Afrikas Solarenergie-Revolution nimmt Fahrt auf
21. November 2025
Sonnenlicht im Überfluss, großer Bedarf an zuverlässigen Stromquellen - und eine Technologie, die inzwischen sehr erschwinglich ist: Afrika und Solarenergie gelten als Paar mit riesigem Potenzial.
Laut Daten der Internationalen Agentur für Erneuerbare Energien (IRENA) aus dem Jahr 2024 zählt Solarenergie zu den günstigsten Energiequellen weltweit und kostet nur 0,044 US-Dollar pro Kilowattstunde (kWh), nachdem die Preise für Solarmodule innerhalb von 13 Jahren um 90 Prozent gesunken sind.
Im weltweiten Vergleich, wie beispielsweise dem der IRENA, spielt Afrika jedoch bisher eine untergeordnete Rolle: Der gesamte Kontinent verfügt laut der Agentur über eine installierte Leistung von kaum mehr als 18 GW - das entspricht lediglich einem Prozent der Solaranlagen weltweit. Dies ist unter anderem auf fehlendes Investitionskapital und eine unzureichende Netzinfrastruktur zurückzuführen.
Doch offenbar wendet sich das Blatt nun.
Ein Solar-Tsunami schwappt von China nach Afrika
Der britische Thinktank Ember, der sich mit Erneuerbaren Energien beschäftigt, veröffentlichte im August eine Analyse chinesischer Exportdaten, die auf einen massiven Solarboom in Afrika hindeutet: Innerhalb von zwölf Monaten wurden neue Solarmodule mit einer Kapazität von 15 GW auf den Kontinent verschifft.
"Alle scheinen sehr optimistisch in Bezug auf Solarenergie in Afrika zu sein", sagt John van Zuylen gegenüber der DW. Er ist Geschäftsführer der Africa Solar Industry Association (AFSIA), eines panafrikanischen Lobbyverbands. Basierend auf historischen Exportdaten schätzt van Zuylen die gesamte installierte Solarkapazität Afrikas seit dem Jahr 2000 auf rund 75 GW - deutlich mehr als die 18 GW der IRENA und die eigene Berechnung der AFSIA von 23 GW, aber immer noch unter beispielsweise Deutschlands rund 90 GW. Laut van Zuylen tauchen kleinere Anlagen, die mitunter abseits der nationalen Stromnetze aufgebaut wurden, in offiziellen Zahlen oft nicht auf.
"Aber selbst wenn man die Zahl von 75 GW betrachtet - 75 GW über 25 Jahre im Vergleich zu 15 GW in nur 12 Monaten -, verdeutlicht das die Dynamik, die sich derzeit in Afrika abzeichnet."
Ein großer Anteil - etwa 3 GW - stammt aus einem Großprojekt in Algerien. Laut van Zuylen nimmt der Ausbau jedoch auch in Ländern südlich der Sahara Fahrt auf, darunter Sambia, Ruanda, Senegal, die Elfenbeinküste und Nigeria, dem bevölkerungsreichsten Land Afrikas.
"Nigeria verzeichnet ein sehr starkes Wachstum. Und ich glaube, dass Nigeria bald Südafrika als führenden Solarstandort in Afrika überholen wird. Denn Nigeria hat lange viel Strom mit Diesel produziert, da der Dieselpreis subventioniert und künstlich niedrig gehalten wurde", erklärte van Zuylen. Durch den Wegfall der Subventionen ist Solarenergie für viele Nigerianer zur günstigsten Option geworden.
Darüber hinaus drängen neue Länder auf den Solarmarkt. Liberia beispielsweise strebt eine Diversifizierung seines Erneuerbaren-Portfolios an, das bisher hauptsächlich auf Wasserkraft basiert.
Am Rande der COP30 in Brasilien sagte Emmanuel K. Urey Yarkpawolo, Exekutivdirektor der liberianischen Umweltschutzbehörde, der erste Solarpark des Landes stehe kurz vor der Fertigstellung: "Wir haben etwa 20 Megawatt, die voraussichtlich rund um den Jahreswechsel ans Netz gehen werden. Es geht sehr schnell voran, und es sind viele weitere Projekte in Planung", so Yarkpawolo gegenüber der DW.
Profitiert Afrika vom Handelskonflikt zwischen den USA und China?
Laut van Zuylen gibt es mehrere Gründe für den Aufschwung, während andere Experten den Exportboom aus China vor allem auf den Zollstreit zwischen China und den USA zurückführen. Chinesische Importeure müssen derzeit US-Zölle von rund 54 Prozent einkalkulieren. Zwischenzeitlich drohte die Administration von US-Präsident Donald Trump sogar mit einem Zollsatz von 3.521 Prozent auf Solarmodule aus Südostasien. Das US-Geschäft ist für chinesische Hersteller zu einer Belastung geworden - stattdessen suchen einige von ihnen verstärkt nach Abnehmern in Afrika.
