Atlantik statt Sahara: Auf neuen Wegen nach Europa | Afrika | DW | 07.10.2020
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Migration

Atlantik statt Sahara: Auf neuen Wegen nach Europa

Die Migrationsrouten zwischen Afrika und Europa verändern sich: Auf den Kanarischen Inseln sind in den letzten Monaten sechsmal mehr Migranten angekommen als im Vorjahr. Die Corona-Krise ist nur ein Grund dafür.

Migrationsrouten im Umbruch

Abdul Kamaras Reise endete vorläufig auf Fuerteventua

Das Meer ist erstaunlich ruhig an diesem Nachmittag - jedenfalls für Fuerteventura. Abdul Kamara sitzt auf einem Steg und erinnert sich an jenen Tag im Frühsommer, als er auf der spanischen Insel ankam. Bedrohlich hoch seien die Atlantikwellen damals gewesen. Drei Tage im Schlauchboot hatte der junge Mann aus Guinea da schon hinter sich. Die Fahrt hatte im Süden Marokkos begonnen - fast hätte er sie nicht überlebt.

"Wir hörten plötzlich, wie Luft aus dem Schlauchboot austrat", erinnert sich Kamara im DW-Interview. "Ich hatte das Gefühl: Das könnte jetzt wirklich dein Ende sein. Das einzige, an das ich denken konnte, war meine kleine Schwester, die dann ohne mich auskommen müsste. Ich war in einer Schockstarre."

Die gefährlichste Überfahrt der Welt

Die Migranten im Boot konnten das Leck notdürftig flicken und erreichten Fuerteventura. Damit gehört Abdul Kamara zu rund 5000 afrikanischen Migranten, die seit Anfang des Jahres auf den Kanaren angekommen sind - ein Anstieg um mehr als 600 Prozent im Vergleich zu 2019. Bereits früher wurde die Migrationsroute zwischen Afrika und der spanischen Inselgruppe rege genutzt. Mitte der 2000er Jahre kamen Zehntausende Migranten auf den Inseln an. Seitdem wagten jedoch nur noch wenige Boote die Überfahrt - nicht zuletzt, weil die Route als gefährlichste Überfahrt der Welt gilt: Laut Hilfsorganisationen stirbt hier einer von 16 Migranten.

Flüchtlinge gehen auf Fuerteventura von Land

Die Zahl der Ankünfte auf den Kanaren ist in diesem Jahr deutlich gestiegen

Noch rätseln viele Beobachter, warum sie wieder so oft genutzt wird. Bram Frouws vom Mixed Migration Center, einem unabhängigen Forschungsinstitut in Genf, verweist auf die weltweiten Auswirkungen der Corona-Pandemie. "Die sozialen und wirtschaftlichen Folgen der Pandemie steigert für viele Menschen den Wunsch und sicherlich auch die Notwendigkeit zu migrieren. Gleichzeitig nimmt sie ihnen viele der Möglichkeiten dazu", so Frouws zur DW. Zum einen hätten die Menschen weniger Geld für die Reise, zum anderen sei die Bewegungsfreiheit überall eingeschränkt. Nicht nur, weil viele Grenzen geschlossen sind: Man sehe momentan, dass auf vielen klassischen Routen schlichtweg weniger Schleuser zur Verfügung stünden, erklärt Frouws.

Spanien: Opfer des eigenen Erfolgs

Doch die Gründe, warum sich die Migrationsrouten aktuell verschieben, hat nicht nur mit der Coronakrise zu tun. In den vergangenen Jahren haben europäische Staaten diverse Vereinbarungen mit Transitländern wie Niger und Libyen geschlossen, die stets nach dem gleichen Muster funktionieren: Afrikanische Staaten tun mehr, um durchreisende Migranten aufzuhalten, lange bevor sie die nordafrikanische Küste erreichen. Im Gegenzug überweist Europa stattliche Summen an diese Länder und erhöht sein entwicklungspolitisches Engagement.

