Corona und Sport: Zwei Meter reichen nicht | Sport | DW | 09.04.2020
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Corona und Sport

Corona und Sport: Zwei Meter reichen nicht

Eine Untersuchung zum Coronavirus kommt zu dem Ergebnis, dass der bisher empfohlene Abstand beim Sport im Freien nicht ausreicht, um den Kontakt mit Speicheltröpfchen anderer Sportler in der Luft zu umgehen.

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Trotz Corona bedenkenlos Sport treiben?

Nach kurzer Zeit, so die gängige Information, sind von Infizierten ausgeatmete SARS-CoV-2-Viren zu Boden gesunken. Auf dieser Erkenntnis basiert die Empfehlung, einen Sicherheitsabstand von anderthalb bis zwei Metern zu anderen Menschen zu halten, um eine Tröpfcheninfektion zu vermeiden. Doch wie verhält es sich beim Sport, also dann, wenn man nicht stillsteht, sondern in Bewegung ist? Auch das ist momentan ein vieldiskutiertes Thema. Im Gegensatz zu anderen Ländern, in denen die Maßnahmen deutlich restriktiver sind, ist Individualsport in Deutschland als Teil der Gesundheitsprävention weiterhin erlaubt. Maximal zwei Sportlerinnen bzw. Sportler dürfen gemeinsam trainieren, sollten aber einen gewissen Abstand einhalten - und genau hier setzt eine neue Studie der Universitäten Leuven (Belgien) und Eindhoven (Niederlande) an. 

Unter der Leitung von Bert Blocken, Professor für Gebäudephysik und Aerodynamik an beiden Hochschulen, hat eine Gruppe von Wissenschaftlern untersucht, wie sehr Sportler COVID-19-Erregern ausgesetzt sein können, wenn sie sich im Windschatten eines anderen Sportlers bewegen.

Belgien Professor Bert Blocken von der Universität Leuven (Privat)

Studienleiter Bert Blocken

Die Forscher beobachteten das Ausstoßen von Speichelpartikeln während verschiedener Bewegungen in unterschiedlichen Geschwindigkeiten (Gehen und Laufen). Dabei veränderten sie auch die Position des nachfolgenden Gehers bzw. Läufers: Mal bewegte man sich nebeneinander, dann diagonal versetzt hintereinander und schließlich direkt hintereinander. Derartige Modelle werden normalerweise genutzt, um sportliche Leistungen zu analysieren und zu verbessern, da es in vielen Sportarten und Disziplinen einen positiven Effekt hat, wenn man sich in der Luftströmung von Vorderfrau oder -mann bewegt. In Zeiten von Corona ist das allerdings nicht zu empfehlen.

20 Meter Abstand bei höherem Tempo

"Wenn man läuft oder Rad fährt und dabei ausatmet, werden zahlreiche nur Mikrometer große Tröpfchen ausgestoßen", erklärt Blocken der DW am Telefon. In seiner Untersuchung habe man diese unsichtbaren Tröpfchen mit speziellem Licht sichtbar gemacht. "Wir haben zwei Personen gehen und rennen lassen, um zu sehen, wie weit die Tröpfchen tatsächlich in Richtung der anderen Person reichen. Und wenn man zu nahe an der anderen Person ist, bekommt man deren Tröpfchen ins Gesicht." Damit wäre eine Übertragung des Virus möglich, vorausgesetzt die vorauslaufende Person ist infiziert. 

Blocken und seine Kollegen kommen daher zu dem Schluss, dass die 1,5-Meter-Regel beim Sport nicht ausreicht, um sich vor einer COVID-19-Infektion zu schützen. Stattdessen empfehlen sie beim Gehen in die gleiche Richtung einen Abstand von mindestens vier bis fünf Metern, beim Laufen und langsamen Radfahren zehn Meter und bei schnelleren Bewegungen sogar mindestens 20 Meter. 

Am ungefährlichsten ist es laut Blocken, wenn sich Sportler im gleichen Tempo nebeneinander bewegen, weil ihre Tröpfchenwolke dann hinter ihnen landet. Auch diagonal versetzt ist das Risiko, Partikel aus der Atemluft des Vordermanns einzuatmen, geringer. Das Kontaminationsrisiko ist dann am größten, wenn sich die hintere Person direkt im Windschatten der vorderen befindet.

