Psychologin Babett Lobinger: ″Fußball-Klubs sollten Ängste der Spieler ernst nehmen″ | Sport | DW | 04.05.2020
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DW-Interview

Psychologin Babett Lobinger: "Fußball-Klubs sollten Ängste der Spieler ernst nehmen"

Ein Bundesligaspieler äußert öffentlich, dass er Angst hat, trotz Corona-Krise wieder zu spielen. Später rudert er zurück. Psychologin Babett Lobinger erklärt im DW-Interview den Druck, unter dem Fußballprofis stehen.

Im Interview mit einem flämischen Sender wurde Birger Verstraete deutlich. "Wir werden nicht unter Quarantäne gestellt, und das ist schon ziemlich bizarr", sagte der belgische Profi des 1. FC Köln, nachdem zwei Vereinskollegen Ende vergangener Woche positiv auf das Coronavirus getestet worden waren. Der 26-Jährige wies auf die Herzprobleme seiner Freundin hin. Er wolle nicht derjenige sein, der das Virus zu Hause einschleppe: "Das ist viel wichtiger für mich. Ich will, dass alle gesund sind, bevor wir wieder Fußball spielen."

Verstraete war der erste Bundesliga-Profi, der sich in der Öffentlichkeit kritisch zu einer Wiederaufnahme des Spielbetriebs äußerte. Nach einem Gespräch mit den Verantwortlichen des Klubs ruderte der Belgier zurück und sprach von einem Übersetzungsfehler. Wir haben bei Babett Lobinger, Psychologin an der Deutschen Sporthochschule Köln, nachgefragt, unter welchem Druck Fußballprofis gerade jetzt während der Corona-Krise stehen:

DW: Birger Verstraete, belgischer Profi des 1. FC Köln, sagte, er könne sich vorstellen, dass viele Fußballer bei einer anonymen Befragung für einen Saison-Abbruch stimmen würden? Können Sie sich das auch vorstellen?

Dr. Babett Lobinger: Ja. Wenn man andere Berufszweige fragen würde, antworteten wahrscheinlich auch viele: Ich möchte, dass die Ausgangssperre verlängert wird. Oder: Ich kann mir nicht vorstellen zu arbeiten, weil es ein erhöhtes Risiko gibt. Ich fände das nichts Ungewöhnliches.

Psychologin Babett Lobinger im Porträt (Foto: Deutsche Sporthochschule Köln)

Psychologin Dr. Babett Lobinger von der Sporthochschule Köln

Sind Fußballer unter Umständen durch die Corona-Krise noch verunsicherter, weil sie nicht nur "normale" Ängste wie die um die eigene Familie und den Job haben, sondern nun wegen ihrer Sonderrolle noch mehr im öffentlichen Fokus stehen als ohnehin schon?

Wir betrachten den Sport nicht selten durch eine Art Brennglas, weil dort Probleme auftauchen, die uns allen nicht fremd sind. Wir haben im Augenblick ja alle Ängste. Es stellt sich immer die Frage: Wie kann mein Krisenmanagement konstruktiv aussehen? Das gilt auch für Leistungssportler. Stelle ich fest, dass eine duale Karriere [Berufsausbildung neben dem Sport - Anm. d. Red.] wichtig ist? Gibt es einen Plan B? Wie wichtig sind mir Familie und soziale Kontakte, die ich sonst vielleicht vernachlässige, weil ich in diesem Mikrokosmos Fußball unterwegs bin? Erkenne ich, dass das Leben auch noch andere Facetten hat? Das bringt Menschen doch zum Nachdenken. Und da wir mit dem Brennglas auf Fußballer gucken, verstärkt sich der öffentliche Druck auf sie.

Gibt es im Fußball so etwas wie eine "Omerta", eine Mauer des Schweigens? Spricht man einfach nicht über Ängste oder Bedenken?

Diese Problematik stellt sich immer dort, wo es darum geht, Leistung zu erbringen und das Erkennen von Schwäche leider nicht als Stärke erkannt wird, wofür ich immer plädiere. Oder anders gesagt: Wo ich immer nur funktionieren muss, halte ich mit meinen Ängsten und Befürchtungen hinter dem Berg. Seit April 2018 sind in allen Nachwuchsleistungszentren der Bundesligisten Psychologen oder Sportpsychologen angestellt. Ihre Aufgabe ist es nicht nur, mit psychologischen Mitteln die Leistung zu fördern, sondern auch dafür zu sorgen, dass mentale Gesundheit mitgedacht wird. Denn es ist doch klar: keine Leistung ohne mentale Gesundheit. Ich würde mir wünschen, dass es zur Normalität wird, dass Fußballer äußern können: Ich habe Angst. Das muss ja irgendwo aufgefangen werden. Wenn ich Ängste verdränge, komme ich nicht weiter.

Sind die Psychologen in den Vereinen womöglich auch der Puffer, damit nichts nach draußen dringt. Nach dem Motto: Redet mit dem Verein, bevor ihr an die Presse geht?

