Corona-Krise: Warum Wrestling und Pferderennen in den USA ″systemrelevant″ sind | Sport | DW | 26.04.2020
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US-Sport

Corona-Krise: Warum Wrestling und Pferderennen in den USA "systemrelevant" sind

Der ganz große Sport steht still in den USA. Doch es gibt noch Nischen-Sportarten, die der globalen Corona-Pandemie trotzen. Wrestling und Pferderennen finden statt. Auch, weil politische Interessen verfolgt werden.

Der April ist für gewöhnlich in den USA ein Monat voller sportlicher Highlights. Vor allem die Playoffs in der Basketball-Liga NBA sowie in der Eishockey-Liga NHL sorgen für Spannung und Spektakel. Hinzu kommen die Spiele in der Major League Baseball sowie der Major League Soccer. Doch wegen der Coronavirus-Pandemie sind in allen Ligen seit sechs Wochen die Arenen und Stadien geschlossen - und die Profis daheim.

Dennoch herrscht nicht kompletter Stillstand. Es gibt ihn noch, den Sport in den USA. Nein, nicht den aus der Konserve, der gegenwärtig von so vielen Fernsehstationen ausgestrahlt wird, sondern richtigen Sport. Live, mit jeder Menge Action - allerdings ohne Zuschauer. Auf fünf Pferderennbahnen in Florida, Nebraska, Oklahoma und Arkansas laufen Vierbeiner um die Wette. Und im "Performance Center" von Orlando, schleudern, schubsen und werfen sich durchtrainierte Muskelprotze durch das Seil-Quadrat.

Enger Kontakt im Ring statt Social Distancing

Hier produziert die World Wrestling Entertainment (WWE) ihre Shows "RAW" und "Smackdown". Anfang des Monats war nicht zu erwarten gewesen, dass die Wrestler in Zeiten von Social Distancing eine Chance hätten, aufeinander einzuprügeln. Floridas Gouverneur Ron DeSantis hatte bekanntgegeben, dass die Menschen aufgrund von COVID-19 daheim bleiben sollten und nur noch Geschäfte, die "systemrelevant" seien, wie Supermärkte, Arztpraxen oder Tankstellen geöffnet bleiben dürften. Und Jerry Demings, Bürgermeister von Orange County, wo das "Performance Center" steht, hob vor wenigen Tagen hervor, dass die WWE "zunächst nicht als systemrelevantes Business erachtet" worden sei.

Warum die Wrestler nun dennoch ihre Shows abziehen dürfen, sorgte angesichts von mehr als 28.000 positiven Tests in Florida - darunter auch ein WWE-Akteur - sowie mehr als 900 Corona-Toten vielerorts für Unverständnis. Denn die WWE ist nicht vom Konkurs bedroht. Im Gegenteil: Mehrere US-Medien berichten, dass sie keinerlei relevante Schulden habe und über ein Vermögen von rund 500 Millionen Dollar verfüge.

Plötzlicher Sonderstatus für WWE

Jerry L. Demings (picture-alliance/abaca/Orlando Sentinel/R. R. )

Jerry Demings, Bürgermeister von Orange County

Jerry Demings führt den plötzlichen Sinneswandel auf Gespräche mit DeSantis und anderen Staatsbeamten zurück. Acht Tage nach der "Stay at home"-Anordnung des Gouverneurs folgte die überraschende Ergänzung, dass ab sofort auch "Angestellte des Profi-Sports sowie von Medien-Produktionen mit landesweitem Publikum" als "systemrelevant" gelten würden. Anders ausgedrückt: Die Show-Einlagen der grölenden Kraftklötze haben, zumindest nach Ansicht des ranghöchsten Politikers, für das Leben im Sunshine State Florida eine enorme Bedeutung. Einzige Voraussetzung: Alles findet unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt.

Somit konnte die WWE, die laut strenger TV-Verträge das Gros ihrer Shows nicht aufzeichnen darf, sondern live ausstrahlen muss, wie gewohnt senden. Die Übertragungen, verteidigte DeSantis seine Entscheidung, würden nur wenige Beschäftigte am Ring erfordern, könnten aber zugleich viele Menschen an den Fernsehgeräten unterhalten.

Der Faktor Trump

Andere halten indes eine Millionen-Spende für den wahren Grund von DeSantis' Schritt. Und mit diesem Geld kommt ein Mann ins Spiel, der die ganze Sache besonders brisant macht: Donald Trump. Der US-Präsident hatte DeSantis im Herbst 2018 kräftig in dessen Gouverneurs-Wahlkampf gegen den demokratischen Kandidaten Andrew Gillum unterstützt. Dass DeSantis letztlich knapp gewann, führen viele auf Trump als entscheidenden Fürsprecher zurück.

