Wir jagen weiter! – Walfang gehört in Norwegen zur Tradition | Fokus Europa - Länder, Menschen, Schicksale | DW | 23.06.2008
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Fokus Europa

Wir jagen weiter! – Walfang gehört in Norwegen zur Tradition

Die internationale Walfangkommission in Santiago de Chile diskutiert, wie viele Wale gejagt werden dürfen. Norwegen wehrt sich gegen ein Fangverbot. Dabei geht es den Norwegern nicht nur um den wirtschaftlichen Aspekt.

Norwegischer Walfänger zerlegt einen gefangenen Wal an Bord seines Schiffes (Foto: dpa)

Norwegen hat in dieser Saison 1052 Zwergwale zum Abschuss freigegeben

Eine helle Fabrikhalle in Steine an der Südseite der Lofoten, einer Inselgruppe vor der nordnorwegischen Küste. Männer in Ölzeug und Gummistiefeln bearbeiten eine Ladung Seelachs. Jon Arne Markussen hat sich eine Plastikschürze vor den Bauch gebunden, seine Hände stecken in grellorangen Gummihandschuhen. Der drahtige Mann Ende 30 schnappt sich zwei Fische, bindet sie an den Flossen zusammen und lässt sie in den großen Plastikbottich neben sich fallen "Der Fisch wird gesäubert und gesalzen und dann zum Trocknen aufgehängt", erklärt Markussen: "Seelachs gibt es das ganze Jahr über. Der Kabeljau dagegen hält sich fern, wenn das Wetter schlecht ist." So ginge es den Fischern auch mit den Walen. Man müsse ein guter Skipper sein, so Markussen, und brauche viel Geduld, um sie zu finden. "Wir sind oft viele Tage draußen, bei Wind und Wetter und in stürmischer See."

Fischerhafen auf den Lofoten vor Norwegen (Foto: dpa)

Fischerhafen auf den Lofoten vor Norwegen

Jan Odin Olavsen ist hier der Chef. Der 58-Jährige steht am Kai und bespricht mit den Kollegen die Lage. Ein bisschen unbeweglich ist er geworden in all den Jahren auf See. Olavsen und seine vier Brüder stammen aus einer Walfänger-Familie. Der Handel mit Kabeljau, Heilbutt und Seelachs ist für sie nur ein Nebengeschäft. Meist werden in ihrer Fischfabrik bis zu acht Tonnen schwere Zwergwale in Filets, Steaks und Gulasch zerlegt. "Walfleisch schmeckt ganz hervorragend" sagt Olavsen. "Ich esse es viel lieber als Schwein oder Rind. Der Wal ist lange frei im Meer geschwommen und hat viele schöne große Fische gefressen." Beim Schwein wisse man nicht so genau, was alles darin sei.

Walfang? Nichts Außergewöhnliches!

Für die Familie Olavsen und ihre Angestellten bedeutet der Walfang, dass ihre kleine Fabrik das ganze Jahr über Arbeit hat. Am Kai liegt ihr Boot, die "Nybraena" und wartet auf ihren nächsten Einsatz. Jan Odin Olavsen hat Eis anliefern lassen – für den nächsten Fischzug. So bleibt die kostbare Fracht frisch auf langen Fahrten. Auch in diesem Jahr macht Olavsen wieder Jagd auf Zwergwale. Wie viele es werden und wann er wohin auslaufen wird, darüber will er nicht reden. Zu tief sitzt bei ihm noch der Schock von 1982: Damals versuchten Aktivisten einer internationalen Walschutzorganisation, einen seiner Kutter zu versenken. Noch immer ist die Angst vor neuen Angriffen da.

Nur noch die Schwanzflosse eines vor der norwegischen Küste abtauchenden Wales ragt aus dem Meer. (Foto: dpa)

Walfang ist in Norwegen nichts Außergewöhnliches

Dafür gebe es heute keinen Anlass mehr, beteuert die Sprecherin von Greenpeace in Norwegen, Bente Myhre Haast. "Greenpeace hat sich seit den 1970er Jahren im Kampf um die Wale engagiert, derzeit steht der Walfang bei uns nicht auf der Agenda", erläutert sie. Der Markt habe gezeigt, dass das Thema keine Rolle mehr spiele. Die Nachfrage sei gering, es gehe um wenige Tiere und es gehe um wenige Menschen, die in der Industrie mit dem Walfang zu tun hätten. Auch Norwegens Walfangkommissar Karsten Klepsvik kann am Walfang nichts Außergewöhnliches finden. Er vertritt Norwegen beim Treffen der Internationalen Walfangkommission. "Jedes Land hat eine Meinung zum Walfang", sagt er, "aber niemand verteufelt Norwegen insgesamt, weil wir Wale fangen."

Unbeschreibliches Gefühl

Beim dem Treffen in Santiago de Chile will sich Klepsvik dafür einsetzen, den Dialog in Gang zu halten. Ein schwieriges Vorhaben, denn Norwegen gehört neben Japan, Island und Dänemark zu den wenigen Ländern, die Jagd auf die Meeressäuger machen. Man müsse wie bei der Jagd auf Elefanten oder Elche auch beim Wal verantwortungsbewusst mit den vorhandenen Ressourcen umgehen – so lautet die diplomatische Formel des Norwegers. Die Population in der norwegischen See lasse die Jagd auf Wale durchaus zu. Eine Haltung, die bei der Internationalen Walfangkommission und der Europäischen Union auf starken Protest stößt.

Blick auf den Monaco-Gletscher bei Spitzbergen, im Vordergrund Eismeer mit einzelnen Eisschollen (Foto: dpa)

Die Fanggründe vor Spitzbergen im norwegischen Polarmeer

Ein Protest, den der Walfänger Jan Odin Olavsen nicht verstehen kann: "Ich war gerade mal sieben Jahre alt in meiner ersten Saison" erinnert er sich. "Damals war ich seekrank und wollte nach Hause." Heute gehe es weit hinaus ins Eismeer, nach Spitzbergen und im Osten so weit, wie die Russen es zuließen. "Es ist ein unbeschreibliches Gefühl, dort draußen auf dem Meer zu sein", schwärmt Olavsen. "Aber es ist auch unser Beruf, unser Auskommen. Wir sind damit aufgewachsen. Das wird von einer Generation an die nächste weitergegeben."

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