5 Jahre nach Verhaftung: Was macht Roman Protasewitsch?
23. Mai 2026
Wohl kaum ein "Terrorist" war dem Regime von Alexander Lukaschenko in Belarus je so viel Aufwand wert: Roman Protasewitsch. Um ihn festzunehmen, zwangen die Behörden eine Belarus eigentlich nur überfliegende Ryanair-Maschine am 23. Mai 2021 zur Landung in Minsk - unter dem Vorwand einer angeblichen Bombendrohung. Eigentlich ging der Flug von Athen nach Vilnius. Dass Belarus ein Flugzeug, unterwegs zwischen zwei EU- und Schengen-Staaten, zur Landung zwingt, sorgte damals für weltweite Empörung. Der an Bord befindliche Protasewitsch sowie seine Freundin Sofia Sapega wurden direkt nach der Landung verhaftet. Wie kam es dazu und was ist aus dem Mann geworden?
Erzwungene Landung und Verhaftung
Protasewitsch war vor der Verhaftung Moderator beim Telegram-Kanal "Nexta", eines regimekritischen belarussischen Medien-Netzwerks. Der Telegram-Kanal der belarussischen Opposition Nexta, der aus dem polnischen Exil betrieben wird, entwickelte sich im August 2020 zur wichtigsten Informationsquelle über die Proteste gegen die Fälschung der damaligen Präsidentenwahl, bei der Lukaschenko ein weiteres Mal zum Sieger erklärt worden war. Der Kanal, bei dem Protasewitsch bis Ende September 2020 tätig war, koordinierte die Proteste und meldete im Voraus Ort und Zeitpunkt von Kundgebungen.
Im Mai 2021 reisten Protasewitsch, der bereits in Vilnius lebte, und seine Freundin Sofia Sapega zum Delphi Economic Forum nach Griechenland, wo sich die ebenfalls im litauischen Exil lebende belarussische Oppositionsführerin Swetlana Tichanowskaja mit europäischen Politikern traf. Protasewitsch und seine Freundin flogen jedoch nicht mit Tichanowskajas Team zurück, sondern blieben noch, um Urlaub zu machen.
Auf ihrer Rückreise nach Vilnius am 23. Mai 2021 flog die Maschine aus Athen kommend planmäßig durch belarussischen Luftraum. Protasewitsch hatte bereits im Flughafen bemerkt, dass er verfolgt wurde, und konnte seine Kollegen darüber informieren. Die griechischen Behörden bestätigten später, dass drei Männer mit russischen Pässen das Paar verfolgt hatten und mit demselben Flug abgeflogen waren. Während des Fluges über Belarus wurde die Crew von der belarussischen Flugsicherung angewiesen, den Kurs zu ändern und in Minsk zu landen, da eine Meldung über eine Bombendrohung an Bord der Maschine vorliege. Der wahre Grund für die Landung war aber die Absicht der belarussischen Behörden, Roman Protasewitsch und seine Freundin Sofia Sapega festzunehmen.
Der Vorfall führte dazu, dass die EU-Agentur für Flugsicherheit (EASA) europäischen Fluggesellschaften Flüge über Belarus untersagte. Die US-Luftfahrtbehörde FAA verhängte ein solches Verbot auch für US-Fluggesellschaften. Belarussische Gesellschaften wie die staatliche Belavia dürfen seit Juni 2021 nicht mehr auf Flughäfen in der EU landen oder von dort starten. Ein Jahr nach dem Vorfall veröffentlichte die Internationale Zivilluftfahrtorganisation (ICAO) einen Bericht, wonach die Warnung vor einer angeblichen Bombe an Bord auf Anweisung des belarussischen Geheimdienstes erfolgt war.
Protasewitsch als reuiger Oppositioneller?
