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30 Jahre Weltsozialgipfel: Von Kopenhagen nach Doha

Marcel Fürstenau (mit dpa und epd)
5. November 2025

Zur Premiere kamen Südafrikas Präsident Mandela und Deutschlands Kanzler Kohl. Nach dem Ende der Apartheid und dem Fall der Berliner Mauer hoffte die Welt 1995 auf mehr Gerechtigkeit. Was ist daraus geworden?

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Der damals 76-jährige Präsident Südafrikas, Nelson Mandela, sitzt bei einer Pressekonferenz auf dem Weltsozialgipfel 1995 in Kopenhagen an einem mit Mikrofonen ausgestatteten langen Tisch. Links und rechts vom ihm haben vier weitere Staats- und Regierungschefs Platz genommen, darunter die norwegische Premierministerin Gro Harlem Brundtland. Der lachende Mandela hat kräftiges, ergrautes Haar und trägt eine dunkle Sonnenbrille.
Optimistisch: Südafrikas Präsident Nelson Mandela (mit Sonnenbrille) während einer Pressekonferenz auf dem Weltsozialgipfel 1995 in Kopenhagen Bild: Michael Probst/AP Photo/picture alliance

Am Anfang stand das klare Bekenntnis für mehr soziale Gerechtigkeit zwischen Armen und Reichen: "Wir sind gemeinsam der Überzeugung, dass soziale Entwicklung und soziale Gerechtigkeit unabdingbare Voraussetzungen für die Herbeiführung und Wahrung von Frieden und Sicherheit innerhalb unserer Nationen wie auch zwischen ihnen sind."

Dieser Satz steht in der Kopenhagener Erklärung, die auf dem ersten Weltsozialgipfel 1995 in der Hauptstadt Dänemarks beschlossen wurde.

Die Hoffnungen waren groß, dass nach dem Fall der Berliner Mauer 1989, dem Kollaps der kommunistischen Sowjetunion und dem Ende der Apartheid in Südafrika ein neues Zeitalter anbrechen könnte. Der Traum von einer gerechteren und friedlicheren Welt einte die in Kopenhagen versammelte Staatengemeinschaft und den gastgebenden Generalsekretär der Vereinten Nationen (UN), Butros Butros-Ghali.  

Der 64-jährige deutsche Bundeskanzler Helmut Kohl (l.) wird im März auf dem Weltsozialgipfel 1995 in Kopenhagen vom 72-jährigen UN-Generalsekretär Boutros Boutros-Ghali begrüßt. Beide Männer tragen dunkelblaue Jacketts und weiße Hemden. Sie sind Brillenträger und lächeln sich an.
Deutschlands damaliger Bundeskanzler Helmut Kohl (l.) wird auf dem Weltsozialgipfel 1995 in Kopenhagen von UN-Generalsekretär Boutros Boutros-Ghali begrüßtBild: epa/dpa/picture alliance

Optimismus in Kopenhagen 

Was für ein Kontrast zu 2025: 117 Staats- und Regierungschefs waren 1995 nach Kopenhagen gekommen, darunter Deutschlands damaliger Bundeskanzler Helmut Kohl und Südafrikas erster schwarzer Präsident Nelson Mandela.

Auch einer der wenigen verbliebenen kommunistischen Führer kam zu dem Treffen: Kubas Fidel Castro. Sie alle hatten trotz ihrer weiter bestehenden ideologischen Differenzen den gleichen Traum: eine Welt ohne Armut.

Was kann der zweite Weltsozialgipfel in Doha erreichen?

30 Jahre danach zieht der amtierende UN-Generalsekretär António Guterres zum Auftakt des zweiten Weltsozialgipfels am Dienstag in Katars Hauptstadt Doha eine ernüchternde Bilanz: Er muss einräumen, ein zentrales Ziel in der verbleibenden Zeit nicht mehr erreichen zu können, nämlich bis 2030 den Kampf gegen Hunger zu gewinnen.

Bürgerkrieg im Sudan: Hungersnot durch Belagerung

Laut Welthunger-Index haben fast 700 Millionen Menschen zu wenig zum Essen. Das reichste Prozent der Weltbevölkerung habe hingegen knapp die Hälfte des globalen Vermögens angehäuft, kritisierte Guterres in seiner Eröffnungsrede.

Diese Schieflage sei gewissenlos. International tätige Hilfsorganisationen verweisen darauf, dass fast jeder zweite Mensch keine soziale Absicherung habe und dass rund 120 Millionen Menschen auf der Flucht seien.

Guterres: Arme Länder brauchen mehr Hilfe

Im Vergleich mit der Premiere des Weltsozialgipfels in Kopenhagen 1995 ist beim Nachfolgetreffen deutlich weniger Politprominenz dabei. Nach UN-Angaben beteiligen sich nur noch gut 40 Staats- und Regierungschefs. Die Konferenz ist auch kürzer: In Doha dauert sie drei Tage, in Kopenhagen wurde eine knappe Woche konferiert.

