Auf den Spuren der Stasi in Berlin | Kultur | DW | 11.06.2019
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DDR-Geschichte

Auf den Spuren der Stasi in Berlin

Überwachen und einschüchtern: Das war das Kerngeschäft der Staatssicherheit in der DDR. Wo einst Dissidenten im Gefängnis saßen, zeigt heute ein Museum auf einem multimedialen Stadtplan das wahre Ausmaß der Kontrolle.

Nach einem langen Arbeitstag im Oktober 1960 beschließen Heinz Brandt und ein Kollege, in eine Bar in Charlottenburg zu gehen. In dem West-Berliner Stadtteil trifft Brandt auf Eva Walter. Die Begegnung ist kein Zufall: Sowohl die junge Frau als auch der Kollege sind informelle Mitarbeiter der Stasi, der Geheimpolizei der DDR.

Ihr Plan: Brandt, einen ehemaligen Mitarbeiter der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands (SED), also der herrschenden Staatspartei in der DDR, zu fangen und nach Ost-Berlin zurückzubringen. Nach anderthalb Jahren erreicht die Stasi ihr Ziel: Brandt wird in Walters Wohnung betäubt und in die DDR-Haftanstalt Hohenschönhausen auf der kommunistischen Seite der Stadt gebracht.

Stadtplan der Stasi

Mehr als ein halbes Jahrhundert später wurde jetzt in diesem ehemaligen Gefängnis, heute "Gedenkstätte Berlin-Hohenschönhausen", die Ausstellung "Stasi in Berlin" eröffnet, die bis zum 31. März 2020 zu sehen ist. Sie erzählt Geschichten wie die von Brandt - und zeigt eine Karte mit Tausenden von Adressen, die von der Stasi in Berlin verwendet wurden. Die Ausstellung ist das Ergebnis zweieinhalbjähriger Forschung und der Durchforstung von mehr als 10.000 Seiten offizieller Akten.

"Wir sind die ersten, die so einen Stadtplan erstellt haben. Davor waren nicht einmal die offiziellen Wohnungen kartiert", sagt Jochen Krüger, einer der drei am Projekt beteiligten Forscher. "Wir mussten die Adressen von jeder einzelnen herausfinden. In West-Berlin allerdings konnten wir die Adressen nicht feststellen, weil die Stasi diese Akten zerstört hat."

Tausende Wohnungen

Das Ministerium für Staatssicherheit, kurz Stasi, wurde 1950 von der SED unter direkter Leitung der Geheimpolizei der Sowjetunion gegründet. Die Einheit fungierte als interne Polizei, Geheimorganisation, Ermittlungsbehörde und Nachrichtendienst. Sie half der Regierungspartei, mit eiserner Hand an der Macht zu bleiben und unterdrückte jegliches "subversives" Verhalten. Dazu infiltrierte sie dank eines riesigen Apparats von Mitarbeitern und inoffiziellen Kollaborateuren jeden Aspekt des Lebens der Ostdeutschen, zerstörte Reputationen, isolierte und förderte den Verrat zwischen Familien und Freunden.

Zum Zeitpunkt ihrer Auflösung im Januar 1990 beschäftigte die Stasi 91.000 Beamte - allein in Berlin rund 40.000. Die Zahl der inoffiziellen Mitarbeiter betrug rund 180.000, also statistisch gesehen etwa jeder 90. DDR-Bürger.

Zwei Beine stehen auf dem Luftbild von Berlin in der Ausstellung Stasi in Berlin (Beatrice Berthel)

Berlin zu Füßen: Die Stadt aus Sicht der Ausstellungsbesucher

In Berlin verfügte die Geheimpolizei über mindestens 4.200 Standorte, darunter 3.459 Privatwohnungen und Häuser, wo sich die Mitarbeiter mit Agenten trafen, außerdem 285 offizielle Büros, 18 Werkstätten, eine ausgeprägte technische Infrastruktur und Gefängnisse. Allein in der Oderberger Straße im Stadtteil Prenzlauer Berg befanden sich elf Wohnungen, wo man sich zu konspirativen Zwecken traf.

"Wir wussten von der Struktur der Stasi in Berlin und ihren Büros; also versuchten wir, diese Orte zu finden. Es war allerdings nicht so leicht, weil es keine Aufzeichnungen oder Listen gab und die Adressen häufig geändert wurden", erzählt Krüger.

"Es gab eine Liste von konspirativen Wohnungen, aber wir wussten nicht genau, wann sie benutzt wurden. Deshalb haben wir uns entschieden, die Standorte nur im Zeitraum zwischen 1988 und 1989 zu analysieren. Wir haben alles mit zwei Quellen überprüft, denn selbst Stasi-Mitarbeiter machten Fehler", sagt der Forscher.

Spaziergang mit Tablet

Anhand der Dokumente, Fotos, Videos und Audios hat die Gedenkstätte Berlin-Hohenschönhausen einen multimedialen Raum erschaffen, in dem die Besucher auf einem begehbaren, 160 qm großen Luftbild von Berlin spazieren gehen und mit Hilfe eines Tablets die von der Stasi bei ihren Operationen genutzten Orte erkunden können.