Oft sorgen solche Deals aber nur dafür, dass sich die Migrationsrouten ändern. Im Fall der Kanarischen Inseln ist nicht unwahrscheinlich, dass Spanien Opfer der eigenen Migrations-Diplomatie wurde. "Als die Migrationszahlen zwischen Marokko und dem spanischen Festland deutlich stiegen, hat Spanien quasi eine Woche später 30 Millionen Euro nach Marokko überwiesen. Sie nennen das dann Migrations-Zusammenarbeit", so Experte Frouws.

Karte Kanarische Inseln Fluchtziel DE

Immer mehr Flüchtlinge starten ihre Überfahrt im Süden Marokkos oder auf dem Gebiet der Westsahara

Marokko hielt sich an seinen Teil der Abmachung und vertrieb Migranten aus Gebieten in Küstennähe. Die Ankünfte auf dem spanischen Festland gingen im ersten Halbjahr 2020 um mehr als 4000 zurück. Die Folge: Die Migranten versuchen nun bereits im Süden Marokkos, auf dem Gebiet der von Marokko besetzten Westsahara und sogar noch weiter südlich in Boote zu steigen und auf die Kanarischen Inseln statt aufs Festland zu gelangen.

Vorläufer einer neuen Migrationsdynamik

Für Frouws Kollegen Matt Herbert von der Nichtregierungsorganisation Global Initiative Against Transnational Organized Crime steht fest: Was wir momentan sehen, sind die Vorboten massiver neuer Migrationsbewegungen in Richtung Europa. Zwar hätten viele Länder im Sahel am Anfang der Coronakrise wirksame Mobilitätseinschränkungen durchsetzen können. Bereits in der Vergangenheit habe man jedoch gesehen, dass die schwachen Institutionen dieser Staaten strikte Maßnahmen nur für eine begrenzte Zeit durchsetzen könnten.

"Der politische Preis ist einfach sehr hoch und die Maßnahmen lassen sich nicht ewig weiterführen", so Herbert zur DW. Daher könne man davon ausgehen, dass viele Migranten, die momentan in Transitländern feststeckten, ihre Reise in naher Zukunft fortsetzen werden. Hinzu kommt, dass aufgrund der zahlreichen politischen Krisen im Sahel immer mehr Menschen aus der Region selbst in Richtung Norden aufbrechen.

Strand von Fuerteventura

Die Kanarischen Inseln gelten normalerweise als beliebtes Ferienparadies

Welche mittel- und langfristigen Folgen die wirtschaftlichen Auswirkungen der Coronakrise haben, lasse sich laut Herbert derzeit bereits in Nordafrika betrachten. Hier sind zwar in den vergangen Monaten deutlich weniger Migranten auf der Durchreise nach Europa angekommen, dafür setzten sich jetzt nun immer mehr Nordafrikaner selbst in die Boote. Mehr als 7000 Tunesier sind seit Anfang des Jahres über das Mittelmeer aufgebrochen, die höchste Zahl seit der Arabischen Revolution im Jahr 2011. Auch im Nachbarland Libyen, einst eines der wichtigsten Transitländer der sogenannten Zentralen Mittelmeerroute, würden nun selbst Kunden der Schleuser.

"Ich glaube, das ist nur die erste Vorhut einer neuen, von COVID-19 getriebenen Migration", so der Forscher. "Irreguläre Migranten aus Westafrika, Zentralafrika und dem Horn von Afrika hatten bisher einfach noch keine Zeit, sich bis dorthin vorzuarbeiten." Seiner Einschätzung nach wird das in den nächsten sechs bis zwölf Monaten der Fall sein.

Eine Frage des Preises

Auch Abdul Karim Kamara will nicht auf Fuerteventura bleiben. Er hofft, mit den anderen Migranten bald auf ein Lager auf dem spanischen Festland umsiedelt zu werden. Von dort will er weiter Richtung Norden ziehen. Für Kamara hatte der "Umweg" über die Kanarischen Inseln einen ganz pragmatischen Grund: Schon lange sah er in seinem Heimatland Guinea keine Perspektive mehr für sich. Dann erfuhr er, dass die Schleuserpreise auf der Atlantikstrecke momentan reicht günstig sind: Für rund 800 Euro bekommt man momentan einen Platz in einem Schlauchboot, erzählt er. In der Vergangenheit waren es teilweise mehr als 2000 Euro.