″Wozu sind Kriege da?″ - Udo Lindenberg unterstützt russische Popdiva | Kultur | DW | 23.09.2022
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Russlands Krieg gegen die Ukraine

"Wozu sind Kriege da?" - Udo Lindenberg unterstützt russische Popdiva

Die russische Sängerin Alla Pugatschowa tritt offen gegen den Ukraine-Krieg ein. Dafür wird sie in Russland von Politikern, aber auch Internetusern verurteilt. Aus Deutschland bekommt sie prominente Unterstützung.

Deutschland Hasselbach | Udo Lindenberg und Alla Pugatschowa

Udo Lindenberg und Alla Pugatschowa 1986 in Hasselbach im Hünsrück

"Keiner will sterben, das ist doch klar
wozu sind denn dann Kriege da?
Herr Präsident, du bist doch einer von diesen Herren
du musst das doch wissen
kannst du mir das mal erklären?
Keine Mutter will ihre Kinder verlieren
und keine Frau ihren Mann
Also warum müssen Soldaten losmarschieren?
Um Menschen zu ermorden - mach mir das mal klar
Wozu sind Kriege da?"

Diese Zeilen sangen die populäre russische Sängerin Alla Pugatschowa und der deutsche Rockmusiker Udo Lindenberg gemeinsam beim 12. Weltfestival der Jugend und Studenten, das im Sommer 1985 in Moskau stattfand. Pugatschowa sang das Lied "Wozu sind Kriege da?" auf Russisch, Lindenberg auf Deutsch.

Als Udo Lindenberg erfuhr, dass Alla Pugatschowa in Russland wegen ihrer Haltung gegen den Ukraine-Krieg mit einer ganzen Flut von Kritik konfrontiert wird, zitierte er in seinem Facebook-Account diese Strophe aus dem Lied:

"Sie stehen sich gegenüber und könnten Freunde sein
doch bevor sie sich kennenlernen, schießen sie sich tot
Ich find' das so bekloppt, warum muss das so sein?"

Alla Pugatschowa mit Sonnenbrille und Baskenmütze, hinter ihr ihr Ehemann Maxim Galkin.

Alla Pugatschowa und ihr Mann Maxim Galkin 2019

Außerdem teilte Lindenberg einen Post der Sängerin auf Instagram, in sich dem Alla Pugatschowa ein Ende "des Sterbens unserer Kinder für illusorische Ziele, die unser Land zu einem Außenseiter machen und das Leben unserer Bürger erschweren" herbeisehnt. Sie solidarisiert sich zudem mit ihrem Ehemann, dem Komiker und Moderator Maxim Galkin, der sich für seine Heimat "Wohlstand, ein friedliches Leben und Redefreiheit" wünscht. Sie ruft die russischen Behörden dazu auf, auch sie als ausländische Agentin zu brandmarken – so werden in Russland viele Kreml-Kritiker bezeichnet, die sich gegen den Ukraine-Krieg oder Putins Politik allgemein äußern.

Lindenberg: "Verlogene Kreml-Propaganda"

Im Gespräch mit der DW sagte Lindenberg auf die Frage, ob er das Lied "Wozu sind Kriege da?" mit Alla Pugatschowa heute wieder singen würde: "Das Lied können wir immer wieder singen, überall auf der Welt, bis das Weltgewissen endlich den echten immerwährenden Frieden erreicht hat. Bis dahin gilt: wenn die Menschheit nicht die Kriege beendet, werden die Kriege irgendwann die Menschheit beenden." An dem Text zu diesem Lied würde Lindenberg "keine Zeile" ändern, sagt er. 

Udo Lindenberg singt in ein Mikrofon.

Udo Lindenberg bei einer Spendengala für die Kinder der Ukraine im St. Pauli Theater

Alla Pugatschowa könne mit ihrer Haltung die russische Gesellschaft aufrütteln, gibt sich Udo Lindenberg zuversichtlich: "Alla gehört seit Jahrzehnten zur russischen DNA und wohl auch ein Stück zum nationalen Gewissen." Sie sei eine Rieseninstitution, an der sich viele Menschen orientieren, so Lindenberg. "Wenn sie jetzt mit so einem Klartext kommt, kann ich mir gut vorstellen, dass sie im Chor mit den zunehmenden anderen kritischen Stimmen viele Menschen, die jetzt noch im Nebel der verlogenen Kreml-Propaganda herumtaumeln, ordentlich wach machen kann und zum Handeln inspiriert."

"Durch Schweigen ist man Mittäter"

Dass Pugatschowa nun ihre Meinung sage, dies sei das Gold, das die russische Gesellschaft jetzt brauche, sagt Udo Lindenberg. "Schweigen ist kein Silber in diesen Zeiten. Durch Schweigen ist man Mittäter, man trägt das ganze Verbrechen mit, die Tragödien der Soldaten und Zivilisten, die sich abspielen, auf beiden Seiten. Wer schweigt, gehört zur stummen Armee, die dieses ganze Desaster mitträgt." 

Udo Lindenberg hat seine Antikriegshymne "Wozu sind Kriege da" in den 1980ern, mitten im Kalten Krieg und vor dem Hintergrund der atomaren Aufrüstung geschrieben. Er hat es außer mit Alla Pugatschowa unter anderem auch mit Joan Baez gesungen, einer Ikone der US-Friedensbewegung. Er sang es auch 1983 bei seinem ersten Konzert in der damaligen DDR, im Palast der Republik in Ostberlin. "Ein Lied kann die Begleitmusik sein für eine starke Protestbewegung, die die irren Kriegstreiber von der Macht entfernt und aus ihren Ämtern fegt", so Udo Lindenberg im DW-Gespräch.

Eine 40 Jahre alte Freundschaft

Sängerin Alla Pugatschowa und Udo Lindenberg singen gemeinsam auf der Bühne.

Alla Pugatschowa und Udo Lindenberg bei einem Auftritt im Jahr 1988

Von Mitte bis Ende der 1980er Jahre gab Lindenberg mit Pugatschowa mehrere gemeinsame Konzerte. 1985 durfte er zusammen mit ihr in Moskau auftreten. 1988 kam in der Sowjetunion ein gemeinsames Album heraus, mit dem deutschen Titel "Lieder statt Briefe". Das Duo schrieb nicht nur Musikgeschichte, sondern auch Geschichte während des Kalten Krieges.

Bei einem Konzert in Koblenz, dessen Originalaufnahme der DW vorliegt, stellte Lindenberg dem Publikum Pugatschowa mit den Worten "Unsere Nachtigall aus Moskau" vor und er verabschiedete sie von der Bühne mit dem Ruf: "Alla Pugatschowa! Freundschaft!" Nach fast vier Jahrzehnten ist Udo Lindenberg seinen Worten treu geblieben und Alla Pugatschowa hat ihren Mut nicht verloren. Und auch heute stellen beide die Frage: "Wozu sind Kriege da?"

Adaption aus dem Russischen: Markian Ostaptschuk, mit Ergänzungen von Silke Wünsch

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