Belarus: Wer ist Roman Protassewitsch? | Europa | DW | 26.05.2021
  1. Inhalt
  2. Navigation
  3. Weitere Inhalte
  4. Metanavigation
  5. Suche
  6. Choose from 30 Languages
Anzeige

Belarus

Belarus: Wer ist Roman Protassewitsch?

Die spektakuläre Festnahme des belarussischen Bloggers Roman Protassewitsch schlägt hohe Wellen. Wie wurde aus einem rebellischen Schüler ein Staatsfeind, der mit einem Kampfjet abgefangen wurde? Ein Porträt.

Protassewitsch auf einer Veranstaltung in Polen, August 2020

Protassewitsch auf einer Veranstaltung in Polen, August 2020

In seinem Twitter-Profil beschreibt sich Roman Protassewitsch als "Erster Journalist-Terrorist in der Geschichte". Der belarussische Geheimdienst KGB hat den 26-jährigen oppositionellen Blogger im November 2020 in seine Terrorliste aufgenommen.

Die Ironie, mit der Protassewitsch darauf reagierte, wurde am Sonntag von der Realität eingeholt. Der Machthaber Alexander Lukaschenko ließ eine MiG-29 aufsteigen, um die Ryanair-Maschine mit dem Blogger an Bord unter dem Vorwand einer Bombendrohung zur Landung in Minsk zu zwingen. Der Blogger wurde festgenommen.

Protassewitsch in U-Haft, Mai 2021

Protassewitsch in U-Haft, Mai 2021

Seitdem kennt die ganze Welt seinen Namen. Die Europäische Union kappte als Reaktion Flugverbindungen von und nach Belarus.

Protassewitschs Eltern versuchten, in seinem Gesicht zu lesen, wie es ihm geht. Bei seinem ersten Video aus der Untersuchungshaft, das am Dienstagabend von staatsnahen Medien verbreitet wurde, ist Protassewitsch sichtbar geschminkt, auf der Stirn sind dunkle Flecken zu sehen. Der Blogger versichert vor der Kamera, er werde gut behandelt und im Strafverfahren wegen Massenunruhen aussagen.

Sein Vater Dmitri Protassewitsch sagte dem Webportal "The Insider", dass sein Sohn möglicherweise misshandelt worden sei. Seine Nase könnte gebrochen sein.

Von der Schule geflogen

Für Protassewitsch sind die jüngsten Ereignisse der Höhepunkt seiner inzwischen zehnjährigen Tätigkeit als oppositioneller Aktivist. Zum ersten Mal tauchte sein Name landesweit in der Berichterstattung auf, als er 2011 als 16-jähriger Schüler in Minsk abgeführt wird - mit schulterlangen Haaren und stolz erhobenem Kopf.

Protassewitsch wurde bei den damals noch überschaubaren Protesten gegen Lukaschenko festgenommen und flog trotz guter Noten von der Schule. Ebenfalls 2011 wurde er als mutmaßlicher Betreiber eines oppositionellen sozialen Netzwerkes festgenommen.

Es gab Berichte, wonach er sein Elternhaus wegen Meinungsverschiedenheiten verlassen haben soll. Sein Vater war Offizier und unterrichtete an der Militärakademie. Später dementierte der Vater jedoch, dass es zu einem Streit mit seinem Sohn gekommen sei.      

Einsatzkräfte und Protestler in Minsk, August 2020

Einsatzkräfte und Protestler in Minsk, August 2020

Protassewitsch engagierte sich in der oppositionellen Jugendorganisation "Junge Front" und studierte Journalistik an der Universität in Minsk. Allerdings wurde er angeblich aus formellen Gründen exmatrikuliert. Er selbst glaubt, dass politische Motive ausschlaggebend waren.

2017 kam er in den Genuss eines Havel-Stipendiums beim belarussischen Dienst des US-Auslandssenders "Radio Free Europe/Radio Liberty" (RFE/RL) mit Sitz in Prag. Er arbeitete als freiberuflicher Journalist für diverse Medien, darunter das vor kurzem von der Regierung gesperrte führende Webportal Tut.by. Außerdem berichtete er als Fotoreporter vom Krieg in der Ostukraine.

