen", sagt Professor Thevis der DW. "Aber grundsätzlich sind die Testabläufe und Verfahren so aufgestellt, dass wir schnell wieder volle Leistungsfähigkeit erbringen können." Sportbetrüger sollten sich also auch in Zeiten von Corona nicht zu sicher fühlen.

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