"Die Kosten für die Ausrüstung sanken mit Beginn des Handelskriegs. Die Chinesen wollten ihre Ware unbedingt loswerden", sagte Fawen Nyakudya, Geschäftsführer des simbabwischen Unternehmens PFN Solar Systems. "Ich würde sagen, es ist positiv für uns. Die Chinesen haben keine andere Wahl, als uns gut zu behandeln, denn sie wissen, dass wir nichts mehr von ihnen kaufen werden, wenn sie uns wieder schlecht behandeln", sagte Nyakudya der DW.
Laut Zahlen der Weltbank von 2023 haben 565 Millionen Menschen in Subsahara-Afrika noch keinen Zugang zu Elektrizität. Entsprechend groß ist der Bedarf an importierter Technologie, meint der kenianische Wirtschaftswissenschaftler James Shikwati: "Ob sie aus China, den USA oder Europa kommt, ich denke, die Afrikaner werden sagen: Das ist großartig. Indirekt würde ich also sagen, dass der Handelskrieg den Afrikanern den Zugang zu günstiger Energie ermöglicht", sagte Shikwati der DW.
Importeure wie Nyakudya glauben jedoch, dass sich chinesische Anbieter bereits an die neue Marktrealität anpassen und die Produktion zurückhalten, um ihre Rentabilität zu sichern.
"Es herrscht ein akuter Mangel, insbesondere bei Solarmodulen und Lithiumbatterien. Viele Händler und Importeure geben an, momentan keine Module auf Lager zu haben. Der Abverkauf von Lagerbeständen war nur kurzzeitig erfolgt, aber nun besteht ein ernsthafter Mangel", sagte Nyakudya.
Neue Entwicklungen machen Solarenergie noch wirtschaftlicher
Lithiumbatterien sind mittlerweile sowohl für private Haushalte als auch für Energieversorger erschwinglich. Dank Batteriespeichern kann Solarstrom gespeichert und später, in den abendlichen Spitzenzeiten nach Sonnenuntergang, genutzt werden.
Und das sogenannte Net Metering erhöht vielerorts die Rentabilität von Solaranlagen weiter: Haushalte speisen überschüssigen Strom ins Netz ein und müssen einen entsprechend geringeren Verbrauch bezahlen.
Dies könne die Rentabilität verfünffachen, erklärte AFSIA-CEO van Zuylen gegenüber der DW: "Wenn man den Solarstrom sofort verbrauchen muss, deckt man damit in der Regel nur etwa 20 Prozent seines Verbrauchs ab. Mit Net Metering können sich Produktion und Verbrauch im Laufe eines Tages jedoch die Waage halten." Net Metering ist in vielen europäischen Ländern schon lange etabliert, gewinnt aber auch in Afrika immer mehr an Bedeutung. Länder wie Kenia, Namibia, Simbabwe und Teile Südafrikas haben das Modell bereits umgesetzt, andere wie Ghana, Nigeria und auch Liberia arbeiten daran.
Bürokratie, versteckte Kosten - und ein Allheilmittel dagegen
In manchen Fällen schmälern Versandkosten und Einfuhrzölle die Gewinnmargen weiterhin erheblich. So auch in Simbabwe bei Importeur Nyakudya: "Wenn mir 15 Prozent berechnet werden, werde ich das natürlich auch meinen Kunden in Rechnung stellen." Die Abgabe ärgert den Geschäftsmann, schließlich gebe es in Simbabwe keine heimische Industrie, die typischerweise mit solchen Maßnahmen geschützt werden soll.
Im benachbarten Sambia gibt es hingegen keine Einfuhrzölle, um den Solar-Ausbau nicht zu bremsen. "Für eine Lieferung, die man nach Simbabwe einführen und dafür bis zu 20.000 US-Dollar Mehrwertsteuer zahlen müsste, zahlt man in Sambia nur 26 US-Dollar", erklärte Nyakudya gegenüber der DW.
Zusätzliche Kosten und Bürokratie können also den Ausbau der Solarenergie weiterhin teilweise ausbremsen. John van Zuylen von AFSIA ist jedoch überzeugt, dass die Wirtschaftlichkeit von Solarenergie Investitionen weiterhin beflügeln wird. Im Gespräch mit der DW berichtete er von einem kürzlich abgeschlossenen Projekt in Mauritius, das Solarmodule und Speicher für nur 7 US-Cent pro Kilowattstunde kombiniert: "Wenn man solche Preise erreicht, dann setzt man die Dinge in Bewegung. Wenn man seinen Strombedarf zu solchen Preisen decken kann, muss man nicht erst groß nachdenken", so van Zuylen.
Mitarbeit: Tainã Mansani (in Belém)
Korrekturhinweis: Wir haben die Angabe, wie viele Menschen in Subsahara-Afrika keinen Zugang zu Elektrizität haben, nachträglich korrigiert.