Angst vor teurem Brot in der Türkei | Wirtschaft | DW | 24.02.2022
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Folgen des Krieges

Angst vor teurem Brot in der Türkei

Nach der russischen Invasion herrscht auch in der Türkei große Nervosität. Vor allem in der Wirtschaft. Die Lira verlor gegenüber dem US-Dollar mehr als 2,5 Prozent an Wert. Die Angst vor höheren Preisen ist sehr groß.

Marktstand mit Brot in Ankara

Marktstand mit Brot in Ankara

Die Türkei ist sehr beunruhigt. Denn sie ist NATO-Mitglied und auch Schwarzmeer-Anrainer so wie Russland und die Ukraine. Zudem hat sie mit beiden Ländern seit Jahren komplizierte politische, aber auch enge wirtschaftliche Beziehungen. Von Russland kauft sie Flugabwehrsysteme unter Missbilligung der NATO. Der Ukraine verkauft sie waffenfähige Drohnen aus eigener Produktion. 

Vor allem aber die Türkei wirtschaftlich sehr abhängig von Russland. Fast seinen gesamten Energiebedarf deckt das Land am Bosporus aus dem Ausland, rund 40 Prozent des Erdgas- und 25 Prozent des Ölbedarfs importiert Ankara aus Russland.

Türkische Drohne vom Typ Bayraktar TB2

Exportartikel: Türkische Drohne vom Typ Bayraktar TB2

Ohne Weizen aus Russland geht nichts

Zunehmend abhängig wird die Türkei bei landwirtschaftlichen Produkten. Weizen, Gerste, Soja, Kichererbsen, Sonnenblumenkerne und Mais bezieht Ankara aus Russland. Das Wichtigste aber ist Weizen. 70 Prozent ihres Weizenimports führte die Türkei 2021 aus Russland ein. Ohne das daraus produzierte Mehl können die türkischen Bäcker das beliebte und weitverbreitete traditionelle Weißbrot nicht herstellen - zumindest nicht für den derzeitigen Preis.

Dabei ist der Preis sehr entscheidend, denn die Inflation steigt rasant immer weiter an. Im Januar lag sie bei 48 Prozent für Lebensmittel. Die Mehrheit der Bevölkerung leidet seit Monaten ohnehin unter der zunehmenden Teuerungsspirale. In vielen Großstädten gehören die langen Schlangen vor den Volksbrot-Verkaufsstellen zum Alltag. Volksbrot, auf Türkisch Halkekmek, ist günstig, weil es durch die Kommunen subventioniert wird. Es wiegt derzeit 250 Gramm und kostet zwei Lira in Istanbul. Das übliche, nicht subventionierte, kostet schon drei Lira bei nur 210 Gramm.

Türkei Fotoreportage Wirtschaft

Brot in einer türkischen Bäckerei

Brot: Grundnahrung für Armen

Brot ist ein wichtiges Produkt in der Türkei. Nach unterschiedlichen Quellen konsumiert jeder Bürger im Durchschnitt zwischen 150 bis 180 Kilogramm im Jahr. Die Einkommensschwachen verzehren mehr davon als die Wohlhabenden. Der Preis fürs Brot wird in jeder Stadt von der Handelskammer vorgeschlagen und in Absprache mit der Stadtverwaltung und den städtischen Vertretern des Handelsministeriums festgelegt. Im Großraum Istanbul wog Brot 2017 noch 220 Gramm und kostete nur 1,25 Lira. Nun wiegt es 10 Gramm weniger und kostet bereits drei Lira, umgerechnet 20 Eurocent (Stand:23.02.2022).  Nicht nur die Lebensmittelkosten nehmen im Land seit Monaten ständig zu, auch die Produktionskosten schnellen in die Höhe. Durch die Ukraine-Krise befürchten viele, dass alles noch teurer wird, vor allem auch das Grundnahrungsmittel Brot.

Murat Kapikiran, Vorsitzender der Istanbuler Kammer für Agraringenieure, geht fest davon aus, dass ein Krieg zwischen Russland und der Ukraine die Preise für Brot und Mehl enorm in die Höhe treiben wird. "Weit über fünf Lira wird ein Brot kosten", sagt er im Interview mit der DW voraus. Fünf Lira, das sind umgerechnet 32 Eurocent.

Für Kapikiran ist es einfach sehr traurig, dass ein Land wie die Türkei Getreide importieren muss, obwohl Anatolien das Ursprungsland für viele Getreidearten sei. Aus seiner Sicht hat eine falsche Wirtschaftspolitik der Regierung dazu geführt, dass sein Land nun sehr vom Ausland abhängig sei. Und gerade bei der Eskalation der Ukraine-Krise sieht er auch keine klare Planung für die Krisenversorgung. 

Russland Landwirtschaft Weizenernte

Weizenernte in Russland

Weizen ist ein systemrelevantes Produkt

Auch Ali Ekber Yildirim, Fachjournalist für Lebensmittel und Agrarprodukte betont im Gespräch mit der DW die zunehmende Abhängigkeit der Türkei von Russland. Während man die letzten Jahre in der Öffentlichkeit eher über Energie oder Rüstungsgeschäfte mit Moskau diskutiert habe, sei die Abhängigkeit seines Landes im Bereich Getreideimport immer größer geworden. Nach seinen Angaben bezieht die Türkei mittlerweile sogar Kichererbsen aus Russland, die sie dann dem Lebensmittelprogramm der Vereinigten Nationen spendet. Yildirim glaubt, dass ein Krieg in der Region auch die Lebensmittelversorgung seines Landes stark beeinträchtigen werde: "Man wird vielleicht keine Nahrungsmittelknappheit erleben, einige Produkte kurzfristig auch aus anderen Ländern besorgen können, aber es wird auf jeden Fall teurer", sagt Yildirim.Weizen ist nach Angaben von Ali Ekber Yildirim das strategischste Produkt in der Landwirtschaft, weil daraus das Grundnahrungsmittel Mehl und daraus Brot produziert wird. Und davon habe die Türkei genug, behauptet Özkan Taspinar, Vorsitzender des Türkischen Nationalen Getreiderates. Das Land brauche im Durchschnitt 20 Millionen Tonnen Weizen im Jahr und genau diese Summe produziere die Türkei jährlich, so Taspinar.

Investitionspläne in Russland

Aber was ist mit dem restlichen Bedarf für Mehl-, Nudeln- und Keksexport? Denn Weizen wird auch für solche Exportprodukte verwendet. Nach Angaben von Hasan Hacihaliloglu, Chef der Branchenriese Taban Gida gehören türkische Firmen in diesem Bereich seit Jahren zu den führenden weltweit. Obwohl die Türkei der größte Mehlexporteur sei, importiere sie den Weizen dafür aus Russland, ergänzt Hacihaliloglu. Die Krise in der Region könne daher dazu führen, dass die Türkei ihre Vorteile in der Branche verlieren könne, so der Chef von Taban Gida. Der Lebensmittelriese exportiert weltweit in 20 Länder Getreide, Tierfutter und Samen.

Wegen steigender Energie- und Personalkosten wandern in den letzten Jahren viele türkische Firmen nach Russland ab. Dort gründen sie ihre Produktionsstätten für Getreide und Mehl. Auch Taban Gida hat angekündigt, in den kommenden drei Jahren mindestens 100 Millionen Dollar in Russland zu investieren. Vorwiegend für Herstellung, Logistik und Lagerung. Ob Taban Gida oder andere ihre Pläne unter den aktuellen Umständen noch umsetzen können, wird von dem Verlauf der Krise abhängig sein. 

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