Die Gedenkstättenforschung zeigt die Allgegenwart der Stasi auf beiden Seiten Berlins. Vor dem Mauerbau 1961 waren Entführungen von Dissidenten wie Heinz Brandt im westlichen Teil der Stadt an der Tagesordnung. Es gibt Aufzeichnungen über etwa 400 solcher Fälle.

Dissidenten wurden bespitzelt 

Später entwickelte die Geheimpolizei "weichere" Strategien wie Spionage und die Rekrutierung von Informanten in Politikerkreisen und in der Verwaltung West-Berlins. "Die Stasi war mit West-Berlin sehr vertraut, aber sie musste ihre Aktivitäten auf die starke Präsenz der westlichen Gegenspionage und Polizei einstellen. So hat sie sich mit äußerster Vorsicht verhalten", sagt Jens Gieseke, Stasi-Experte am Zentrum für Zeithistorische Forschung in Potsdam.

Die Dissidenten in West-Berlin waren jedoch nicht außerhalb ihrer Reichweite. "Die Stasi wollte jede Art von Opposition verhindern. Sie verfolgte Dissidenten auch auf der anderen Seite der Mauer. Sie infiltrierte Agenten in das private und berufliche Umfeld der Dissidenten, erpresste sie und brachte sie in jeder Hinsicht in Schwierigkeiten", erklärt Jochen Staadt, Politikwissenschaftler an der Freien Universität Berlin.

Großer Lauschangriff

Die Stasi wollte alles über West-Berlin wissen. "Sie war in der Lage, Telefongespräche abzuhören, wenn sie die Nummer kannte, und sogar Anrufe zwischen der West-Berliner Polizei und Behörden aus Westdeutschland aufzuzeichnen", so Staadt. Ende der 1980er Jahre gab es nach Angaben der Gedenkstätte Berlin-Hohenschönhausen 25 Überwachungsstationen in Berlin, die Telefonate aufzeichneten. Zwischen 400 und 600 solcher Anrufe wurden pro Tag abgefangen.

Eines der Ziele der Stasi-Operationen in West-Berlin - und in Westdeutschland insgesamt - war es, Informationen über Politiker, Parteien und Regierungsvertreter zu erhalten, die sich mit ostdeutschen Angelegenheiten befassten. "Sie wollten im Voraus wissen, was Westdeutschland plant und tut, vor allem im Hinblick auf die Verhandlungen zwischen den beiden Ländern", sagt Staadt.

Lukrative Industriespionage

Doch die massive Präsenz der Stasi in West-Berlin hatte auch wirtschaftliche Gründe. So erhielten viele Spione Zugang zu industriellen Forschungseinrichtungen. "Sie sammelten Informationen und nutzten sie ohne Erlaubnis in der ostdeutschen Industrie. Sie [die Behörden der DDR, Anm. d. Red.] haben durch den Diebstahl von Technologie viel Geld gespart", verrät Staadt.

Außenansicht der Stasi-Gedenkstätte Hohenschönhausen in Berlin (picture-alliance/Bildagentur-online/Joko)

Einst Teil des DDR-Überwachunsstaates, heute Gedenkstätte: das ehemalige Gefängnis Hohenschönhausen

Die Geheimpolizei der DDR infiltrierte jeden Aspekt des Privatlebens ihrer Bürger, spionierte sie aus, hörte bei ihren  Telefongesprächen mit und las ihre Post. Aber nur wenige in West-Berlin konnten sich vorstellen, dass die Stasi auch einen so einfachen Zugang zu den von Frankreich, den USA und dem Vereinigten Königreich kontrollierten Sektoren hatte.

Stasi im Bundeskanzleramt

Während des Kalten Krieges betrieb ein ostdeutsches Unternehmen den vielbesuchten Bahnhof Zoo in West-Berlin. Und die Stasi nutzte das, indem sie ihre Agenten die Ticketschalter und die Buchungsstellen bedienen ließ. Inoffizielle Mitarbeiter und Agenten konnten sogar ein bestimmtes Schließfach im Bahnhof benutzen.

Im Laufe der Jahre besetzte die Stasi zahlreiche wichtige Positionen in Westdeutschland mit ihren Geheimagenten. "Günter Guillaume hatte sogar Zugang zum Bundeskanzleramt. Der wichtigste Spion war jedoch Rainer Rupp, der im Hauptquartier der NATO in Brüssel arbeitete, von wo aus er Hunderte von geheimen Dokumenten in den Osten schickte", erinnert sich Gieseke.

Militärische Angriffsziele

Die starke Präsenz der Stasi in den westlichen Teilen der Stadt stand auch im Zusammenhang mit den Plänen der ostdeutschen Führung, West-Berlin mit militärischen Mitteln einzunehmen. Es gab Details von Orten, die zuerst angegriffen werden sollten, wie Brücken, Bahnhöfe und Flughäfen. "Der letzte Plan, den wir gefunden haben, war von 1987", sagt Jochen Staadt.

Die Stasi führte sogar eine aktuelle Liste von politischen Führern, Polizisten, Journalisten und Beamten, die nach der Invasion inhaftiert werden sollten. Das 30-jährige Jubiläum des Mauerfalls zeigt, wie spektakulär diese Pläne nach hinten losgegangen sind.

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