Deutschland Dortmund | Coronakrise [ Symbolbild Breitensport & Fitness (picture-alliance/dpa/B. Thissen)

Radfahrer und Inline-Skater: Dieser Abstand ist laut Studie zu eng

Blocken empfiehlt daher, sich schon lange bevor man eine andere Person überholt, entsprechend weit zur Seite zu bewegen, damit man nicht in den Windschatten und die Tröpfchenwolke des anderen gerät. Wenn er selbst mit dem Fahrrad in seiner belgischen Heimat unterwegs sei, so der Wissenschaftler, beobachte er auch eine andere Taktik: "Viele Menschen halten die Luft an, wenn sie jemanden überholen, weil sie Angst vor dem Virus haben." Vielleicht sei das ein bisschen übertrieben, sagt Blocken, aber ähnlich wie man nicht aus einem Glas trinken wolle, aus dem eine infizierte Person getrunken habe, "wollen Sie auch nicht Speicheltröpfchen einatmen, die von einer anderen Person ausgestoßen werden".

Keine weise Entscheidung in Frankreich

Blockens Absicht mit seiner Untersuchung war übrigens nicht, Sport im Freien einzuschränken, sondern, im Gegenteil, Sportlern, die weiterhin draußen Sport treiben möchten, eine gewisse Sicherheit zu geben. In Belgien hatte es zuvor eine heiße Debatte darüber gegeben, wie weit sich Radfahrer von ihrem Heimatort entfernen dürfen. Blocken und viele andere argumentierten gegen jegliche Begrenzungen. Eine Ansicht, von der sich die Regierung schließlich überzeugen ließ. "Solange man sich nicht in der Nähe einer anderen Person bewegt, besteht keinerlei Risiko", sagt Blocken. 

Die Entscheidung Frankreichs, den erlaubten Radius für Bewegung im Freien auf einen Kilometer um den Wohnort und maximal eine Stunde am Tag zu begrenzen, sieht der Belgier kritisch: "Diese Entscheidung war nicht sehr klug. Sie bedeutet nämlich, dass in den Städten alle Leute auf einem sehr kleinen Gebiet trainieren und sich wahrscheinlich sehr nahe beieinander bewegen. Und das ist das Gegenteil von dem, was man tun sollte. Man sollte die Leute hinausgehen lassen - am besten aufs Land, damit sie Abstand halten können und nicht zu viele andere Leute treffen."

Blocken selbst fährt viel Fahrrad, vermeidet allerdings derzeit Radwege und fährt lieber auf großen Straßen, auf denen, dank der Ausgehbeschränkungen, momentan nicht viel los ist. "Ich bin noch nie in meinem Leben so ruhig und so alleine Rad gefahren wie in diesen Wochen und Monaten", sagt er.

Fußball: Wolken von Tausenden Mikrotröpfchen

Bezogen auf die Fußball-Bundesliga und andere Kontaktsportarten sieht Blocken keine Möglichkeit, die Spieler voreinander zu schützen, sollten tatsächlich wieder Spiele stattfinden. "Ich kann zwar keine Aussage über das Infektionsrisiko treffen, aber sicher ist, dass Menschen, die sich stark anstrengen, Wolken von Tausenden von Mikrotröpfchen abgeben", sagt Blocken. "Selbst wenn die Fußballspieler 1,5 Meter Abstand voneinander hielten, würden Speicheltröpfchen der Gegner und Mitspieler in ihre Atemwege gelangen, auf ihr Gesicht und auf ihren Körper. Und genau das möchte man mit der 1,5-Meter-Abstandsregel vermeiden."

Fußball Bundesliga Union Berlin vs VFL Wolfsburg Sebastian Andersson Tor (Imago Images/Contrast/O. Behrendt)

Sicherheitsabstände von 1,5 Metern? Bei Kontakt-Sportarten wie Fußball undenkbar

Eine Erlaubnis für Fußballspiele hält Blocken daher für schwierig, alleine schon, weil mancher denken könnte: Wenn wieder Fußball gespielt werden darf, dann muss ich die Abstandsregeln doch auch nicht mehr befolgen. Der belgische Wissenschaftler sagt daher nicht ohne Bedauern: "Ich denke, wenn man die 1,5-Meter-Regel in den kommenden Wochen und Monaten konsequent anwenden möchte, dann bedeutet das leider auch, dass nicht mehr viele Sportveranstaltungen möglich sein werden." 

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