Corona: Afrikas Impf-Programm kommt nicht voran | Afrika | DW | 19.05.2021
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Pandemie-Bekämpfung

Corona: Afrikas Impf-Programm kommt nicht voran

Spätestens seit Indien keine Corona-Impfstoffe mehr exportiert, klagt Afrika über akuten Mangel. Gleichzeitig müssen Impfdosen vernichtet werden. Trotzdem sollte der Blick nach vorne gehen, sagen Beobachter.

Eine Frau zieht Impfstoff auf eine Spritze

Afrika steht vor zwei Problemen: Entweder es mangelt an Impfstoff oder er kann nicht verimpft werden

"Insgesamt gehen die Corona-Fallzahlen in Afrika leicht zurück. Dennoch haben wir in den vergangenen Wochen in bestimmten Ländern einen Anstieg registriert", sagt Dr. Ngoy Nsenga, Leiter des Bereichs für Notfallmaßnahmen des WHO-Büros für Afrika, das für insgesamt 47 Länder überwiegend in Subsahara-Afrika zuständig ist.

Einen Anstieg der Infektionen gebe es derzeit in Algerien, auf den Kapverden, auf den Seychellen oder in Angola. Auch in einigen Regionen Südafrikas seien steigende Fallzahlen verzeichnet worden, allerdings könne man dort noch nicht von einem landesweiten Trend reden, so Nsenga weiter.

Seychellen: Infektionen trotz hoher Impfrate

Ob der Anstieg der Infektionen in diesen Ländern durch mehr Impfungen vermeidbar gewesen wäre, ist nicht eindeutig geklärt. Immerhin gehören die Seychellen zu den Ländern weltweit, in denen gemessen an der Bevölkerung die meisten Menschen geimpft sind. Laut Zahlen des Gesundheitsministeriums (Stand 17. Mai) haben in dem Inselstaat 63 Prozent der Menschen bereits beide nötigen Impfdosen erhalten, trotzdem liegt die Sieben-Tage-Inzidenz im Mai teilweise deutlich über 1000.

Seychellen I Präsident Wavel Ramkalawan erhält COVID-Impfung

Wavel Ramkalawan (rechts), Präsident der Seychellen, erhielt Anfang Januar seine erste Impfdosis

Die Weltgesundheitsorganisation sieht sich die Daten der Seychellen derzeit genau an, nachdem das Gesundheitsministerium vor gut einer Woche mitgeteilt hatte, mehr als ein Drittel der Infizierten sei vollständig geimpft gewesen. Die Krankheitsverläufe scheinen allerdings verhältnismäßig mild zu sein. Nur wenige geimpfte COVID-Patienten müssen in Krankenhäusern behandelt werden, was für den Nutzen der Vakzine sprechen könnte.

Wie aus den Daten des Gesundheitsministeriums hervorgeht, wurde auf den Seychellen bisher zu rund 56 Prozent der Impfstoff des chinesischen Unternehmens Sinopharm eingesetzt, während die übrigen Dosen von AstraZeneca waren und in Indien hergestellt wurden. Doch diese Lieferungen aus Indien fehlen zurzeit nicht nur auf den Seychellen, sondern in ganz Afrika, seitdem Indien April einen Exportstopp für Vakzine erlassen hat.

Indien verkündet Lieferstopp nach Afrika

Der Lieferstopp aus Indien habe viele Länder in Afrika hart getroffen, sagt Catherine Kyobutungi, Leiterin des APHRC, also des "African Population and Health Research Center", einer der führenden Forschungseinrichtungen Afrikas zum Thema Gesundheit der afrikanischen Bevölkerung, mit Sitz in Nairobi.

Viele afrikanische Länder und vor allem die globale COVAX-Initiative, die Impfstoffe an ärmere Länder verteilt, hätten sich auf die Lieferungen aus Indien verlassen und daraufhin ihre Impfpläne konzipiert, so Kyobutungi weiter: "Kenia, zum Beispiel, hatte bis April bereits über einer Million Bürgern die erste Impfdosis verabreicht. Und plötzlich wurde Kenias Impfplan durcheinandergebracht." Mit dem indischen Exportstopp sei plötzlich nicht mehr gewährleistet, dass der Impfstoff für die zweiten Impfdosen zur Verfügung stehe. "Erst hieß es: Die zweite Dosis werde drei Wochen nach der ersten verabreicht. Dann wurde der Zeitraum auf acht Wochen ausgedehnt und jetzt sagen sie den Menschen: 'Die zweite Impfung gibt es erst nach 12 Wochen'", so Kyobontungi im DW-Interview.

