Bulgarien: Kampf gegen Corona aussichtslos? | Europa | DW | 18.01.2022
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Pandemie

Bulgarien: Kampf gegen Corona aussichtslos?

Nur 29 Prozent der Erwachsenen in Bulgarien sind komplett geimpft. Die Hälfte der Menschen im Land ist entschlossen, sich nicht impfen zu lassen. Angesichts der Omikron-Welle steht Bulgarien vor großen Herausforderungen.

Bulgarien | Protest gegen Covid-Maßnahmen in Sofia

Anti-Corona-Protest in Sofia am 12.01.2022: "Ohne Covid-Pässe!"

Die Statistiken sind düster: Bulgarien hat die höchste Covid-19-Todesrate in der EU. Im Jahr 2021 starben in dem Land so viele Menschen wie seit über 100 Jahren nicht mehr. Und: Die Übersterblichkeit liegt so hoch wie in kaum einem anderen europäischen Land.

Dennoch zeigen die meisten Bulgarinnen und Bulgaren keinerlei Impfbereitschaft. Erst knapp 29 Prozent sind vollständig geimpft - das ist die niedrigste Impfrate EU-weit. Impfgegner demonstrieren in Bulgarien unentwegt und unermüdlich. Und so scheint das südosteuropäische Land den Kampf gegen Corona und die Omikron-Welle derzeit zu verlieren.

Corona-Leugner und Nationalisten

Der Platz vor dem Parlament in Sofia am vergangenen Mittwoch (12.01.2022): Hunderte Bürger haben sich versammelt, um gegen den so genannten Grünen Pass zu protestieren. Dieser Nachweis, dass man geimpft, genesen oder getestet ist, wurde in Bulgarien im Oktober 2021 eingeführt. Restaurants, Bars und Einkaufszentren kann man nur mit einem Grünen Pass besuchen. Viele brauchen ihn auch, um arbeiten zu dürfen.

Bulgarien | Protest gegen Covid-Maßnahmen in Sofia

Anti-Corona-Protest in Sofia am 12.01.2022: "Freiheit oder Tod"

Eine Teilnehmerin der Demonstration hält eine Rede, das Video davon geht später im Internet und in sozialen Netzwerken viral. "Meinen Namen sage ich nicht, ansonsten werden mich diejenigen, die im Parlament sitzen, verfolgen", ruft sie. "Ich habe sechs Jahre lang Biologie studiert und weiß daher, dass die Impfstoffe gegen Corona gar keine sind! Es sind experimentelle Cocktails, die einen Chip enthalten und Dinge, die unsere Freiheit zerstören. Sie werden über 5G-Systeme gesteuert. Niemand sollte sich impfen lassen!"

Wie die meisten Demonstranten ist die Frau eine Unterstützerin von Wasraschdane (Wiedergeburt) - einer nationalistischen und Corona-skeptischen Partei, die es bei der Wahl im November vergangenen Jahres erstmals ins Parlament schaffte - mit knapp fünf Prozent.

Gesundheitssystem unter hohem Druck

Der Mathematiker Petar Welkow hat im Fernsehen oft mit Mitgliedern von Wasraschdane und anderen Corona-Leugnern und Impfskeptikern debattiert. Er versucht seine Landsleute von der Notwendigkeit der Impfung zu überzeugen. Eine schwierige Aufgabe.

Bulgarien | Petar Welkow

Der bulgarische Mathematiker Petar Welkow

"Während in anderen Ländern die Impfung und die Schutzmaßnahmen vor der neuen Welle den Medizinern eine notwendige Atempause verschafft haben und die Krankenhauseinweisungen und Todesfälle auf einem relativ niedrigen Niveau blieben, war dies in Bulgarien nicht der Fall", sagt Welkow der DW. Er erklärt, dass die neue Omikron-Welle das Land in einem Moment erwischt, in dem das Gesundheitssystem bereits unter hohem Druck steht. "In Bulgarien begann die neue Welle mit Krankenhauseinweisungen, die zahlenmäßig etwa fünf bis sechs Mal höher lagen als zu Beginn der vorherigen Wellen. Deshalb haben wir schon jetzt Probleme auf den Intensivstationen." 

Geimpfte Impfskeptiker im Parlament 

Trotz derzeitiger Rekordzahlen bei Neuinfektionen und hoher Sterblichkeit glauben viele Bulgaren noch immer, dass eine Corona-Impfung gefährlicher sei als die Krankheit selbst. "Weniger als 30 Prozent der Erwachsenen in Bulgarien sind geimpft", sagt der Meinungsforscher Dimitar Ganew vom Forschungsinstitut Trend der DW. "20 Prozent sind nicht geimpft, planen aber, sich impfen zu lassen. Und etwa 50 Prozent sind gegen Impfungen."