"Mann des Moments"

Beim polnisch-belarussischen Sender "Euroradio" war Protassewitsch als Reporter und Fotograf tätig. "Roman war ein Mann des Moments", erinnert sich der heutige Chefredakteur Pawel Swerdlow im DW-Gespräch. "Er konnte schnell den Rucksack mit der Ausrüstung packen und sofort aufbrechen, um etwas herauszufinden."

Protassewitsch sei ein guter Journalist, so der Chefredakteur, er könne jedoch nicht Proteste organisieren oder koordinieren. "Er hatte nie das Ziel, Menschen zu lenken oder etwas zu organisieren."

Laut Swerdlow ist Protassewitsch ein fürsorglicher Mensch: "Wir haben ihn mal in die Provinz geschickt, um lokale Aktivisten zu fotografieren. Er kam mit einem streunenden Kater zurück, der ihm auf der Straße begegnet war, und den er nicht zurücklassen konnte."      

Aus Sorge um sein Leben zog Protassewitsch Ende 2019 nach Polen und wurde Chefredakteur der oppositionellen Telegram-Kanäle "Nexta" (Belarussisch für "jemand") und "Nexta Live". Genau das wurde ihm zum Verhängnis. 

Blitzschnell Videos verschicken

Es gibt inzwischen mehrere Verfahren gegen Protassewitsch in Belarus, ihm droht eine Haftstrafe von bis zu 15 Jahren. Der zentrale Grund ist wohl seine Tätigkeit bei "Nexta" nach der Präsidentenwahl im August 2020, als sich Präsident Lukaschenko erneut zum Sieger erklärte.

Die beiden Kanäle "Nexta" und "Nexta Live" entwickelten sich zu einer führenden Informationsquelle über die Proteste, weil sie blitzschnell Amateurfotos und -Videos verbreiteten. "Die Menschen haben verstanden, dass man uns sicher Informationen schicken kann", sagte Protassewitsch in einem DW-Gespräch vor der Präsidentenwahl.

Gegründet wurde "Nexta" vom Blogger und YouTuber Stepan Putylo, der die Kanäle aus Polen betreibt und zusammen mit anderen Oppositionellen im Dezember 2020 mit dem Sacharow-Preis des EU-Parlaments ausgezeichnet wurde. In einigen Fällen sollen über den Kanal allerdings auch Falschinformationen verbreitet worden sein, etwa über den angeblichen Einsatz russischer Spezialkräfte gegen Demonstranten in Minsk.

Stepan Putylo, Gründer von Nexta

Stepan Putylo, Gründer von "Nexta"

Auch Putylo steht beim KGB auf der Terrorliste. Ein rein journalistisches Produkt ist "Nexta" nicht. Es wirkt eher wie ein digitales Sprachrohr für Demonstranten. Youtuber Putylo sieht darin kein Problem. Er sprach in einem DW-Interview von einem "hybriden Format", in dem die Grenzen zwischen Journalismus und Aktivismus verwischt würden. Auf dem Höhepunkt der Proteste stieg die Zahl der "Nexta"-Abonnenten innerhalb weniger Tage von zirka 300.000 auf 1,8 Millionen User. Aktuell liegt sie bei rund 1,2 Millionen.

Umzug von Warschau nach Vilnius

Die Wege von Protassewitsch und Putylo trennten sich Ende September 2020. Der Blogger zog von Warschau nach Vilnius, wo auch die ehemalige Präsidentschaftskandidatin und Oppositionsführerin Swetlana Tichanowskaja im Exil lebt. Medienberichten zufolge engagierte er sich in ihrem Team und war ebenfalls Chefredakteur eines anderen oppositionellen Telegram-Kanals. 

Protassewitschs Mutter Natalia beschreibt ihren Sohn in Interviews als einen "Kämpfer" und eine "starke Persönlichkeit". Das Engagement des Sohnes in der Opposition habe die Familie gezwungen, im August 2020 nach Polen zu ziehen.

Es habe Drohungen und Beschattung gegeben, so die Mutter. Anfang Mai 2021, zwei Wochen vor seiner Festnahme, berichtete Protassewitsch bei Twitter, dass Präsident Lukaschenko seinem inzwischen pensionierten Vater den militärischen Dienstgrad aberkennen ließ. Rückblickend erscheint dies als eine letzte Warnung.