Corona-Krise: Ängste und Bedenken vor Bundesliga-Neustart | Sport | DW | 10.05.2020
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Bundesliga

Corona-Krise: Ängste und Bedenken vor Bundesliga-Neustart

Die Fußball-Bundesliga wird trotz des Coronavirus fortgesetzt, doch nicht alle Beteiligten sind darüber begeistert. Spieler wie Neven Subotic, aber auch Trainer, Mediziner und Politiker sehen Risiken für die Gesundheit.

Viele Verantwortliche der deutschen Profifußballklubs sind erleichtert darüber, dass die wegen der Corona-Pandemie unterbrochene Saison nun doch fortgesetzt werden kann. Gleichzeitig gibt es immer mehr kritische Stimmen - und die kommen nicht nur aus den Reihen derer, die mit Fußball nichts am Hut haben. Im Gegenteil: Besonders drastisch äußerte sich Sören Bertram, Stürmer beim Drittligisten 1. FC Magdeburg. "Ich habe Angst davor, mich bei einem Spiel anzustecken. Die Gefahr ist bei vielen Zweikämpfen gegeben", sagte der 28-Jährige der Zeitung "Magdeburger Volksstimme" und ergänzte: "Wir sind alle im Kopf nicht frei, weil wir nach einer Infektion für den Rest unseres Lebens Lungenprobleme haben könnten."

Ähnliche Bedenken hatte SPD-Politiker und Gesundheitsexperte Karl Lauterbach bereits vor einer Woche via Twitter geäußert: "Wer mit COVID-19 trainiert, riskiert Schäden an Lunge, Herz und Nieren", schrieb der studierte Mediziner und Epidemiologe. "Ich wundere mich, dass Spieler das mit sich machen lassen. Fußball soll Vorbild sein, nicht Brot und Spiele." Zuletzt äußerte sich auch der positiv auf COVID-19 getestete Dresdner Simon Makienok: "Ich habe alle Vorsichtsmaßnahmen getroffen, die ich konnte. Und trotzdem ist es passiert", schrieb der 29-Jährige bei Instagram. "Das zeigt, egal wie vorsichtig man ist, man kann sich immer noch infizieren." Mittlerweile hat er den Post aber wieder gelöscht.

Sportmediziner Froböse: "Langfristige Folgen" 

Unterstützung erhalten die Spieler von Ingo Froböse, Sportmediziner der Deutschen Sporthochschule Köln. Er sehe "da wirklich große Gefahren auf die Spieler und die Trainer zurollen, dass mögliche Infektionen zu gravierenderen Schäden führen können", sagte er dem SWR. Mit langfristigen Folgen sei "natürlich" zu rechnen, so Froböse. Die Corona-Problematik wirke "bei dieser hohen Belastung sicherlich noch verschärfend". Die Spieler, so Froböse, "werden schon ein wenig missbraucht".

Ein Bundesliga-Spieler, der sich nie davor scheut, auch zu gesellschaftspolitischen Themen Stellung zu beziehen, ist Neven Subotic. Der Innenverteidiger von Union Berlin fühlt sich bei den Diskussionen um eine Fortsetzung der Saison regelrecht übergangen. "Nach meinem Wissensstand hatten die Spieler keinen Einfluss auf die Entscheidungsfindung", sagte der 31-Jährige dem Deutschlandfunk. Dies sei "ein bisschen enttäuschend". Auch Bertram monierte, dass die Spieler "überhaupt nicht einbezogen werden. Wir sind nur Marionetten."

Dass der gesamte Kader von Zweitligist Dynamo Dresden nach den Positivtests von Simon Makienok und einem weiteren Spieler vom Dresdner Gesundheitsamt in eine 14-tägige Quarantäne geschickt wurde, lässt die Deutsche Fußball Liga (DFL) indes nicht an ihrem Zeitplan zweifeln. "Ich interpretiere das nicht als Rückschlag. Mir war völlig klar, dass das jederzeit passieren kann", sagte DFL-Geschäftsführer Christian Seifert am Samstagabend im "Aktuellen Sportstudio" des ZDF. "Wir stehen am Anfang des Wiedereintritts. Wenn Dresden 14 Tage in Quarantäne geht, ist das kein Grund, die gesamte Saison infrage zu stellen. Wir ändern momentan nicht das Ziel, sondern nur die Pläne", so Seifert.

