Wagner-Tenor Stephen Gould: ″Kein Tenor ist anfangs ein perfekter Siegfried″ | Kultur | DW | 26.07.2019
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Kultur

Wagner-Tenor Stephen Gould: "Kein Tenor ist anfangs ein perfekter Siegfried"

Mit "Tannhäuser" hat Tenor Stephen Gould die Bayreuther Festspiele eröffnet. In manchen Momenten vorher sah es nicht danach aus: Im DW-Interview erzählt der 57-Jährige von Zweifeln und der Hilfe Wolfgang Wagners.

DW: Herr Gould, was lässt Ihr Herz höher schlagen, wenn Sie nach Bayreuth kommen?

Die Tradition, in meinem ersten Jahr hier war ich wirklich eingeschüchtert. Es ist magisch, wenn ich beim Singen von Wagner etwas entdecke, das man wahrscheinlich nirgendwo sonst hätte entdecken können. Es ist das, was Schauspieler und Künstler als "im Moment zu sein" beschreiben. Ich versuche nicht mehr, für die Öffentlichkeit zu singen. Wenn du jünger bist, willst du beliebt sein, du willst, dass die Kritiker dich lieben, dass deine Karriere hoch hinausgeht. Wenn ich jetzt auf der Bühne stehe, gefällt es mir am besten, etwas für mich selbst zu entdecken. Vor allem im Festspielhaus, einem Ort, der nur für die Aufführung von Wagners Musik geschaffen wurde.

Was halten Sie von der diesjährigen "Tannhäuser"-Produktion?

Sie hat multimediale Elemente, mit vielen zuvor aufgenommenen Filmen, die in die Aufführung integriert sind. Manchmal müssen wir spielen, obwohl wir hinter der Bühne sind. Der zweite Akt ist wirklich ein Stück innerhalb eines Stückes. Es deutet darauf hin, dass es hinter den Kulissen ein anderes Leben gibt, zwischen Tannhäuser und Elisabeth, bevor er sie für Venus verlässt. Es geht um den Konflikt zwischen freier und traditioneller Liebe. Ich war schon nach einem Tag vollkommen überzeugt vom Konzept des Regisseurs Tobias Kratzer. Ich bin selten jemandem begegnet, der das Konzept bis in die Details so gründlich durchdacht hat.

 Das Richard-Wagner-Festspielhaus (picture-alliance/dpa/M. Merz)

"Etwas neues entdecken": Im Richard-Wagner-Festpielhaus singt Stephen Gould für sich selbst.

Wie sind Sie zum Wagner-Sänger geworden?

Ich war ein sehr junger Sänger und habe als Bariton angefangen. Während meiner frühen Jahre im Konservatorium wollte ich Tenor werden, doch mir fehlte die richtige Technik. Als die Chicago Lyric Opera mir dann sagte, dass sie meine Dienste nicht mehr benötigte, fand dort ein Vorsingen für das Musical "Phantom of the Opera" statt. Ich ging zum Spaß hin - und war fast acht Jahre meines Lebens dort beschäftigt. Danach wollte ich mit dem Singen aufhören, bis ich einen Gesangslehrer der Metropolitan Opera traf, der mir sagte, dass ich von Anfang an falsch gesungen hätte.

Haben Sie die vorangegangenen Jahre als vergeudete Zeit empfunden?

Nein, denn als ich wieder in die Oper zurückgekehrt war, wurde mir klar, dass diese Jahre dazwischen vielleicht meine Rettung waren, denn nun war ich im richtigen Alter, Wagner zu singen. Zu viele Sänger werden heute zu früh in ihre großen Wagner-Rollen gedrängt. Ich habe Leute sagen hören: "Wenn ich 28 oder 29 bin, will ich Siegfried singen." Nun, wenn du im Alter von 28 Jahren Siegfried singst, kann ich dir garantieren, dass du mit 38 Jahren gar nichts mehr singen wirst. Es ist einfach falsch. Jeder will, dass seine Helden jung und lebendig sind und wie Brad Pitt in seinen frühen Tagen aussehen. Aber man muss der Stimme Zeit geben, sich zu entwickeln.

Wann sind Sie auf Wagner gestoßen?

Er hat mich gefunden. Mein Lehrer sagte: "Du musst in die schweren deutschen Rollen gehen." Tannhäuser war meine erste Wagner-Rolle an der Oper in Linz. Ich rief meinen Lehrer an und fragte: "Glaubst du, ich bin bereit dafür?" Er antwortete: "Du übst seit drei Jahren dafür und kennst die heiklen Stellen, also leg los!"

Bayreuther Festspiele - Inszenierung Tristan und Isolde EINSCHRÄNKUNG (Bayreuther Festspiele/Enrico Nawrath)

Stephen Gould in "Tristan und Isolde" in Bayreuth

Wie kamen Sie zum Engagement in Bayreuth?

Sobald jemand Neues in Europa Wagner singt, kann man sicher sein, dass die Wagners dort sein werden, bei mir waren es Wolfgang Wagner und seine Frau Gudrun. Sie sahen mich in Linz und luden mich ein, 2004 bei "Tannhäuser" einzusteigen. Es war eine unglaubliche Besetzung, man hätte sich keine besseren Kollegen wünschen können. Später sang ich hier den Siegfried, die Vorbereitung kostete zweieinhalb Jahre, aber selbst das reichte nicht aus. Für eine Hauptrolle brauchst du Routine, sie muss in deinen Körper übergehen. Ich habe es etwas überstürzt.

Trotzdem war das für sie nicht das Ende in Bayreuth.

Das habe ich Wolfgang Wagner zu verdanken, dem ehemaligen Direktor der Bayreuther Festspiele. Als ich Siegfried spielte, erkannte er, dass ich bald scheitern würde. Er sagte: "Komm her, Junge." Niemand sonst war in der Nähe, und ich dachte, er würde mich feuern. Stattdessen erzählte er Geschichten von all den großen Tenören, die hier seit seiner Kindheit gesungen hatten: Tenöre wie Max Lorenz, der fantastisch war, aber Intonationsprobleme hatte und eigentlich sehr faul war. Später ließ Wolfgang Windgassen beim ersten Auftritt als Siegfried acht der hohen A's im Schmiedelied weg, weil er es einfach nicht konnte. Wagner erzählte von diesen Legenden, stand auf und ging. Kein Tenor war beim ersten Mal ein perfekter Siegfried.

Das Interview führte Hans Christoph von Bock.