Wasraschdane profitiert von dieser Skepsis. "Fast 70 Prozent der Bulgaren sind auch gegen den grünen Impfpass", erklärt Ganew. "Die Kampagne gegen den Impfpass hat Wasraschdane den Einzug ins Parlament ermöglicht." Bisher konnte die 2014 gegründete, euroskeptische und Pro-Kreml-Partei die Vier-Prozent-Hürde nie überspringen. Vor der Wahl im November 2021 hatten die allermeisten Umfragen ihren Einzug ins Parlament nicht vorhergesehen.

Bulgarien | Dimitar Ganew

Der bulgarische Meinungsforscher Dimitar Ganew

Während der Proteste am 12. Januar versuchten Wasraschdane-Abgeordnete, die Türen des Parlaments zu öffnen, um die Demonstranten hereinzulassen. Einige Tage zuvor hatten journalistische Recherchen allerdings ergeben, dass ein Drittel der Wasraschdane-Abgeordneten selbst geimpft ist. Der Parteichef Kostadin Kostadinow hat den Impfstoff wiederholt als "experimentelle Flüssigkeit" bezeichnet. Jetzt rudert er mit der relativierenden Aussage zurück, er unterstütze die freie Wahl bei Impfungen, auch für Mitglieder seiner Partei. 

Historische Gründe und schlechte Bildung 

"Bereits zu Beginn der Pandemie und als die ersten Impfstoffe kamen, waren die skeptischen Stimmen in der bulgarischen Öffentlichkeit stark", erklärt Ganew. Dabei würden auch historische Gründe eine Rolle spielen, glaubt der Meinungsforscher: "Als Teil des Osmanischen Reiches hat Bulgarien im 18. und 19. Jahrhundert die Aufklärung verpasst. Hierzulande wurde Macht immer als etwas Fremdes wahrgenommen. Historisch haben wir sehr lange Zeit Distanz zur jeweiligen Macht gehalten, auch unter dem kommunistischen Regime." Und zur Macht, so Ganew, gehörten für viele Menschen auch Medizin und Wissenschaft.

Symbolbild Bulgarien Impfquote ist sehr gering

Impfgegnerin in der bulgarischen Hauptstadt Sofia bei einer Demonstration am 30.08.2021

"Vielen Studien zufolge ist der funktionale Analphabetismus in Bulgarien sehr verbreitet", sagt der Mathematiker Petar Welkow. "Wenn ein Mensch die vorliegenden Informationen nicht verarbeiten kann, dann kann er auch das Risiko nicht einschätzen. Auch nicht das Risiko von Nebenwirkungen der Impfstoffe im Vergleich zum Risiko, an COVID-19 zu erkranken." Es sind mehrere Faktoren, die Welkow aufzählt: schlechte Bildung, Misstrauen gegenüber der Regierung, die Verbreitung von Verschwörungstheorien, sogar durch Ärzte. All dies nähre die Ängste unter den Bulgaren, sagt er.

Höhepunkt der Omikron-Welle Anfang Februar

Um die Spannung aus der öffentlichen Diskussion zu nehmen, hat der neue Premierminister Kiril Petkow eine Arbeitsgruppe damit beauftragt, die Corona-Maßnahmen zu debattieren. Eingeladen wurden auch Vertreter von Wasraschdane - eine Entscheidung, die unter Beobachtern in Bulgarien jedoch umstritten ist.

Bulgarien Covid Station in Wraza

Gesundheitswesen am Limit: Covid-Station in der nordbulgarischen Stadt Wraza

Um die ältere Bevölkerung zum Impfen zu ermutigen, zahlt die Regierung jedem Rentner, der sich impfen lässt, 75 Lewa (rund 38 Euro). Es scheint aber ein aussichtsloser Kampf zu sein. "Omikron ist hoch ansteckend, und nach der ersten Impfung dauert es 20 Tage, bis eine zweite verabreicht wird. Und erst nach weiteren 14 Tagen hat die Person eine stabile Immunität, die dem Virus widerstehen kann. Aber wenn Omikron dominant ist, wird sich die Zahl der Infizierten alle zwei bis fünf Tage verdoppeln", prognostiziert Petar Welkow.

"Daher wird der Höhepunkt der Welle höchstwahrscheinlich Anfang Februar erreicht werden. Es gibt also keine Impfkampagne, die diese Welle rechtzeitig beeinflussen könnte", glaubt Welkow. "Das Virus wird einen großen Teil der bulgarischen Bevölkerung infizieren."