Die WWE habe sich "öffentlich mit Präsident Trump und seiner Partei verbunden", kritisierte die Tageszeitung "Orlando Sentinel". Grund der Aufregung ist eine Zahlung von 18,5 Millionen Dollar - just an jenem 9. April, als DeSantis WWE als "essential Business" einstufte. Absender der Spende war das "American Action First PAC' - ein politisches Aktionskomitee pro Trump. Die Chefin dieser Vereinigung ist Linda McMahon, Ehefrau von WWE-Boss Vince McMahon und bis zum vergangenen Frühjahr noch Vorsitzende von Trumps "Small Business Administration".

"The Show must go on"

Vince McMahon wiederum ist seit Jahrzehnten ein enger Kumpel des jetzigen US-Präsidenten und trug einige seiner Wrestling-Events sogar in Trump-Hotels aus. Berühmt ist vor allem der Showdown der beiden aus dem Jahr 2007. Bei der "Battle of the Billionaires" durfte Trump McMahon im Ring eine Glatze rasieren, nachdem zuvor sein Wrestler gegen McMahons Akteur gewonnen hatte. "Das ist bis heute der peinlichste Moment meines Lebens", meinte McMahon, als er "meinen Freund Donald Trump" 2013 in die "Hall of Fame" der WWE aufnahm.

Donald Trump, Vince McMahon und Bobby Lashley (picture-alliance/AP Photo/C. Osorio)

Alte Bekannte: Vince McMahon (2.v.l.) lässt sich 2007 von Donald Trump (l.) im Wrestling Ring eine Glatze scheren

Trump wiederum hat McMahon nun als Berater in ein Team berufen, das an Plänen arbeitet, die US-Wirtschaft wieder in Schwung zu bringen. Ausgerechnet jenen McMahon, dessen American Football-Liga XFL vergangene Woche pleiteging und der vor wenigen Tagen rund 30 WWE-Mitarbeiter entlassen, beziehungsweise beurlaubt hat.

Ein Motto von Milliardär McMahon lautet: "The show must go on." Und so wird die WWE auch kommende Woche wieder live aus Orlando übertragen. Man kümmere sich um die Gesundheit der Sportler, betont die WWE. Die Kritik wird trotzdem nicht weniger. Die WWE, so der "Orlando Sentinel", habe ein Universum erschaffen, in dem alles möglich sei. "Allerdings verschwimmen die Grenzen zwischen Wrestling und realer Welt, wenn aus Profitgier die Aktionen von Milliardären den Lebensunterhalt sowie die Gesundheit von Frauen, Männern und deren Familien in Gefahr bringen", heißt es in der Tageszeitung weiter.

Big Business Pferderennen

Knapp 170 Kilometer westlich der Wrestling-Showbühne liegt die Pferderennbahn Tampa Bay Downs. Auch hier gibt es dieser Tage Sport, auch hier ohne Zuschauer. Und auch hier hat es schon einen Corona-Fall gegeben. Ende März war mit dem venezolanischen Hall of Fame-Jockey Javier Castellano einer der berühmtesten und erfolgreichsten seines Faches positiv getestet worden - und Anfang April gar ein Pferdepfleger auf der bekannten Bahn in Belmont Park, östlich von New York City, an COVID-19 gestorben. Dennoch wird weitergeritten. Für dieses Wochenende sind in Tampa Bay Downs zahlreiche Rennen geplant. Denn Horse Racing ist Big Business. Vor allem durch Wetteinsätze werden Millionen verdient - in Corona-Zeiten jedoch ausschließlich online.

USA Florida Pferderennen (picture-alliance/Newscom/Eclipse Sportswire/S. Serio)

Auf der Pferderennbahn Tampa Bay Downs finden trotz Corona weiterhin ganze Renntage statt

Da derzeit nur noch eine Handvoll Rennbahnen in ganz Amerika geöffnet sind, rücken selbst solche Strecken in den Fokus für Internetwetten aus dem ganzen Land, die für gewöhnlich lediglich lokales Interesse auf sich ziehen. Zum Beispiel der Fonner Park in Grand Island/Nebraska. Hier sollte die Saison ursprünglich am 29. April enden. Die bundesstaatliche Kommission für Pferderennen hat jedoch zugestimmt, zwischen dem 4. und 31. Mai zwölf zusätzliche Renntage zu erlauben.

Saison wird verlängert

Seit dem 23. März werden die Wettkämpfe ohne Zuschauer ausgetragen. Allerdings, damit sich der Fonner Park nicht mit anderen Rennstrecken um die Gunst und das Geld der Wettenden duellieren muss, jeweils nur von Montag bis Mittwoch. Nach Angaben der Tageszeitung "Norfolk Daily News" betrugen die Wetteinnahmen in diesem Zeitraum pro Renntag im Schnitt rund 2,8 Millionen Dollar. Durch die zusätzlichen Rennen im Mai hoffen die Veranstalter, die finanziellen Verluste durch entgangene Zuschauereinnahmen zu reduzieren. Doch ihnen ist auch klar: Sobald andere Rennbahnen wieder öffnen dürfen, wird die Konkurrenz größer - und die eigenen Einnahmen wohl wieder geringer.

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