100 Jahre Oktoberrevolution: Die Filme (I) | Filme | DW | 02.09.2017
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Filme

100 Jahre Oktoberrevolution: Die Filme (I)

Das Kino wurde von den russischen Revolutionären als wichtige Kunstform empfunden. Auch deshalb gelten die 1920er Jahre des russischen Films noch heute als wegweisend. Doch es wurden nicht nur Revolutionsdramen gedreht.

"Für uns ist der Film die wichtigste aller Künste", gab Lenin 1922 dem zuständigen Volkskommissar für das Bildungswesen, Anatoli Lunatscharski, mit auf den Weg. Lenin hatte erkannt: Das Kino besaß die Macht, die Massen zu bewegen. Zwei Jahre später war Lenin tot, doch seine Erben setzten sein Diktum in die Tat um. Freilich verlief das nicht ganz so glatt, wie vorgesehen.

Lenin und seine Funktionäre hatten den Film als wirkungsmächtigste künstlerische Form auserkoren, um Politik, Propaganda und Ideologie unters Volk zu bringen. Doch einige der Regisseure, die in den 1920er Jahren Filme drehten, sprengten mit ihren künstlerischen Ambitionen die Vorgaben der Staatsdoktrin - auch wenn es in ihren Werken tatsächlich um Umsturz und Revolution ging.

Eisensteins "Panzerkreuzer Potemkin" überstrahlte vieles

2017 blickt man überall zurück auf die Oktoberrevolution, die vor 100 Jahren stattfand. Aus diesem Grund schauen auch Kinematheken und Filmarchive ausführlich auf das Schaffen jener Zeit, Klassiker werden vor großem Publikum wiederaufgeführt, aber auch lange Vergessenes und weniger Bekanntes kommt wieder zum Vorschein.

Szene mit Hauptdarstellerin und weiterem Schauspieler aus dem Film Das Mädchen mit der Hutschachtel (trigon-film)

Boris Barnets Film "Das Mädchen mit der Hutschachtel": Die Hutmacherin Natascha lebt mit ihrem Großvater in einem Moskauer Vorort

Nicht nur die Heroen des russischen Avantgardefilms wie Sergej M. Eisenstein, dessen "Panzerkreuzer Potemkin" zu einem der berühmtesten Werke der Filmgeschichte überhaupt wurde, nicht nur Regiegrößen wie Wsewolod Pudowkin, Lew Kuleschow und Dsiga Wertow werden in diesen Wochen und Monaten gewürdigt. Auch einer breiteren Öffentlichkeit weniger vertraute Namen treten wieder ins Bewusstsein - nicht zuletzt Dank einiger DVD-Editionen, die jetzt erscheinen: "Sowjetisches Revolutionskino, das sind eben nicht nur Filme über die Revolution. Der Begriff steht zunächst für eine Erschütterung der Filmsprache." (Walter Ruggle, Schweizer Filmkritiker und Publizist)

Boris Barnet: kein Unbekannter, aber zu Unrecht weniger gewürdigt

Einer dieser weniger Vertrauten Namen ist Boris Wassiljewitsch Barnet, 1902 in Moskau geboren, Boxer, Schauspieler und Regisseur. Barnets Karriere spiegelt die Höhen und Tiefen russischer Künstler zwischen Experimentierfreude und Avantgarde, Propaganda und Anpassung wider. Seine Arbeiten aus den 1920er Jahren gelten heute als Perlen russischer Filmkunst, sie sind lyrisch und romantisch, satirisch und humoristisch. In einigen seiner späteren Werke musste sich Barnet den Zielvorgaben der sowjetischen Funktionäre unterordnen und wurde unter anderem mit dem Stalinpreis bedacht. 1965 nahm er sich das Leben.

Szene aus Das Mädchen mit der Hutschachtel mit mehreren diskutierenden Personen in einer Wohnung (trigon-film)

Auch das Thema mangelnder Wohnraum in der Großstadt wird in "Das Mädchen mit der Hutschachtel" thematisiert

Als eine seiner schönsten Arbeiten gilt der 1927 entstandene Film "Das Mädchen mit der Hutschachtel", der nun innerhalb der DVD-Edition "Russische Avantgarde" zusammen mit zwei weiteren Spielfilmen erscheint. In "Das Mädchen mit der Hutschachtel" erzählt der Regisseur von Natascha (Anna Sten): Die junge Frau lebt in einem Vorort Moskaus und fertigt Hüte an, die sie in einem Laden im Stadtzentrum verkauft. Gleich zwei Männer verehren die charmante wie burschikose Natascha: Ilja (Iwan Kowal-Samborski), ein mittel- und obdachloser Moskauer Student, dem Natascha zu einer Wohnung verhilft sowie der tollpatschige Bahnbeamte (Wladimir Fogel), dem sie jeden Morgen bei ihrem Aufbruch in die Innenstadt Moskaus begegnet.

