Bayreuther Festspiele gehen in Schlussrunde | Musik | DW | 29.08.2018
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Festspiele Bayreuth

Bayreuther Festspiele gehen in Schlussrunde

Ein "Lohengrin" mit außergewöhnlichem Bühnenbild, klug inszenierte "Meistersinger" und eine von Buhrufen begleitete Dirigenten-Premiere waren 2018 die Höhepunkte auf dem Grünen Hügel. Und was bringt das kommende Jahr?

Mit  "Die Walküre", inszeniert von Frank Castorf und mit Placido Domingo am Dirigentenpult, sind die 107. Bayreuther Filmfestspiele zu Ende gegangen. Bei seinem Bayreuth-Debüt als Dirigent wurde der 77-jährige gefeierte spanische Sänger gnadenlos ausgebuht.

Als Sänger schien es geradezu naheliegend, dass er den Orchesterklang in den Hintergrund rückte und die Gesangssolisten in den klanglichen Mittelpunkt stellte. Aber auch sie wurden durch Domingos langsame Tempi auf die Probe gestellt. Kritiker fanden, dass das "sprechende Orchester", das Richard Wagner einst vorsah, durch Domingo auf eine unscheinbare Begleitfunktion reduziert worden sei.

Abkehr von der Tradition

Obendrein waren viele von der Abkopplung der "Walküre" vom Vieropern-Zyklus "Der Ring des Nibelungen" befremdet. Diese Abkehr von einer sakrosankten Tradition war nur der jüngste Streich während der mittlerweile zehnjährigen Amtszeit von Festspiel-Leiterin Katharina Wagner, der Urenkelin Richard Wagners.

Blick auf die Bühne bei den Bayreuther Festspielen 2018 während der Lohengrin-Aufführung. (Bayreuther Festspiele/E. Nawrath)

Modernes Märchen um ein Kraftwerk im Retro-Look: "Lohengrin" mit dem Bühnenbild von Neo Rauch und Rosa Loy

Was ansonsten von diesem Jahr in Erinnerung bleiben wird, sind die Bühnenbilder, die das deutsche Künstler-Paar Neo Rauch und Rosa Loy für die Neuinszenierung von "Lohengrin" entworfen hatte, und die Katharina Wagner selbst als "Kunst, die lebendig wird" treffend beschrieb. 

Dabei überschatteten die Szenen und Requisiten in kühlen Blautönen die Botschaft der Regie, was sogar ganz die Absicht des Produktionsteams gewesen sein mag: Rauch selbst beschrieb die Wirkung als "subkutan". Erst zeitverzögert wirkt die Botschaft: Eine lieblose Scheinehe der Figuren Elsa und Lohengrin muss scheitern, damit die Frau zu sich selbst finden und sich von männlich geprägten Herrschaftsstrukturen befreien kann - eine zeitgemäße Botschaft im #MeToo-Zeitalter?

Meisterhaft inszenierte "Meistersinger"

Porträt von Barrie Kosky. (Jan Windszus)

Koskys Inszenierung der "Meistersinger" könnte als eine der ganz großen in die Geschichte der Festspiele eingehen

Auffallend auch: Die Weiterentwicklung der viel gepriesenen Inszenierung der "Meistersinger" aus dem Vorjahr. Um an seiner Darstellung der Geschichte weiter zu feilen, kehrte der Star-Regisseur Barrie Kosky nach Bayreuth zurück und wurde mit lang anhaltenden Ovationen belohnt. Nicht nur waren Musik und Drama perfekt aufeinander abgestimmt; seine Sicht vom alten Nürnberg nicht als nostalgische Utopie, sondern als Gemeinschaft, die nur durch Hass und Ausgrenzung des "Anderen" Zusammenhalt findet, passt ebenfalls in die heutige Zeit, in der Nationalismus und Fremdenfeindlichkeit wieder zuzunehmen scheinen.

Für Waltraud Meier, gefeierte Bayreuth-Solistin, war 2018 ein Jahr des Abschieds: Sie trat zum letzten Mal auf dem Grünen Hügel auf und wurde nach 18-jähriger Abwesenheit als Ortrud in "Lohengrin" frenetisch gefeiert.

Bayreuth 2019

Im kommenden Jahr wird Richard Wagners Oper "Tannhäuser" mit dem amerikanischen Tenor Stephen Gould in der Titelrolle neu inszeniert. Die Regie führt Tobias Kratzer; der russische Stardirigent Valery Gergiev wird am Dirigentenpult stehen - eine Premiere für ihn in Bayreuth.

Mit dem Auftritt der russischen Sopranistin Anna Netrebko als Elsa in zwei Aufführungen der Oper "Lohengrin" dürfen sich Wagner-Fans auf ein weiteres spektakuläres Debüt freuen. 

Das Rahmenprogramm sieht zudem das Gedenken an zwei Jahrestage vor: Den 150. Geburtstag von Siegfried Wagner, Sohn Richard Wagners und späterer Festspielleiter, sowie den 100. Geburtstag eines der Wagner-Enkel, Wolfgang Wagner.

Siegfried Wagners Leben und Werk wird im "Diskurs Bayreuth" Thema eines neuen Stücks für Sprechtheater des deutschen Autors und Künstlers Feridun Zaimoglu sein. Das Werk "könnte auch Musik beinhalten", sagte Katharina Wagner.

Damit wirken die Festspiele 2019 geradezu wie die Ruhe vor dem Sturm. Denn 2020 steht eine Neuinszenierung der "Ring"-Tetralogie an - Regieteam noch unbekannt.

150. Jubiläum rückt näher

Seit dem ersten Festspieljahr 1876 gab es laut der Facebook-Seite der Festspiele 2.694 Aufführungen im Bayreuther Festspielhaus - 32 davon in diesem Jahr, alle ausverkauft - und mehr als 62.000 Besucher aus zahlreichen Ländern.

Bundeskanzlerin Angela Merkel und Ehemann Joachim Sauer sowie Bundesverteidigungsministerin Ursula von der Leyen mit ihrem Mann Heiko von der Leyen bei den Bayreuther Festspielen 2018. (picture-alliance/Eventpress/Golejewski)

Polit-Prominenz in Bayreuth 2018 (v.l.n.r.): Bundeskanzlerin Angela Merkel und Ehemann Joachim Sauer sowie Bundesverteidigungsministerin Ursula von der Leyen mit ihrem Mann Heiko von der Leyen

Als Provisorium gedacht, wird das von Richard Wagner selbst entworfene Theater einer umfassenden Sanierung unterzogen. Inzwischen sind die Fassaden fertig, bald beginnen die Arbeiten am Brandschutz und an der Barrierefreiheit. Fertig soll alles bis 2026 werden, dann feiern die Bayreuther Festspiele ihr 150. Jubiläum. Ob der Etatansatz von 30 Millionen Euro eingehalten werden kann, sei fraglich, sagte der Geschäftsführende Direktor Holger von Berg.

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