Eine Frau mit Maske in einem Wahllokal, um sie herum Wahlhelfer

Mitte April wählte Kap Verde ein neues Parlament - aktuell verzeichnet das Land einen Anstieg der Infektionen

Selbst Länder wie Ruanda oder Senegal, die als besonders effizient gelten, kämen zurzeit beim Impfen nur schleppend voran, sagt Ahmed Ogwell, Vize-Direktor der Gesundheitsbehörde der Afrikanischen Union, Africa CDC, im DW-Gespräch. Der Anteil der Geimpften an der Gesamtbevölkerung in Afrika sei seit Wochen unter zwei Prozent geblieben. Das von der Afrikanischen Union formulierte Ziel, bis Ende 2022 bis zu 60 Prozent der Bevölkerung Afrikas zu impfen, erscheint zurzeit nicht realistisch.

Ogwell bleibt dennoch optimistisch: "Auf die Frage, ob es ein Desaster ist, oder einfach nur eine aufholbare Verspätung, würde ich antworten: Wir sehen es als eine Verspätung an, die wir durchaus aufholen können." Ähnlich sieht es Nsenga Ngoy vom WHO-Regionalbüro für Afrika: "Ich denke, wir sollten das Ziel aber nicht runterschrauben, sondern alles daransetzen, es noch zu erreichen."

Impfstoffvernichtung trotz Impfstoffmangels

Trotz des akuten Vakzin-Mangels lassen Länder immer wieder Impfdosen massenweise ungenutzt verfallen: Konkrete Fälle wurden beispielsweise in Malawi und im Südsudan bekannt. Auch Sierra Leone gab im April bekannt, dass ein Drittel der fast 100.000 Impfdosen, die das Land im März erhalten hatte, wohl nicht vor Ablauf des Haltbarkeitsdatums verbraucht würden. Und Uganda soll binnen sieben Wochen bis Ende April noch nicht einmal ein Viertel der erhaltenen 964.000 AstraZeneca-Impfdosen verabreicht haben. Gründe dafür sind vielfältig, teils liegt es an mangelnder Infrastruktur.

Menschen mit Maske stehen und sitzen unter einem Pavillion

Am ersten Impftag war das Interesse in Uganda groß - doch das Land hat Probleme, seine Dosen zu verimpfen

Für Ngoy Nsenga vom WHO-Regionalbüro für Afrika ist es jetzt wichtig, nach vorne zu schauen, denn es gebe in Afrika auch echte Erfolgsgeschichten: "Es gibt Länder wie Ruanda oder Ghana, die praktisch alle vorhandenen Dosen verimpft haben."

In Ghana und Ruanda habe man zunächst auf die städtische Bevölkerung konzentriert, wo die Verteilung weniger kompliziert ist und wo die Akzeptanz für die Impfstoffe unter der Bevölkerung höher ist, so Catherine Kyobutungi, Leiterin des APHRC. In Ruandas Hauptstadt Kigali gehörten Marktverkäufer oder Taxifahrer von Anfang an zu den prioritären Gruppen. Der Landbevölkerung lasse man mehr Zeit, denn eine Impfkampagne gegen die Überzeugung der Bevölkerung habe wenig Aussicht auf Erfolg, sagt Kyobutungi. 

Wäre eine Impfflicht ein probates Mittel gegen den Verfall des wertvollen Impfstoffs? Nsenga von der WHO ist sich sicher: "Die beste Methode, eine gesundheitliche Maßnahme durchzusetzen, ist die Menschen und ihre Gemeinschaften einzubinden." Zwang oder gar Polizeimaßnahmen seien kontraproduktiv: "Die Bevölkerung reagiert darauf nicht selten mit Misstrauen. Die Gefahr ist groß, dass die Menschen zu illegalen Mitteln greifen, um die Zwangsmaßnahmen zu umgehen - und Impfausweise fälschen, einfach weglaufen oder Verschwörungstheorien verbreiten", so der Nsenga. Insgesamt jedoch sei die Bevölkerung an Impfprogramme gewöhnt.

Mitarbeit: Cai Nebe

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