Barnets satirische Arbeiterkomödien folgen auch Hollywood-Dramaturgien

Das ist bei Barnet fast schon eine klassische Dreieckskonstellation, wie man sie aus den besten Screwball-Komödien Hollywoods kennt - und hinter diesen muss sich der Film auch wahrlich nicht verstecken. Mit scheinbar leichter Hand inszeniert, gelingen dem Regisseur in "Das Mädchen mit der Hutschachtel" Slapstickszenen ebenso wie romantische Turbulenzen. Melancholie und Heiterkeit paaren sich.

Auf der anderen Seite aber ist Barnets Spielfilmdebüt auch geprägt vom sozialkritischen Umfeld sowjetischer Filmästhetik, die den Alltag der Menschen mit ins Blickfeld holt. Der Moskauer Hutladen wird von einem bärbeißigen, geldgierigen Paar geleitet. In der Auseinandersetzung zwischen den drei Underdogs und dem Unternehmerpärchen lassen Regisseur Barnet und seine Drehbuchautoren Sozialkritik und einen realistischen Blick auf die Härten des Lebens in der verschneiten Großstadt Moskau anklingen. Allerdings geschieht dies beiläufig und ohne erhobenen Zeigefinger. Als dramaturgischer Hauptmotor der Geschichte dient die romantisch grundierte Erzählung.

Spiel mit filmischen Formen

"Mir war klar, dass ich mich auf das Terrain des Experimentalfilms begeben musste, denn die filmischen Mittel, um das komische Potential dieser Geschichte auszuschöpfen, waren noch nicht erfunden", kommentierte Barnet damals seine Regie überaus bescheiden. Was er damit meinte, wird an manch gewagten Kameraperspektiven und Bildeinstellungen deutlich. Besonders eindrucksvoll inszeniert ist eine spektakuläre Verfolgungsjagd mit entfesselter Kamera in den Straßen Moskaus. Wie viele andere Spielfilme seiner Kollegen erreicht auch Barnets Film hier geradezu dokumentarische Qualitäten. Walter Ruggle konstatiert: "'Das Mädchen mit der Hutschachtel' vermählt das sowjetische Montagekino mit Slapstick."

Boris Barnet: "Begründer der Sowjetkomödie"

"'Das Mädchen mit der Hutschachtel' rechtfertigt Boris Barnets Ruf als Begründer der Sowjetkomödie", ordnete der französische Filmpublizist Bernard Eisenschitz Barnets Werk ein. Der deutsche Kritiker Heinz Kersten kommentierte: "Barnet konterkariert die Stereotypen der damaligen Kunstdoktrin durch eine poetische Bildsprache und ironische Brechungen. (…) Die Komödie zeichnet ein für jene Jahre der Neuen Ökonomischen Politik (NEP), die der Privatwirtschaft wieder Raum gab, typisches Bild von Moskau, mit liebevoll porträtierten, einfachen Menschen und karikierten Ausbeutern."

Szene aus Die seltsamen Abenteuer des Mr. West im Land der Bolschewiken mit Darsteller mit US-Fahne (trigon-film)

Russischer Revolutionsblick nach Amerika: "Die seltsamen Abenteuer des Mr. West im Land der Bolschewiken"

"Das Mädchen mit der Hutschachtel" ist in der DVD-Edition "Russische Avantgarde" erschienen. Sie enthält außerdem die Filme "Der Mantel" von Grigori Kosinzew & Leonid Trauberg (1926) und "Die seltsamen Abenteuer des Mr. West im Land der Bolschewiken" von Lew Kuleschow (1924), in dem Boris Barnet als Schauspieler in einer Cowboyrolle zu sehen ist. Die DVD-Edition liegt beim Schweizer Anbieter "trigon-film" vor, Walter Ruggle hat den Text fürs Booklet geschrieben.

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