Corona-Kreuzimpfung: Mehr als nur eine Notlösung? | Wissen & Umwelt | DW | 29.06.2021
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COVID-19-Schutzimpfungen

Corona-Kreuzimpfung: Mehr als nur eine Notlösung?

Ergebnisse einer neuen britischen Studie zeigen: Menschen, die eine AstraZeneca- und eine BioNTech-Impfung erhalten, entwickeln eine stärkere Immunantwort als die, die zweimal AstraZeneca bekommen.

Nachdem die EMA (European Medicines Agency) im Januar 2021 den Corona-Impfstoff von AstraZeneca zugelassen hatte, wurde das Mittel zunächst ohne Einschränkungen verimpft. Dann aber wurde festgestellt, dass es vor allem bei jungen Frauen sehr vereinzelt nach der Impfung ein erhöhtes Risiko für das Auftreten von gefährlichen Hirnvenenthrombosen gab. Am 1. April empfahl die Ständige Impfkommission daher, dass nur noch Menschen über 60 mit AstraZeneca gegen COVID geimpft werden sollten. Das bedeutete, dass eine Vielzahl an Erstgeimpften für ihre zweite Dosis auf die Impfstoffe von BioNTech-Pfizer oder Moderna umsteigen mussten. Heute können sich wieder alle Erwachsenen in Deutschland mit AstraZeneca impfen lassen, wenn sie die Risiken vorher mit ihrem Arzt geklärt haben.

Aber neue Studien zeigen, dass die Kombination von zwei verschiedenen Impfstoffen möglicherweise mehr als nur eine Notlösung sein könnte.

Britische Studie: Kreuzimpfung schlägt AstraZeneca

Forschende der University of Oxford in England haben herausgefunden, dass Patienten, die erst eine AstraZeneca- und vier Wochen später eine BioNTech-Dosis verimpft bekamen, mehr Antikörper aufbauten als diejenigen, die zweimal AstraZeneca bekamen. Auch die umgekehrte Reihenfolge war noch effektiver als zweimal AstraZeneca. Am meisten Antikörper wurden bei den Studienteilnehmern nachgewiesen, die zwei Impfdosen von BioNTech-Pfizer erhielten.

Die Ergebnisse kommen aus der Com-COV Studie, für die 830 Freiwillige älter als 50 Jahre verschiedene Imfstoff-Kombinationen bekamen. Zwischen der ersten und der zweiten Impfung lagen jeweils etwa vier Wochen. 

Der führende Autor der Studie, Professor Matthew Snape, sagte, die zweifache Impfung mit AstraZeneca sei im Kampf gegen COVID-19 trotzdem weiterhin sinnvoll. "Wir wissen bereits, dass die Standard-Impfabläufe sehr effektiv gegen schwere Krankheitsverläufe und Krankenhausaufenthalte sind, und auch gegen die Delta-Variante."

In Großbritannien liegt der Abstand zwischen der ersten und der zweiten COVID-Impfung normalerweise bei acht bis 12 Wochen, nicht vier Wochen wie in der Com-COV Studie. Snape sagte der BBC, dass sein Team im Juli auch Ergebnisse für Kreuzimpfungen mit einem Abstand von 12 Wochen zwischen erster und zweiter Spritze präsentieren werde.  

Deutsche Studie: Kreuzimpfung effektiver als zweimal der gleiche Impfstoff

Forscher an der Universität des Saarlandes fanden heraus, dass Menschen, die zunächst mit AstraZeneca und dann mit BioNTech-Pfizer geimpft wurden, eine stärkere Immunantwort entwickeln als diejenigen, die zwei Dosen des gleichen Impfstoffs erhielten.

Ist es also an der Zeit, die sogenannte Kreuzimpfung als weltweite Impf-Alternative einzuführen? Noch nicht ganz.

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Vorläufige Ergebnisse

Die Ergebnisse der Com-COV Studie liegen bisher nur als Preprint vor. Das bedeutet, sie wurden noch nicht von unabhängigen Forschenden überprüft (das sogenannte peer-review Verfahren). Auch die Ergebnisse der Universität des Saarlandes sind vorläufig, noch sind nicht alle Daten ausgewertet, betonte die Universität in ihrer Pressemitteilung zu den Studienergebnissen. Bevor die Forscher ihre Arbeit in einer wissenschaftlichen Fachzeitschrift publizieren, werden sie beispielsweise untersuchen, welche Rolle Geschlecht und Alter der Patienten spielen und ob Nebenwirkungen bei den Impfalternativen unterschiedlich ausfallen.

Obwohl die Daten noch nicht vollständig vorliegen, waren die Wissenschaftler überrascht davon, wie deutlich ihre Ergebnisse ausfielen.

"Dies ist auch der Grund, warum wir diese jetzt schon mit der Öffentlichkeit teilen wollen und nicht erst das wissenschaftliche Begutachtungsverfahren abgewartet haben", so Martina Sester, Professorin für Transplantations- und Infektionsimmunologie der Universität des Saarlandes, in der Presseerklärung der Universität.

Zehn Mal mehr Antikörper

An der saarländischen Studie im Universitätsklinikum des Saarlandes in Homburg nahmen mehr als 200 Menschen teil. Einige erhielten zwei Dosen AstraZeneca, einige zwei Dosen BioNTech. In einer dritten Gruppe erhielten Teilnehmer zunächst eine Dosis AstraZeneca, gefolgt von einer zweiten Impfung mit BioNTech.

Die Forscher verglichen die Immunreaktionen der Teilnehmer zwei Wochen nach der zweiten Impfung. "Wir haben bei den geimpften Personen nicht nur untersucht, wie viele Antikörper sie gegen das Coronavirus gebildet haben, sondern wir haben auch die Wirkstärke der sogenannten neutralisierenden Antikörper bestimmt", erklärt Sester. "Diese gibt uns Auskunft darüber, wie gut die Antikörper das Virus davon abhalten, in die Zellen einzudringen."