Bereits einen Tag nach der Verhaftung von Protasewitsch veröffentlichte ein regierungsnaher belarussischer Telegram-Kanal ein Video, in dem Protasewitsch in Untersuchungshaft erklärte, er kooperiere ab jetzt mit den Ermittlern und wolle ein Geständnis ablegen. Das Video war so aufgenommen, dass auf seinem Gesicht dunkle Flecken zu sehen waren. Ein Sprecher der Bundesregierung erklärte damals: "Da wird ein unliebsamer oppositioneller Journalist nach einer wohl unter falschen Vorwänden zustande gekommenen Zwangslandung zusammen mit seiner Lebensgefährtin aus einem Flugzeug verschleppt, wird hinter Gitter gebracht und wird dort so weit psychisch und möglicherweise auch physisch bearbeitet, dass er dieses vollkommen unwürdige und unglaubwürdige Geständnis-Interview gibt".
Einen Monat später hielt das belarussische Außenministerium eine Pressekonferenz ab, auf der überraschend Protasewitsch erschien. Er versicherte dort, nicht unter Druck gesetzt worden zu sein. Auch hier bestehen bis heute Zweifel an den Umständen, wie die Aussage zustande gekommen ist.
Am 3. Mai 2023 wurde Protasewitsch zu acht Jahren Haft verurteilt, unter anderem wegen angeblicher Organisation von Massenunruhen, öffentlicher Aufrufe zu Terroranschlägen und der Führung einer extremistischen Organisation, denn als solche wurde "Nexta" betrachtet. Zudem wurden ihm sieben Millionen Euro Schadenersatz auferlegt - auf diese Summe schätzt die Staatsanwaltschaft die Kosten für die Niederschlagung der Proteste im Jahr 2020. Schon am 22. Mai desselben Jahres allerdings wurde Protasewitsch von Lukaschenko begnadigt und im Juli von der Terrorliste gestrichen. Eine Begründung hierfür erfolgte nicht. Seine Freundin Sofia Sapega war bereits im Mai 2022 zu sechs Jahren Haft verurteilt worden und im Juni 2023 begnadigt worden, worauf sie in ihr Heimatland Russland zurückkehrte.
Neue Rolle als Geheimdienstler und Propagandist
Roman Protasewitsch versuchte sich später als Schweißer in einer Fabrik, als Briefträger und absolvierte eine Ausbildung zum Barkeeper. Er beklagt sich offenbar bis heute häufig, wegen seines Lebenslaufes keine Arbeit zu finden. Die belarussischen Behörden versuchen unterdessen bis heute, ihn auszunutzen. Protasewitsch sollte "Interviews" mit den damals noch inhaftierten Oppositionellen Viktor Babariko, Maria Kolesnikowa und Sergej Tichanowskij führen, die im Dezember 2025 im Rahmen eines Gefangenenaustauschs zwischen den USA und Belarus freikamen. Aber keiner von ihnen wollte Protasewitsch ein "Video mit Geständnis" liefern.
Seit 2025 versucht Minsk, ein neues Bild von Roman Protasewitsch zu verbreiten. "Protasewitsch ist Mitarbeiter unseres Auslandsgeheimdienstes. Er war in Kampfeinsätzen in verschiedenen Ländern und hat wichtige Missionen durchgeführt", erklärte Iwan Tertel, Chef der belarussischen Staatssicherheit, der 2021 Protasewitsch noch als Terroristen bezeichnet hatte. Die Staatssicherheit behauptet, Protasewitsch habe ihr schon 2020 zu Entwicklungen innerhalb der Protestbewegung berichterstattet. Bestätigen lässt sich das nicht. Die belarussische Führung erklärt auch nicht, warum es dann überhaupt zu der erzwungenen Landung des Flugzeugs vor fünf Jahren und Protasewitschs Inhaftierung kam. Völlig unklar ist nach wie vor, inwieweit Protasewitsch all dies freiwillig tut oder ob er unter Druck gesetzt wird. Ausdruck der nach außen hin bemerkenswerten Wandlung vom Oppositionellen zum angeblich Regimetreuen: Seit 2025 moderiert Roman Protasewitsch eine TV-Sendung - ausgerechnet im Staatsfernsehen. Dort "entlarvt" er als Propagandist des Lukaschenko-Regimes Oppositionelle.
Adaption aus dem Russischen: Markian Ostaptschuk