Das müssen Sie die Vereine fragen, wie sie damit umgehen, dass sich Spieler mit ihren Ängsten an die Öffentlichkeit wenden. Ich hoffe mal, die Kolleginnen und Kollegen lassen sich nicht von den Vereinen instrumentalisieren. Wir sind für die Spieler da.

Rami Bensebaini (l.) und Erling-Braut Haaland (r.) behakeln sich auf dem Platz (Foto: picture-alliance/Norbert Schmidt)

Rami Bensebaini (l.) und Erling-Braut Haaland: schon Macho-Gehabe?

Ist es gerade für Fußball-Profis schwer, ihr Innerstes nach außen zu kehren, weil in der Sportart immer noch viel Macho-Gehabe vorherrscht?

Wenn wir Macho als Stereotyp sehen, das da bedient wird, dann schon. Es wird eine Männerwelt sozial konstruiert, etabliert und gepflegt, in der gewisse Verhaltensregeln herrschen, zum Beispiel dass man keine Schwächen zeigt. Fußball ist ein Business, in dem man ständig bewertet wird: von den Medien, dem Trainer, von Scouts. Man steht immer unter Leistungsdruck. In welchem anderen Job steht die eigene Leistung ständig auf dem Prüfstand und wird dann auch noch öffentlich diskutiert? Dann lernt man, Schwäche einfach wegzudrücken und sich mit den privaten Dingen in seine innere Welt zurückzuziehen.

Scheuen viele vielleicht auch zurück, weil sie nicht die Ersten sein wollen, die das Schweigen brechen, und damit in die Rolle des Buhmanns geraten?

Ich weiß es nicht. Beim Anschlag auf den BVB-Bus hatten wir auch eine Situation, in der Spieler nachher offensichtlich nicht in der Lage waren, ihre Leistung zu erbringen wie sonst üblich. Damals waren Präsident und Trainer unterschiedlicher Meinung, Spieler haben gelitten. Die Frage ist dann: Wie viel Freiraum lässt man ihnen? Dann muss ich auch mal sagen dürfen: Ich kann nicht immer funktionieren, es fällt mir im Augenblick schwer. Das ist nötig, um der Sorge vernünftig zu begegnen. Und nicht, indem man etwas anordnet, jemand zurückpfeift oder darauf wartet, dass jemand, der mehr Macht hat, den Hebel umlegt.

Gibt es womöglich auch den Druck, seine berufliche Existenz aufs Spiel zu setzen, wenn man zu viel von sich preisgibt? Schließlich hat der Profi einen Vertrag, den er zu erfüllen hat. Was würden Sie einem Fußballer raten, der mit seiner Angst vor dem Coronavirus zu Ihnen kommt und versucht, diesen Spagat hinzukriegen?

Ich hoffe, dass es nicht als vereinsschädigendes Verhalten gewertet wird, wenn jemand sagt: Ich bin mir nicht sicher, ob wir die Saison nicht doch lieber abbrechen sollten. Das wäre der juristische Aspekt. Wenn jemand zu mir käme, würde ich fragen, worin genau seine Sorgen bestehen und was ihm vielleicht Sicherheit geben könnte. Ich hätte dann keine vorgefertigte Lösung in der Tasche, sondern wir würden sie gemeinsam erarbeiten. Heißt es am Ende: Ich kann diesen Weg nicht weitergehen und muss pausieren oder mir einen anderen Job suchen? Oder: Ich informiere mich ganz genau, wie hoch mein Risiko ist und versuche mich maximal zu schützen, indem ich alle Sicherheitsvorkehrungen wahrnehme? Das würde der Einzelfall zeigen.

Manuel Guide von 1899 Hoffenheim sitzt am Boden (Foto: picture-alliance/imagebroker/M. Weber)

Die Zwickmühle der Fußballprofis: Spielen oder möglicherweise an Marktwert verlieren?

Raten Sie den Vereinen, in Zeiten von Corona besonders sensibel mit ihren Spielern umzugehen?

Ich würde allen Chefs dieser Welt raten, die Verantwortung für ihre Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter ernst zu nehmen. Sie haben eine Fürsorgepflicht und sollten dafür sorgen, dass die Menschen, die ihnen anvertraut sind, mit ihren Ängsten zurechtkommen. Sie sollten sich fragen: Was kann ich ihnen anbieten, damit wir es gemeinsam schaffen können? Und nicht: Wenn du mir eine Unsicherheit zeigst, kann ich dich nächste Woche nicht spielen lassen. Oder: Du zerstörst gerade deinen Marktwert bei "transfermarkt.de". Es braucht ein gutes Krisenmanagement.

Die Psychologin Dr. Babett Lobinger arbeitet an der Sporthochschule Köln. Die 53-Jährige berät Sportler und Trainer und gehört seit 2006 auch zum Lehrpersonal der DFB-Trainerausbildung. Babett Lobinger ist die Schwester des früheren Weltklasse-Stabhochspringers Tim Lobinger und war als junge Frau selbst eine talentierte Leichtathletin: als 400-Meter-Läuferin und im Mehrkampf.

Das Interview führte Stefan Nestler.