Allerdings: Die Teilnahme der Dresdner am Spielbetrieb ist zunächst ausgeschlossen. Dynamo hätte am 17. Mai in Hannover antreten sollen, das Spiel ist nun abgesagt. Am 24. Mai steht die nächste Partie gegen Greuther Fürth an. Auch dieser Termin kann nicht bestehen bleiben, schließlich könnten die Dresdner nach der zweiwöchigen Zwangspause, die am 23. Mai endet, kaum trainieren. Der Spielplan gerät in akute Schieflage. Von fairen Wettbewerbsbedingungen kann kaum noch die Rede sein. 

"Nicht verantwortungsvoll"

Tatsächlich ist die fehlende Vorbereitungszeit, neben der Ungewissheit in Bezug auf die Ansteckungsgefahr, eine weitere Sorge, die viele Spieler und Trainer umtreibt: "Wir haben acht Wochen nicht richtig trainiert, sollen dann aber innerhalb von fünf Wochen elf Saisonspiele und möglicherweise zwei Landespokalspiele absolvieren", sagte Sören Bertram zu den angeblichen DFB-Plänen über die Fortsetzung der 3. Liga. "Bei einer solchen Belastung sind Verletzungen programmiert."

Bundesliga RB Leipzig - FC Bayern München Timo Werner Sven Ulreich (picture-alliance/dpa/H. Schmidt)

Begünstigen fehlendes Training und Ermüdung im Spiel Verletzungen?

Schon vor der Entscheidung für die Bundesliga und 2. Liga hatte Jens Keller, Trainer des Zweitligisten 1. FC Nürnberg, Probleme prognostiziert. "Und jetzt sollen wir eventuell nach zehn Tagen Mannschaftstraining bereit sein? Der Verantwortung kann ich als Trainer nicht gerecht werden, auch den Spielern gegenüber", sagte Keller den "Nürnberger Nachrichten". Es gebe "ein gewisses Risiko in punkto Verletzungen", führte er im Fußball-Fachmagazin "Kicker" weiter aus. Auch für Werder Bremens Geschäftsführer Frank Baumann wäre es "wichtig" gewesen, "dass man zumindest zwei Wochen Mannschaftstraining gehabt hätte".

"Ermüdungsreaktionen"

Ob sich Verletzungen häufen, wird sich in den kommenden Wochen zeigen. Bei Borussia Dortmund sollen sich bereits Axel Witsel und Emre Can zum Start des Mannschaftstrainings Muskelverletzungen zugezogen haben und für das Revierderby am Samstag gegen den FC Schalke 04 fraglich sein. Dies berichten "Bild" und "Sport Bild". Sportmediziner Ingo Froböse erwartet bei den Spielern zwischen der 70. und 90. Minute "Ermüdungsreaktionen". Die Verletzungsgefahr werde sich in dieser Phase "sicherlich deutlich erhöhen". Um Spieler zu schonen, hatte die Liga bereits die Regeln angepasst: Statt bisher drei sind nun fünf Spielerwechsel erlaubt

Coronavirus - DFL Christian Seifert (picture-alliance/dpa/A. Dedert)

DFL-Geschäftsführer Christian Seifert

Dennoch kann auch Christian Seifert die berechtigten Einwände der Gesundheitsexperten nicht von der Hand weisen. "Die Ängste und Sorgen muss man absolut ernst nehmen. Das sind absolut legitime Gefühle. Ich werde nie versuchen, sie jemandem auszureden", betonte der DFL-Chef. Den Spielbetrieb ab dem kommenden Wochenende mit aller Macht durchführen, will er aber dennoch. Ein Abbruch der Liga wäre schlichtweg zu teuer. 13 von 36 Profivereinen würden ohne die ausstehenden TV-Gelder nicht überleben.

Mit dem Vorwurf, wirtschaftliche Interessen über das Wohl der Spieler sowie der anderen Teammitglieder und möglicherweise auch deren Familien zu stellen, muss die DFL daher leben. Mit den Beschwerden, dass die kommenden "Geisterspiel-Wochen" mit einem normalen und fairen Wettbewerb nicht viel zu tun haben werden, ebenfalls. Dabei hilft es wenig, dass auch Seifert einräumt: "Was Sie da sehen werden, ist ein absoluter Notbetrieb an Bundesliga." Das gesundheitliche Risiko tragen andere.

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