37. Filmfest München: Die Macht der Realität | Filme | DW | 27.06.2019
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Filmfestival

37. Filmfest München: Die Macht der Realität

Das Filmfest setzt einen Schwerpunkt auf sozialkritisches Kino. München zeigt die Folgen der Globalisierung - fiktional und dokumentarisch. Verpackt wird das im Genrekino - die Regisseure wollen auch unterhalten.

Die Welt ist voller Katastrophen. Diesen Eindruck zumindest kann man gewinnen, wenn man sich tagtäglich die Nachrichten im Fernsehen oder Internet anschaut. Wird die Welt also schlechter? Statistisch ist das kaum nachweisbar. Doch die gefühlte Situation eines jeden Einzelnen ist natürlich etwas völlig anders. Und so spiegeln viele Filme des 37. Filmfests München (27.6. – 6.7.2019) eine Realität wider, wie sie die Menschen überall jeden Tag erfahren.

Filmfest München: Realität und Alternativen

"Die Macht der Realität" heißt dann auch das Motto des diesjährigen Festivaljahrgangs. Geschichten und Fiktionen seien ein passendes Mittel, um unserer komplexen und schnelllebigen Welt zu entkommen, sagte Festivalleiterin Diana Iljine kurz vor Beginn der Münchner Filmschau. Doch um Weltflucht und Verdrängung geht es nur am Rande. Die Geschichten spiegelten die Realität wider - und, sie zeigten auch alternative Lebensentwürfe, so Iljine.

Szene aus Keep Surfing mit einer Person beim Surf-Sprung im Trockenen (Filmfest München 2019)

Trotz aller Gesellschafts- und Sozialkritik - das Festival will auch unterhalten, mit Filmen wie "Keep Surfing"

Natürlich findet man bei einem solch großen Filmfestival für jeden etwas. 180 neue Filme werden in den kommenden Tagen in der bayerischen Landeshauptstadt München gezeigt - aus 62 Nationen. Knapp 50 Filme werden als Weltpremiere aufgeführt, alle anderen sind zumindest zum ersten Mal in Deutschland zu sehen - die Filme der Retrospektiven und Hommagen einmal ausgeklammert.

Aus Südkorea bekommt das Welt-Kino gerade neue Inspirationen

Szene aus CRSHD mit drei Jugendlichen mit Handy in der Hand (Filmfest München 2019)

In Filmen wie "CRSHD" wird auch der Umgang der jungen Menschen mit den sozialen Medien behandelt

In vielen Filmen des internationalen Programms geht es um die in manchen Weltregionen immer größer werdenden Unterschiede zwischen Arm und Reich, um alltäglichen Rassismus, um benachteiligte Bevölkerungsgruppen und natürlich immer wieder um Flucht und Migration.

Ein gutes Beispiel für den Spagat zwischen Sozialkritik und Unterhaltung ist die diesjährige Retrospektive, die dem Gewinner der Goldenen Palme von Cannes in diesem Jahr ausgerichtet wird: dem Südkoreaner Bong Joon Ho. In seinen Filmen schaut man auf die Abgründe der modernen Gesellschaft im Heimatland des Filmemachers, gleichzeitig verpackt Bong Joon Ho diese aber in aufregenden, unterhaltsamen und überraschenden Genre-Erzählungen.

Szene aus Bong Joon Hos Memories of a Murder mit zwei Männern, die sich ein Passfoto anschauen (Filmfest München 2019)

Bong Joon Ho blickt in seinen Filmen mit Hilfe des Genrekinos auf die Gesellschaft, hier in "Memories of a Murder"

Und auch die zweite Retrospektive der diesjährigen Festspiele blickt auf einen Regisseur, der sich keinen herkömmlichen Genre-Regeln unterwirft. Der Däne Mads Brügger wird oft mit dem amerikanischen Regisseur Michael Moore verglichen oder auch mit dem filmischen Provokateur Sacha Baron Cohen. Brügger ist Journalist, Programmchef eines Hörfunksenders - und eben auch Filmregisseur.

Ein dänischer Michael Moore: Mads Brügger

In seinen Werken begibt er sich - oft unter falschem Namen und mit fremder Identität - auf journalistische Reisen, die er mit der Kamera festhält. So war er 2004 im US-Wahlkampf unterwegs ("Danes für Bush"), bereiste das streng abgeschottete Nord-Korea ("Red Chapel"), recherchierte im weltweiten Diamantenhandel ("The Ambassador") oder durchstreifte für die semi-dokumentarische Komödie "The Saint Bernard Syndicate" im vergangenen Jahr China. In seinem neuen Film "Cold Case Hammerskjöld" gräbt er sich tief in den bis heute ungeklärten Fall des 1961 bei einem Flugzeugabsturz getöteten UN-Generalsekretärs Dag Hammerskjöld ein.

Filmstill aus THE AMBASSADOR mit Mads Brugger auf Boot in Afrika mit Besatzung (FILMFEST MÜNCHEN 2019)

In "The Ambassador" nimmt sich Mads Brügger den Handel mit sogenannten Blutdiamanten vor

So kann man sich beim 37. Filmfest München treiben lassen, zwischen den vielen Programmreihen wählen und muss sich mit dem Problem eines jeden Festivalbesuchers herumschlagen: Wie soll man das alles sehen? An zehn Festivaltagen kann man schließlich nur einen Bruchteil des Angebots wahrnehmen.

"Euroflix" als Chance für die Zukunft?

Soll man sich dem internationalen Filmgeschehen widmen, das in München allein in fünf großen Sektionen angeboten wird? Konzentriert man sich auf das Angebot des neuen deutschen Kinos? Zieht man gar Serien vor, die das Münchner Festival auch schon seit Jahren anbietet? Oder setzt man sich in eine der vielen Diskussionsrunden, die 2019 unter anderem auch auf den sich wandelnden Film-Markt eingehen: "Euroflix? Unterwegs zu starken (T)VOD-Anbietern in Europa" diskutiert die Frage, ob es denn nicht möglich sein sollte neben Netflix, Amazon und Co. auch einen europäischen Player auf die Beine zu stellen.

Szene aus dem Kurzfilm in der Reihe Virtual Worlds: Afterimage for Tomorrow: Darsteller tanzen in einem Raum mit Flash-Light (Filmfest München 2019)

In Experimenten wie "Afterimage for Tomorrow" können sich die Besucher in virtuelle Welten begeben

In die Zukunft blicken kann man schließlich auch in der Reihe "Virtual Worlds", die für drei Tage während des Festivals eine Auswahl innovativer VR-Experimente aus aller Welt präsentiert. Da muss man sich als Zuschauer eine Brille aufsetzen und kann möglicherweise sehen, wie in der Zukunft mit dem Medium umgegangen werden kann.

München blickt zurück: 100 Jahre Bavaria

Wem das zu experimentell ist, der hat beim Filmfest die Möglichkeit zurückzublicken in die Anfänge der Filmgeschichte. Die Reihe "100 Jahre Bavaria Film" erinnert daran, dass das Herz des frühen Kinos nicht nur in Babelsberg und Berlin schlug, sondern auch im Süden der Republik, in Bayern. Und welcher Ort wäre besser für solch eine nostalgische Schau geeignet als das 37. Filmfest München?

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