Katharina Wagner: ″Wir hoffen auf das Live-Erlebnis″ | Kultur | DW | 02.07.2021
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Bayreuther Festspiele

Katharina Wagner: "Wir hoffen auf das Live-Erlebnis"

Am 4. Juli startet der ersehnte Kartenverkauf für die Bayreuther Festspiele. Festival-Leiterin Katharina Wagner sagt im DW-Interview, was das Publikum erwartet.

Katharina Wagner: Chefin der Bayreuther Festspiele

Katharina Wagnerin steht seit 2008 an der Spitze der Bayreuther Festspiele

Es blieb eine Zitterpartie bis zuletzt: Finden die Bayreuther Festspiele statt? Nur digital oder doch mit Publikum? Und wenn ja: Wie viele Besucher dürfen in das Festspielhaus? Auch wenn die Lage noch alles andere als sicher ist, startet am 4. Juli der Online-Verkauf der begehrten Karten. Der Andrang, bei den Festspielen traditionell enorm, dürfte dieses Jahr noch höher ausfallen, da sie 2020 Corona-bedingt ausgefallen sind.

Festspielleiterin Katharina Wagner spricht mit der DW über die Pläne für die kommende Saison.

DW: Frau Wagner, in drei Wochen geht es los auf dem Grünen Hügel: Mit einer Premiere der Oper "Der Fliegende Holländer" werden die Bayreuther Festspiele eröffnet. Worauf kann man sich trotz nach wie vor schwieriger Ausgangslage freuen? Wie digital, wie analog oder hybrid werden die Festspiele?

Katharina Wagner: Man kann sich auf insgesamt 25 Veranstaltungen im Festspielhaus und weitere Formate außerhalb des Festspielhauses sowie die Kinderoper im Reichshof (ein bekannter Veranstaltungsort in Bayreuth, Anmerk. d. Red.) freuen. Kein geringerer als Stephen Gould wird den "Tristan" in der Kinderoper singen!

Die Kinderoper Lohengrin mit Darstellern auf der Bühne

Seit 2009 ein Highlight: "Wagner für Kinder"-Projekt. Hier eine Szene aus "Lohengrin" 2014

Begleitend wird es digitale Formate geben, die den Festspielbetrieb ergänzen und erlebbar machen. Unser Hauptaugenmerk liegt auf dem Live-Erlebnis der Vorstellungen im Festspielhaus mit Publikum. Der "Ring des Nibelungen" in der Regie von Valentin Schwarz und unter der musikalischen Leitung von Pietari Inkinen erlebt gerade seine vielversprechenden Vorproben.

Wie gestaltet sich dieses Jahr der Kartenverkauf, wie viele der rund 2000 Plätze im Festspielhaus dürfen besetzt werden?

Es wird ab 4. Juli 14 Uhr unseren Online-Sofortkauf geben, dort haben alle Interessierten die Möglichkeit, Karten zu erwerben. Die Platzkapazität wird entsprechend der behördlichen Vorgaben festgelegt, momentan 911.

Der "Ring 2021" findet (abgesehen von "Walküre") außerhalb des Festspielhauses statt und wird weitgehend bildenden Künstlern und Performern überantwortet. Geht für Sie damit ein Herzenswunsch in Erfüllung? Was ist für Sie das Besondere, vielleicht auch Zukunftsweisende an dem Projekt?

Ursprünglich hätten wir in diesem Jahr den gesamten "Ring des Nibelungen" gespielt, es war uns nun wichtig, dem Publikum den Ring in anderer Form zu präsentieren und ihn in verschiedenen Kunstrichtungen fortzuschreiben und neuartig erlebbar zu machen.

Richard-Wagner Skulptur von Ottmar Hoerl vor dem Festspielhaus

Richard Wagner ist Pate für die Synthese der Künste: hier als Skulptur von Ottmar Hörl, 2014

Auf die Uraufführung des "Rheingold-Immer noch Loge" des jungen Teams um Gordon Kampe, Paulus Hochgatterer und dem Regie-Star Nikolaus Habjan freue ich mich besonders. Mit Hermann Nitsch gestaltet ein renommierter bildender Künstler die Walküre, der herausragende Pietari Inkinen wird dirgieren, Jay Scheib versetzt die Zuschauer in einen virtuellen Drachenkampf und Chiharu Shiota vervollständigt den "Ring 20.21" mit einer Installation im Festspielpark.

