Bedrohen Streaming-Konzerne die Kunstfreiheit? | Kultur | DW | 25.12.2019
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Streamingdienste im Dilemma

Bedrohen Streaming-Konzerne die Kunstfreiheit?

Disney entfernt einen lesbischen Kuss aus dem neuen "Star Wars"-Film, Apple will Kontroversen vermeiden und auf Gewalt und Sex verzichten, Netflix weniger Zigaretten zeigen. Definieren US-Konzerne bald die globale Moral?

Der Streamingmarkt in den USA gilt als gesättigt, daher konzentrieren sich die US-Anbieter nun auf den Rest der Welt, wo die Bereitschaft für Abomodelle stetig steigt. Die globale Ausrichtung bedingt, dass die Inhalte auch weltweit anschlussfähig sein müssen, also das europäische Publikum ebenso ansprechen wie das afrikanische oder asiatische, das christliche wie das muslimische. Die Masse an Inhalt, die zunächst Vielfalt verspricht, muss vereinheitlicht werden.

Um die Absatzmärkte nicht zu verprellen und das makellose Image der Marke Apple nicht zu gefährden, hat das Unternehmen offenbar strenge Richtlinien für seinen Streamingdienst festgelegt: Das "Wall Street Journal" berichtete, die Produktionen müssten ohne Gewalt, Sex und Schimpfwörter auskommen. Manchen Projekten ging es bereits an den Kragen.

Kein Kokain, keine Waffen, kein Sex

Man muss schon ganz genau hingucken, um den Kuss zwischen zwei weiblichen Nebenfiguren im neunten "Star Wars"-Film zu sehen. Zwar dauert diese Szene nur ein paar Sekunden, doch selbst das war der Medienaufsichtsbehörde in Singapur zu viel. Disney knickte ein - und strich prompt den ersten lesbischen Kuss in der Geschichte der Saga aus der Kinofassung. Der Film - ohne Kuss - ist für Kinder unter 13 freigegeben. Mit Kuss hätte "die Altersgrenze angehoben werden müssen", zitiert die Nachrichtenagentur Reuters einen Sprecher der Medienaufsichtsbehörde. In Singapur ist die gleichgeschlechtliche Ehe illegal. Auch in anderen Ländern, darunter in Dubai, wurde die Szene gestrichen.

Andere Produktionen wurden gleich komplett eingestellt, wie etwa die Serie "Vital Signs", die sich lose an der Lebensgeschichte des Rappers und Produzenten Dr. Dre orientierte. Apple-Chef Tim Cook hatte sie nach Sichtung einer Folge mit Kokainkonsum, Waffen und Sex als zu düster befunden. Was das Unternehmen von einer Bio über Dr. Dre anderes erwartet hatte, blieb offen.

Dr. Dre

Für sein Unternehmen Beats Electronics zahlte Apple dem Ex-Gangsta-Rapper Dr. Dre mehr als drei Milliarden Dollar. Sein Leben wollte Apple aber lieber nicht verfilmen - zu düster und brutal.

Auch eine geplante Serie mit dem Titel "Bastards", für deren Hauptrolle Richard Gere verpflichtet worden war, wurde abgeblasen. Darin sollte es um zwei Viet­nam-Veteranen gehen, die Selbstjustiz üben. Die Handlung war Apple bereits bekannt, als das Unternehmen die Rechte in einem Bieterverfahren teuer erwarb, doch nach unterschiedlichen Auffassungen über die Ausrichtung des Formats beschloss Apple, die Verträge zu kündigen und eine "beträchtliche" Konventionalstrafe zu zahlen, wie das Branchenmagazin "Hollywood Reporter"  schrieb.

In dem Bericht hieß es weiter, Apple habe "Herz und Gefühle" in den Vordergrund rücken wollen, grundsätzlich strebe die Streamingsparte Inhalte mit positiver Botschaft an, finstere Erzählungen hätten da keinen Platz. Fast schon esoterisch mutet die Maßgabe an, die Erzählstoffe sollten "uplifting" sein - erhebend. Lustig, harmlos, für die ganze Familie - das klingt weniger nach progressivem Streamingdienst als nach der Tradition des prüden US-Fernsehens.

Fiilmemacher M. Night Shyamalan

Vertrag nur ohne Kruzifix: Regisseur M. Night Shyamalan drehte für Apple TV+ die Serie "Servant".

Kruzifixe und #MeToo

Obwohl Apple TV+ erst im November startete und bislang nur ein Dutzend Formate umfasst, ist die Reihe der kolportierten Einflussnahmen bereits lang, auch religiöse Symbole stehen auf Apples Risiko-Index: Gerade feierte die Serie "Servant" von Regisseur M. Night Shyamalan ("The Sixth Sense") ihre Premiere, in der ein Paar sein neu geborenes Kind verliert. Den Zuschlag für das Projekt erhielt Shyamalan nur unter der Bedingung, dass im Haus des Paares keine Kruzifixe auftauchen durften. Die Idee zu einer Serie über #MeToo wurde gar frühzeitig verworfen - zu heikel.

Die Dramaserie "The Morning Show" über eine Sendung im Frühstücksfernsehen mit Jennifer Aniston, Reese Witherspoon und Steve Carell verzögerte sich, weil die in den USA für Produktion und Ablauf einer Fernsehserie verantwortlichen Showrunner wegen inhaltlicher Differenzen ausgetauscht wurden. Die "New York Post" berichtete, Apple-Chef Cook würde sich direkt in Drehbücher einmischen, als "pingelig" und "aufdringlich" beschrieben Produzenten sein Auftreten.

