Armen Ländern droht die Staatspleite | Wirtschaft | DW | 28.06.2022
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Entwicklungspolitik

Armen Ländern droht die Staatspleite

Erst Corona, dann Inflation und jetzt steigende Zinsen - viele Entwicklungsländer stehen vor dem Ruin. Die Weltbank will das Schlimmste verhindern und warnt vor globalen Konsequenzen.

USA Das Hauptquartier der Weltbank in Washington

Zentrale der Weltbank in Washington, D.C.

Jagath Gunasena hat kaum noch Hoffnung. Jeden Tag schickt er seine Frau und seinen Sohn los, um in Colombo, der Hauptstadt Sri Lankas, neues Gas für den familieneigenen Imbiss-Stand zu kaufen. Und fast jeden Tag werden die beiden abgewiesen, weil die Vorräte zu Ende gehen.

"Wenigstens haben wir noch Reste von unserem Imbiss-Stand zu essen", sagt Gunasena dem Nachrichtendienst Bloomberg. "Ich weiß nicht, wie die anderen einen Weg finden, zu kochen oder über die Runden zu kommen."

Während die westliche Welt über Konjunktursorgen klagt und eine Rezession befürchtet, steckt Sri Lanka bereits mittendrin. 23 Millionen Menschen kämpfen hier mit der schlimmsten Wirtschaftskrise seit 1948, dem Jahr der Unabhängigkeit von Großbritannien. Seit Monaten schon kann Sri Lanka seine Schulden im Ausland nicht mehr begleichen. Bereits im Mai hat sich der Inselstaat für zahlungsunfähig erklärt.

Die Pleite hat massive Konsequenzen für die Einwohner. Überall mangelt es an Lebensmitteln, Benzin wird knapp und in einigen Teilen des Landes gehen bereits die Medikamente aus. In den Straßen schlägt sich der Frust in gewalttätigen Protesten nieder, die die ohnehin instabile Regierung weiter destabilisieren.

"Absolute Katastrophe"

Gleichzeitig wächst die Sorge, dass sich die Unruhen weit über die Landesgrenzen hinaus ausweiten. Denn Sri Lanka ist nicht das einzige Land, dass mit der Zahlungsunfähigkeit kämpft.

Eine Mischung aus realwirtschaftlichen Schocks und geldpolitischen Straffungen werde "eine große Zahl von Ländern mit niedrigem Einkommen in die Notwendigkeit einer Umschuldung treiben", sagt der US-Ökonom John Lipsky, der viele Jahre in leitender Stellung beim Internationalen Währungsfonds (IWF) tätig war. "Das ist eine absolute Katastrophe, auf die wir da zusteuern."

Nach Angaben der Weltbank befinden sich aktuell 60 Prozent der ärmsten Länder dieser Welt in einer Schuldenkrise oder sind davon bedroht. Länder wie Pakistan, Tunesien, Äthiopien, El Salvador und Ghana laufen sogar Gefahr, bankrott zu gehen.

Sollte sich die Zahl zahlungsunfähiger Staaten ausweiten, drohten sogar globale Konsequenzen, warnen Experten. "Das Risiko einer umfangreichen Schuldenkrise mit einem möglichen Dominoeffekt ist heute größer als während der COVID-19-Pandemie", sagte Rebeca Grynspan, Generalsekretärin der Konferenz für Handel und Entwicklung der Vereinten Nationen (UNCTAD) vor einigen Wochen.

Sri Lanka Medizinstudenten protestieren gegen Präsident Gotabaya Rajapaksa in Colombo

Demonstranten in Sri Lanka fordern am 29.5. den Rücktritt des Präsidenten. Einige Wochen zuvor war dessen Bruder von seinem Amt als Premierminister zurückgetreten

Es wäre naiv zu behaupten, die betroffenen Länder hätten keine Mitschuld an dieser Misere. In Sri Lanka etwa führte ein giftiger Cocktail aus jahrelanger Misswirtschaft, Korruption und aggressiven Steuersenkungen des Brüderpaars Gotabaya und Mahinda Rajapaksa zur wirtschaftlichen Ohnmacht. Mahinda Rajapaksa trat nach heftigen Protesten der Bevölkerung Anfang Mai als Premierminister zurück, sein Bruder ist weiterhin Präsident.

Erst Corona, dann Inflation

Ihr Regierungsstil hat das Land in Grund und Boden gewirtschaftet. Wegen der Steuererleichterungen klaffte ein riesiges Loch in der Staatskasse, das sich mit der Corona-Krise immer tiefer in den Haushalt fraß. Durch die Pandemie brach Sri Lankas wichtigste Einnahmequelle, der Tourismus, weg. Dazu kommen nun steigende Energie- und Nahrungsmittelpreise als Folge des Ukraine-Kriegs.