Wie wichtig sind Ideen, Interpretationen von Nikolaus Habjan, Chiharu Shiota, Jay Scheib für die künftige Ring-Interpretationen auf dem Hügel, ja grundsätzlich für Wagner-Interpretationen am Hügel?

Ideen und Interpretationen sind sehr wichtig, "virtuell reality" wird beim Ring 20.21 für den Siegfried zum Einsatz kommen. Mit Jay Scheib haben wir einen US-amerikanischen Regisseur, Dramatiker und Künstler gewinnen können, der für seine zeitgenössischen Produktionen klassischer und neuer Stücke und Opern bekannt ist.

Dirigent Pietari Inkinen

Coming soon: Pietari Inkinen ist ab 2022 neuer "Ring"-Dirigent. Dieses Jahr dirigiert er "Die Walküre"

Sie konnten für Bayreuth auch Hermann Nitsch gewinnen, einen radikalen Künstler, der von seiner lebenslangen Wagner-Faszination spricht. Warum haben Sie sich für Hermann Nitsch entschieden?

Hermann Nitsch ist weit über Österreich hinaus als bildender Künstler eine Koryphäe, uns war bekannt, dass er seinen Lebenstraum erfüllt sieht, wenn er in Bayreuth tätig wird. Auf der Bühne wird es Raum für Malerei, Aktionen und Prozessionen geben.

Puppentheater-Regisseur Nikolaus Habjan mit einer Puppe von Elfriede Jelinek

Puppentheater-Regisseur Nikolaus Habjan (hier mit einer Elfriede Jelinek-Puppe) inszeniert "Rheingold"

Mit Oksana Lyniv steht die erste Frau am Dirigentenpult des Hügels. Frau Lyniv sagte im DW-Interview, sie sei von der Körpergröße her genau die Richtige, um im Bayreuther Graben zu dirigieren: Sie ist fast genau so groß, wie Richard Wagner es war, und kann deswegen auch im Stehen dirigieren (im Gegensatz zu den höhergewachsenen, männlichen Kollegen). Sicherlich ist dies aber nicht der Hauptgrund, warum Sie sich für Oksana Lyniv als Frau in der Männerdomäne entschieden haben? 

Oksana Lyniv ist in der Tat die erste Dirigentin einer Festspielproduktion, wir sind sehr gespannt, wie Sie diese große Aufgabe meistern wird.

Man redet von grundsätzlichen Veränderungen in der Kulturwelt infolge von Corona: Digitalität, Publikumsschwund, Erosion der künstlerischen Welten. Was hat die Pandemie für Bayreuth verändert?

Im letzten Jahr die schmerzvolle Absage, andererseits aber auch zahlreicher Zuspruch und Unterstützung unseres Publikums in Form von Spenden. In diesem Jahr hoffen wir alle auf das einmalige Live-Erlebnis, welches auch allen Künstlerinnen und Künstlern so sehr gefehlt hat.

Performance am Weiher der Bayreuther Festspiele, mit Dragqueen Le Gateau Chocolat und Zuschauern

Der Park des Festspielhauses von Bayreuth war schon immer beliebt: hier eine Performance am Rande der "Tannhäuser"-Premiere 2019

Wie sind Ihre Pläne für die nächsten Saisons - und wo kann, soll Bayreuth in zehn Jahren aus Ihrer Sicht stehen?

Die künstlerischen Planungen reichen bis 2026, ich tue alles dafür, dass die Festspiele künstlerisch innovativ und gleichzeitig wirtschaftlich solide für die Zukunft aufgestellt sind.

Das Interview führte Anastassia Boutsko

Zur Person:

Seit 2008 steht Katharina Wagner, Opernregisseurin und Urenkelin des Komponisten Richard Wagner, an der Spitze der Bayreuther Festspiele. Seit September 2015 ist sie alleinige Leiterin des Festivals, das von Richard Wagner 1876 für die Aufführung seiner Werke gegründet hatte wurde. Nach einem Zusammenbruch Ende April 2020 lag die heute 43-Jährige sechs Wochen im Koma, kehrte aber Mitte September 2020 zu ihrer Arbeit zurück. 

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