Arrow 3: Deutschland startet neues Raketenabwehrsystem
Veröffentlicht 2. Dezember 2025Zuletzt aktualisiert 2. Dezember 2025
Greifen Raketen aus großer Höhe an, soll Arrow 3 sie bereits weit vor dem Wiedereintritt in die Erdatmosphäre ausschalten. Am Mittwoch, dem 3. Dezember 2025, ist das neue Abwehrsystem in die erste Einsatzstufe gegangen. Die Bundeswehr will weit- und hocheichende Raketen schon beim Übergang zum Weltraum ausschalten. Deutschland ist damit das erste Land außerhalb Israels, das Arrow 3 ("Pfeil 3") in seine Verteidigung integriert.
Seine Einführung gilt als unmittelbare Reaktion auf den russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine und die wachsende Bedrohung durch moderne Langstreckenraketen. Arrow 3 ist ein Baustein der sicherheitspolitischen Neuausrichtung Deutschlands seit 2022 - der sogenannten "Zeitenwende" -, zu der deutlich steigende Verteidigungsausgaben und der Aufbau einer gestaffelten europäischen Luftverteidigung gehören.
Pistorius: Arrow 3 sichert Deutschland und Europa
"Wir erlangen damit erstmals die Möglichkeit zur Frühwarnung und zum Schutz unserer Bevölkerung vor weitreichenden ballistischen Raketen", erklärte Verteidigungsminister Boris Pistorius. Mit diesem im Kreis europäischer Partner einmaligen System sichere man die zentrale Rolle im Herzen Europas. "Damit schützen wir also nicht nur uns, sondern auch unsere Partner." Deutschland zeige, dass es Verantwortung übernehme, so Pistorius.
In der Pressemitteilung des Verteidigungsministeriums heißt es weiter: "Im Falle eines möglichen Konflikts ist Deutschland aufgrund seiner zentralen geografischen Lage potentiell durch ballistische Waffensysteme großer Reichweite bedroht. Russland beispielsweise verfügt über Langstreckenraketen, die extreme Höhen erreichen und im Krisenfall eine ernsthafte Bedrohung darstellen könnten.
Bisher hatte Deutschland keine militärische Antwort darauf. Seit langem warnen auch NATO-Analysen vor einer Schutzlücke Europas. Arrow 3 soll sie schließen.
Hit-to-Kill: Präzision statt Explosion
Das Raketenabwehrsystem Arrow 3 wurde gemeinsam von Israel und den USA entwickelt und gehört zu den modernsten Systemen weltweit, wenn es um die Abwehr von Interkontinental-Raketen geht. Das Luftverteidigungssystem IRIS-T deckt kurze Distanzen bis etwa 15 Kilometer ab, Patriot mittlere Reichweiten bis rund 50 Kilometer - gemeinsam sichern sie Höhen bis etwa 50 Kilometer.
Arrow 3 kann dagegen angreifende Raketen in bis zu 100 Kilometern Höhe abfangen - am Übergang zum Weltraum - und erzielt eine Reichweite von bis zu 2400 Kilometern. Zusammen bilden diese drei Systeme eine mehrschichtige Raketenabwehr.
Arrow 3 gilt als technologisch führend; allerdings zu einem hohen Preis: Eine einzelne Arrow-3-Abfangrakete kostet nach Schätzungen mehrere Millionen Euro. Patriot und IRIS-T sind deutlich kostengünstiger und können im Ernstfall in größerer Zahl eingesetzt werden.
Arrow 3 arbeitet nach dem sogenannten Hit‑to‑Kill‑Prinzip: Die anfliegende Rakete wird nicht durch Sprengstoff, sondern durch einen direkten Aufprall zerstört. Die Abfangrakete trifft das Ziel auf seiner Flugbahn, bevor es die Erdatmosphäre wieder erreicht.