Dass die Inflation hier noch deutlich stärker zuschlägt als in der westlichen Welt, liegt am starken Dollar. Das Rekordhoch der internationalen Leitwährung ist eine enorme Belastung für viele Entwicklungsländer, die Energie, Medikamente und Lebensmittelimporte meist in Dollar bezahlen.

In vielen Ländern Afrikas geben Menschen bis zu 40 Prozent ihrer Haushaltsausgaben allein für Essen und Trinken aus, mehr als doppelt so viel wie Menschen in Industrienationen. Steigende Preise führen hier nicht nur zu leeren Portemonnaies, sondern zu Hunger.

Die Regierungen wiederum kämpfen in erster Linie mit ihrer enormen Schuldenlast. Rund 35 Milliarden Dollar müssen die 75 ärmsten Länder dieser Erde bis Jahresende zurückzahlen, rechnet die Weltbank vor. Ende 2021 ist ein ein Schuldenmoratorium ausgelaufen, das die G20-Staaten im Zuge der Coronakrise gewährt hatten.

Steigende Zinsen verschärfen Probleme

Verschärft wird die Schuldenkrise durch den Ausstieg vieler Industriestaaten aus ihrer ultralockeren Geldpolitik. Bis vor wenigen Monaten noch profitierten Länder wie Pakistan von den extrem niedrigen Zinssätzen reicherer Volkswirtschaften. Nun aber, da viele Nationen der Inflation den Kampf ansagen, steigen die Zinssätze weltweit.

Infografik- Verschuldung Afrikanischer Staaten - DE

Gerade erst hat die amerikanische Notenbank ihren Leitzins um 75 Basispunkte erhöht - so stark wie zuletzt vor fast 30 Jahren. Viele Staaten können es sich nicht mehr leisten, neue Schulden zur Refinanzierung aufzunehmen.

Selbst Nationen wie Ägypten, Vietnam, Türkei oder die Philippinen geraten mittlerweile in Schwierigkeiten. "Die Verschuldungsnot, die bisher auf Länder mit niedrigem Einkommen beschränkt war, breitet sich auf Länder mit mittlerem Einkommen aus", warnte die Weltbank in einem Bericht.

Glaubt man dem Hedgefonds-Manager Jay Newman, hat nicht zuletzt auch die chinesische Regierung einen wesentlichen Anteil am finanziellen Untergang der Schwellenländer. Die Volksrepublik habe Sri Lanka und andere Entwicklungsländer mit großzügigen Krediten in die Falle gelockt, schreibt Newman in einem Meinungsbeitrag in der Financial Times.

China habe den Inselstaat dazu gebracht, mit dem geliehenen Kapital teure und unwirtschaftliche Projekte zu finanzieren. Durch die ausstehenden Schulden hätte China nun "die Peitsche in der Hand".

Mit ihrer rund 600 Milliarden Dollar schweren "Partnerschaft für Globale Infrastruktur" wollen die G7-Staaten ein Gegengewicht zu Chinas "Neuer Seidenstraße" bilden.

G7-Gipfel: 600 Milliarden Dollar für globale Infrastruktur-Initiative

Investoren ziehen Geld ab

Viele Anleger, die einst von satten Renditen in den Schwellenmärkten profitiert haben, liquidieren deshalb ihre Bestände. Jahrelang wurden sie mit dem Argument gelockt, dass aufstrebende Wirtschaften schneller wachsen als wuchtige Industrienationen. Dieses Versprechen ist nun verpufft.

Mehr als 40 Milliarden Dollar haben Investoren in diesem Jahr bereits aus Schwellenländer-Aktien abgezogen, das zeigen Daten von EPFR Global, einem in Boston ansässigen Research-Haus. Im Vorjahr hatte es in dem gleichen Zeitraum noch Zuflüsse von mehr als 50 Milliarden Dollar gegeben.

Anders als in früheren Schuldenkrisen trifft die Kapitalflucht aber nicht nur Profi-Investoren. Über Indexfonds, sogenannte ETFs, sind inzwischen auch Millionen von Kleinanleger in Schwellenländer investiert.

Milliarden von der Weltbank

Um Länder wie Sri Lanka zu stabilisieren und größere Anstecklungen zu vermeiden, hat die Weltbank mittlerweile 170 Milliarden Dollar zugesagt. Es ist das größte Rettungsprogramm in der Geschichte der Organisation, noch massiver als die finanziellen Hilfen zur Bekämpfung der Corona-Pandemie.

"Wir müssen zusehen, dass diese Hilfsgelder bei den Ärmsten der Armen ankommen, denn sie trifft diese Krise am härtesten", sagt Paikiasothy Saravanamuttu, Leiter des Centre for Policy Alternatives (CPA), dessen Ziel laut Eigendarstellung ein liberales, demokratisches Sri Lanka ist, in einem Interview mit dem Magazin Der Spiegel. "Es wird etwa drei bis sechs Jahre dauern, bis wir wieder von einer Art Normalität sprechen können."