Kein schlechtes Licht auf China

Der für die Onlinedienste verantwortliche Apple-Vorstand Eddy Cue soll TV-Produzenten laut eines "BuzzFeed"-Artikels angewiesen haben, China nicht in einem negativen Licht darzustellen. Der chinesische Absatzmarkt ist zu groß, um ihn zu gefährden, schließlich geht es nicht nur um den Streamingdienst, sondern viel mehr noch um den Verkauf von Smartphones, Tablets, Computern und Apps. Zuletzt hatte Apple die App der Nachrichtenplattform Quartz nach Beschwerden der chinesischen Regierung aus dem dortigen Appstore verbannt, ebenso wie zuvor die Standort-App HKmap.

Das bemüht saubere Image, das Apple nun bei seinen TV-Formaten durchsetzt, ist nicht neu. Schon vor zehn Jahren löschte das Unternehmen Apps, die es als "anstößig" einstufte - etwa wenn sie Menschen in Badebekleidung zeigten. Ob bei Apple TV+ von Zensur die Rede sein kann, ist trotzdem fraglich: Apple kann Inhalte und Richtlinien auf seiner eigenen Plattform frei bestimmen.

Tim Cook und Zhang Yiming

Kotau vor China? Apple-Chef Tim Cook mit dem Erfinder der umstrittenen Video-App TikTok, Zhang Yiming

Inhalte nur für Zuschauer unter 17

Gleiches gilt für den im November in den USA gestarteten Streamingdienst Disney+, der ausschließlich Inhalte für Zuschauer unter 17 Jahren beinhaltet. Produktionen mit einer höheren Alterseinstufung laufen auf der On-Demand-Plattform Hulu, an der Disney beteiligt ist. Ab dem 31. März 2020 soll Disney+ auch in Deutschland verfügbar sein. Ob das Angebot hier nach US-Vorbild eingeschränkt wird, ist offen.

Mit Abstrichen springt sogar Netflix auf den Zug der Prüderie auf, dessen Portfolio von Apples Moralvorstellungen eigentlich weit entfernt ist. Nach Protesten der Anti-Rauch-Kampagne Truth Initiative kündigte Netflix an, in Formaten für ein Publikum unter 14 Jahren künftig keine Zigaretten mehr zu zeigen. Für das ältere Publikum gelte die Vorgabe auch - außer, es sei "essenziell für die Definition einer Figur" oder historisch notwendig.

Diese Entwicklung ist schon jetzt auf mehreren Ebenen beunruhigend. Da wäre zum einen die Einschränkung der Kunstfreiheit. Dass Geldgeber auf Produktionen Einfluss nehmen wollen, gehört zur Filmbranche wie die Kamera. Entscheidend ist, wie weit der Einfluss reicht. Hier hat Apple durch rigide Personalentscheidungen und den kostspieligen Abbruch von "Bastards" die Messlatte für die eigene Kompromissbereitschaft sehr niedrig gelegt. Wenn die künstlerische Autonomie der Kreativen eingeschränkt ist, verheißt das nichts Gutes für die Entwicklung von Geschichten.

Filmszene Stranger Things

Rauchender Sheriff: Eine Anti-Rauch-Initiative listete auf, in welchen Netflix-Serien wie viel geraucht wird, hier in "Stranger Things". Das Unternehmen will Zigaretten künftig weitgehend aus seinen Produktionen verbannen.

Düstere Realität

Zum anderen wäre da das Publikum vor den TV-Geräten, Tablets und Smartphones. Was darf ihm zugemutet werden - und was erwartet es? In einer globalisierten Welt will ein global agierendes Unternehmen wie Apple seinen Zuschauern nicht abverlangen, dass die Protagonisten einer Serie einer anderen Religion angehören als sie selbst. Fühlt sich ein muslimischer Zuschauer verletzt, wenn er eine Serie sieht, in der eine christliche Familie im Mittelpunkt steht und ein Kruzifix an der Wand hängt? Verstört es umgekehrt christliche Zuschauer, wenn sie einen betenden Moslem sehen?

Die Vorgabe, die Geschichten dürften nicht düster sein, geht an der Abbildung der Realität vorbei, die manchmal eben genau das ist: düster. Das Format Serie hat realistische Darstellungen in den vergangenen Jahren auf ein neues Level gehoben. Die Einschätzung, Serien seien die großen Romane der Gegenwart, klingt abgenutzt, ist aber nicht falsch. Langfristige Charakterentwicklungen und Erzählstränge sind in einem zweistündigen Kinofilm nicht möglich.

Gerade das Seriengenre war wegweisend für den Erfolg der Streamingdienste, Gewalt und Sex inbegriffen - auch, weil beides zur Realität gehört. Mit Amazon, Netflix, Apple und Disney können langfristig vier US-Konzerne potenziell die Moralvorstellungen auf der ganzen Welt definieren. Gerade Disney ist der Vorwurf des Kultur-Imperialismus seit den 1960er Jahren bekannt.

Auf individuelle Befindlichkeiten ausgerichtete und auf den kleinsten gemeinsamen Nennen komprimierte Erzählungen nehmen dem Format Serie auch seine große Stärke: das Eintauchen in andere Welten und den Einblick in die Lebensgewohnheiten anderer Szenen, Religionen und Kulturen.

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