Dadurch entstehen weniger Trümmer als bei einer Explosion durch eine Sprengladung, was die Sicherheit über bewohnten Gebieten erhöht. Dafür benötigt das Abwehrsystem eine präzise Steuerung. Der Gefechtskopf verfügt zudem über eigene Sensoren zur Zielkorrektur während des Anflugs.
Schutz vor schnellen ballistischen Raketen
Ähnlich wie Patriot besteht Arrow 3 aus drei mobilen Hauptkomponenten: einem Frühwarnradar zur schnellen Erkennung von Flugbahnen, einer Gefechtsführung zur Analyse von Bedrohungen, um über Abfangmaßnahmen entscheiden zu können, sowie einer mobilen Startanlage für die Abfangraketen.
Das System soll vor allem ballistische Raketen abfangen. Dabei handelt es sich um Waffen, die nach dem Start weitgehend einer durch die Schwerkraft bestimmten Flugbahn folgen. Zunächst werden sie vom Raketenantrieb beschleunigt, steigen dann in große Höhen auf und können teilweise sogar den Weltraum erreichen. Am Ende stürzen sie auf ihr Ziel herunter.
Anders als Marschflugkörper, die während des gesamten Flugs aktiv gesteuert werden, werden ballistische Raketen nur in der Startphase gelenkt. Sie sind besonders schwer abzufangen, weil sie extrem schnell fliegen, große Entfernungen überwinden und hoch in die Atmosphäre steigen. Moderne Interkontinentalraketen wie die russische "Sarmat" beispielsweise erreichen Geschwindigkeiten von mehr als 20.000 Kilometern pro Stunde.
Holzdorf: Deutschlands erster Arrow-3-Standort
Der erste Standort des Raketenabwehrsystems ist der Militärflugplatz Holzdorf bei Schönewalde südlich von Berlin, es ist die Grenze zwischen den drei Bundesländern Brandenburg, Sachsen-Anhalt und Sachsen. Hier werden Personal, Abläufe und die Integration in das NATO-Luftverteidigungsnetz erprobt.
Holzdorf dient als Ausgangspunkt für den Aufbau eines bundesweiten Schutzschilds gegen Langstreckenraketen. Zwei weitere Standorte sind in Bayern und Schleswig-Holstein geplant. Die vollständige Schutzfähigkeit durch das Arrow-3-System ist ab 2030 vorgesehen. Indem Anlagen auf mehrere Standorte verteilt sind, soll sichergestellt werden, dass der Schutz auch dann besteht, wenn im Ernstfall einzelne Komponenten ausfallen.
Arrow 3 wurde Anfang 2017 offiziell von Israel in Dienst gestellt. In Ergänzung des bekannten Raketenabwehrsystem Iron Dome ("Eiserne Kuppel"), das vor allem Angriffe aus dem Gazastreifen und dem Libanon abwehrt, wurde Arrow 3 für die Abwehr weitreichender Raketen entwickelt.
Mit der Stationierung in Deutschland wird es nun erstmals Teil des europäischen Luftverteidigungssystems European Sky Shield Initiative (ESSI), das Deutschland im Oktober 2022 wesentlich angeschoben hatte.
Größtes Rüstungsgeschäft zwischen Deutschland und Israel
Ende September 2023 besiegelten Deutschland und Israel in Berlin den Kauf des Arrow-3-Systems - das bislang größte Rüstungsgeschäft Israels. Volumen nach Angaben des deutschen Verteidigungsministeriums: über 3,6 Milliarden Euro. Ein Teil fließt in Wartungs- und Unterstützungspakete, die den Betrieb über Jahrzehnte sichern sollen.
Dabei ist die Vereinbarung mehr als ein Milliarden-Geschäft. Sie stärkt die sicherheitspolitische Partnerschaft zwischen Deutschland und Israel. Für Europa ist Arrow 3 zugleich ein Schritt hin zu größerer Unabhängigkeit von Rüstungssystemen aus den USA.