Der 76-jährige UN-Generalsekretär António Guterres sitzt während einer Rede auf einem weißen Ledersessel. Hinter ihm ist die blau-weiße Fahne der Vereinten Nationen mit den stilisierten fünf Kontinenten der Erde platziert. Guterres hat graues, nach rechts gescheiteltes Haar; er trägt ein schwarzes Jackett, hellblaues Hemd und eine Krawatte in unterschiedlichen Blautönen
UN-Generalsekretär António Guterres: Entwicklungsländer bekommen nicht die Unterstützung, die sie brauchenBild: Ibraheem Abu Mustafa/REUTERS

Dabei ist der Rede- und Klärungsbedarf nicht nur aus Sicht des UN-Generalsekretärs größer denn je. Der Weltsozialgipfel finde zu einem Zeitpunkt von "großer globaler Unsicherheit, Spaltungen, Konflikten und weit verbreitetem menschlichen Leid" statt, sagte Guterres. "Entwicklungsländer bekommen nicht das Level an Unterstützung, das sie brauchen."

"Globale Steuerhinterziehung bekämpfen"

Auch die in Doha vertretenen Hilfsorganisationen aus Deutschland halten die aktuelle Unterstützung ärmerer Länder für völlig unzureichend. "Die Gewährleistung sozialer Rechte ist zunächst Aufgabe der nationalen Regierungen. Damit sie das leisten können, braucht es tiefgreifende Reformen des globalen Wirtschafts- und Finanzsystems", betont Sonja Grigat vom Verband Entwicklungspolitik und Humanitäre Hilfe deutscher Nichtregierungsorganisationen (VENRO).

Die Referentin für globale Gerechtigkeit und nachhaltige Entwicklung fordert konkrete Maßnahmen: "Unter anderem müssen globale Steuerhinterziehung und -vermeidung bekämpft, eine wirksame Mindestbesteuerung von Unternehmen eingeführt und die globale Schuldenpolitik reformiert werden. Wenn wir diese Fragen nicht global lösen, wird die Ungleichheit weiter zunehmen."

Ist die Erklärung von Doha ausreichend?

Das evangelische Hilfswerk "Brot für die Welt" kritisiert, dass die schon vor der Konferenz in Doha verhandelte und jetzt beschlossene politische Erklärung deutlich hinter dem zurückbleibe, was nötig wäre: "Verbindliche Ziele und konkrete Zusagen, wie soziale Gerechtigkeit weltweit erreicht werden kann". 

Zudem vermisst Nicola Wiebe, Referentin für internationale Sozialpolitik, eine kritische Ursachenanalyse, die auch historische, wirtschaftliche und politische Zusammenhänge und Verantwortlichkeiten berücksichtige.

Tatsächlich ist die Erklärung von Doha eine unverbindliche und allgemein gehaltene Absichtserklärung. So ist beispielsweise davon die Rede, sich für die Schaffung menschenwürdiger Arbeitsplätze und die Ausweitung sozialer Sicherungssysteme einsetzen zu wollen. Außerdem wird zum Schutz der Menschenrechte aufgerufen.

Auch Deutschland hat keine guten Nachrichten zu verkünden 

Wie diese Ziele in Zeiten von immer mehr Kriegen und Konflikten und angesichts von Kürzungen bei Sozialleistungen und in der Entwicklungshilfe erreicht werden könnten, darauf gibt es allerdings keine Antworten. Auch nicht von der Bundesregierung, die Sozialministerin Bärbel Bas nach Doha geschickt hat.

Gute Nachrichten hat die Sozialdemokratin nicht im Gepäck, denn auch Deutschland reduziert seine finanzielle Unterstützung für arme Länder und humanitäre Hilfe weiter massiv. 

Aus Sicht der Linken ist das unverantwortlich: "Schöne Worte zu menschenwürdiger Arbeit und sozialer Sicherheit helfen nicht, wenn gleichzeitig die Entwicklungsgelder historisch gekürzt werden", kritisiert die Abgeordnete Charlotte Neuhäuser das Agieren der Bundesregierung.

Linke fordern globale Steuer auf Vermögen von Superreichen

"Gerechtigkeit braucht verbindliche Verpflichtungen und echte Umverteilung", fordert die Sprecherin für Globale Gerechtigkeit. Deshalb werde ihre Fraktion einen Antrag zur Einführung einer globalen Steuer auf Vermögen von Superreichen in den Bundestag einbringen, kündigt Neuhäuser an.

Dieser Artikel wurde am 04.11.2025 veröffentlicht und am 05.11.2025 nach dem Ende des Weltsozialgipfels aktualisiert.

Deutsche Welle Marcel Fürstenau Kommentarbild ohne Mikrofon
Marcel Fürstenau Autor und Reporter für Politik & Zeitgeschichte - Schwerpunkt: Deutschland