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Die Analyse der Antikörper zeigte, dass sowohl die doppelte BioNTech-Impfung, als auch die Kombination mit AstraZeneca weitaus wirksamer war als die zweifache AstraZeneca-Impfung. Teilnehmer, die eine der ersten beiden Impfvarianten erhielten, bildeten etwa zehn Mal mehr Antikörper als diejenigen, die zwei AstraZeneca Dosen bekamen. "Bei den neutralisierenden Antikörpern zeigte die kombinierte Impfstrategie sogar noch leicht bessere Ergebnisse als eine zweifache Biontech-Impfung", sagt Sester.

Bisher ist normalerweise vorgesehen, dass erste und zweite Impfung mit dem gleichen Impfstoff vorgenommen werden. 

"Bemerkenswerter" Anstieg der Antikörper-Produktion

Die spanische CombivacS Studie, die mit 663 Teilnehmern am Carlos III Health Institute in Madrid durchgeführt wurde, kam zu einem ähnlichen Ergebnis. Die Fachzeitschrift Nature berichtete über die vorläufigen Zahlen. Wie auch bei der Studie aus dem Saarland liegen hier noch keine endgültigen Ergebnisse vor - bei dem Bericht in Nature handelt es sich um eine Art Zwischenstandmeldung, nicht um eine vollständige, von anderen Experten geprüfte wissenschaftliche Publikation.

Zwei Drittel der Teilnehmer der spanischen Studie erhielten eine BioNTech-Pfizer-Impfung, nachdem sie bereits einmal mit AstraZeneca geimpft wurden. Das letzte Drittel hatte zum Zeitpunkt der Veröffentlichung in Nature noch keine zweite Impfung erhalten.

Magdalena Campins, eine der an der CombivacS Studie beteiligte Forscherin vom Vall d'Hebron Universitätsklinikum in Barcelona, berichtet, dass Teilnehmer, die eine Kreuzimpfung erhielten, nach ihrer zweiten Impfung erheblich mehr Antikörper produzierten, und dass diese Antikörper bei Labortests in der Lage waren, das SARS-CoV-2 Virus zu erkennen und zu deaktivieren.

"Es sieht danach aus, dass der [BioNTech-]Pfizer Impfstoff die Antikörper-Produktion nach einer ersten Dosis AstraZeneca auf bemerkenswerte Weise ankurbelt", zitiert Nature die Immunologin Zhou Xing von der McMaster University in Hamilton, Canada, die nicht an der CombivacS Studie beteiligt war. Xing fügt hinzu, der Anstieg sei auch höher sei als der, der bei Patienten nach einer zweiten AstraZeneca-Dosis beobachtet wurde.

Davon abgesehen, dass die Ergebnisse aus Madrid noch nicht endgültig sind und noch nicht von anderen Wissenschaftlern überprüft wurden, gibt es bei der Studie aber noch ein Problem: Sie fand ohne eine Kontrollgruppe statt, in der Teilnehmer zwei Dosen des gleichen Impfstoffs bekommen hätten. Ein direkter Vergleich ist also nicht möglich.

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Wird die Kreuzimpfung anerkannt?

Auch wenn die Studien vielversprechend sind, rät die Weltgesundheitsorganisation WHO bislang von einer solchen Kreuzimpfung ab. Es lägen noch keine ausreichenden Daten für eine anschließende Beurteilung vor, so WHO-Sprecherin Marga­ret Harris.

In Deutschland ist eine Kreuzimpfung dagegen ebenso anerkannt wie eine Impfung mit nur einem Impfstoff. Das Gesundheitsministerium orientiert sich dabei an den Vorgaben des Paul-Ehrlich-Instituts (PEI).

Ob eine Kreuzimpfung auch im Ausland als vollständiger Impfschutz angesehen wird, hängt vom jeweiligen Land ab. Kanada etwa hat Kreuzimpfungen bereits zugelassen, in den USA laufen noch Untersuchungen. In der Europäischen Union könnte sich mit der Einführung des digitalen Impfpasses klären, ob auch Kreuzimpfungen anerkannt werden.

Mehr Forschung zur Impfstoff-Kombination nötig

Wenn sich die vorläufigen Ergebnisse bestätigen, ist die Kombination der Impfstoffe von AstraZeneca und BioNTech-Pfizer eine vielversprechende Art und Weise, Menschen vor COVID-19 zu schützen. Dabei sind die beiden Mittel grundverschieden und repräsentieren zwei unterschiedliche Sorten von Corona-Impfstoffen.

Bei AstraZeneca handelt es sich um einen traditionellen Vektorimpfstoff. Diese nutzen eine harmlose Version eines anderen Virus (also nicht Corona), um unsere Zellen so zu instruieren, dass sie lernen, Antikörper gegen das Coronavirus zu produzieren.

Der BioNTech-Impfstoff ist ein neuartiges mRNA-Vakzin. mRNA-Impfstoffe lehren unsere Zellen, ein Protein selber herzustellen, das eine Immunreaktion und die Produktion von Antikörpern anregt.

Forscher haben noch nicht genügend Informationen, um feststellen zu können, warum die Kombination dieser beiden Impfstoffarten zu einer stärkeren Immunität führen kann. Sester wünscht sich daher, dass die Kreuzimpfung weiter untersucht wird: "Wir sind der Meinung, dass wenn noch weitere Forscherteams zu ähnlichen Ergebnissen kommen, man intensiv über eine Kombination von Vektor- und mRNA-Impfstoffen nachdenken sollte."

Dieser Artikel wurde zuletzt am 29. Juni aktualisiert.

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