Wie Wolfgang Wagner die Bayreuther Festspiele nach dem Zweiten Weltkrieg neu belebte | Kultur | DW | 25.07.2019
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Bayreuther Festspiele

Wie Wolfgang Wagner die Bayreuther Festspiele nach dem Zweiten Weltkrieg neu belebte

57 Jahre leitete Wolfgang Wagner die Geschicke der Bayreuther Festspiele. Der Enkel des Komponisten Richard Wagner krempelte das Festival um und öffnete es für umstrittene Regisseure. Jetzt wäre er 100 geworden.

Einen Tag nach seinem 89. Geburtstag, am 31. August 2008, trat Wolfgang Wagner als Direktor der Bayreuther Festspiele  zurück. Von den vorangegangenen 99 Spielzeiten seit der Gründung des Festivals im Jahr 1876 hatte er 57 Jahre lang am Ruder gestanden. 42 Jahre lang war er allein verantwortlich, nach dem frühen Tod seines Bruders Wieland 1966. Unter der Leitung von Wolfgang Wagner wurden beeindruckende 1600 Vorstellungen bei den Bayreuther Festspielen aufgeführt.

Geboren für Bayreuth

Wolfgang Wagner, geboren am 30. August 1919 als drittes Kind von Winifred und Siegfried Wagner und Enkel des Komponisten Richard Wagner, wuchs im Ambiente der Bayreuther Festspiele auf. Als er 1939 während des Zweiten Weltkriegs in die Wehrmacht eintrat, wurde er in Polen schwer verletzt und im folgenden Jahr aus dem Militärdienst entlassen. Er widmete sich dem privaten Musikstudium und assistierte Bühnenregie, bis er 1944 seine erste Bühnenproduktion "Andreasnacht" einreichte, eine Oper seines Vaters.

1951, nur sechs Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs, gelang es Wolfgang und seinem älteren Bruder Wieland, das Festival wieder aufzubauen, das durch seine Verbindung zur deutschen Nazi-Vergangenheit geprägt war - eine ideologische Nähe, die von der Familie Wagner selbst gefördert worden war. Bei "Neubayreuth", wie sie es nannten, ging es darum, Richard Wagner und seine Werke von ideologischen oder kultischen Assoziationen zu befreien - und Bayreuth zur ersten Adresse für hochwertige Produktionen zu machen. Wolfgang und Wieland Wagner prägten dabei den Begriff "Werkstatt Bayreuth", in der künstlerische Ideen nicht heilig waren, sondern mit ihnen experimentiert und sie verbessert werden konnten.

Wieland und Wolfgang Wagner (AP)

Wolfgang (rechts) und Wieland Wagner belebten die Festspiele Anfang der 1950er Jahre als "Neubayreuth".

Regisseur, Geschäftsmann, Visionär

Als die Bayreuther Festspiele 1973 von der Familie Wagner in eine Stiftung überführt wurden, unterschrieb Wolfgang Wagner einen lebenslangen Vertrag als Festspielleiter. Später wurde er alleiniger Inhaber der Bayreuther Festspielgesellschaft, die für die geschäftlichen Belange zuständig war. Nach seinem Tod ging das Unternehmen in den Besitz der lokalen, regionalen und nationalen Regierungen sowie einer Sponsorengesellschaft über.

Wolfgang Wagner präsentierte zwölf seiner eigenen Inszenierungen im Festspielhaus und an anderen Bühnen. Als sein größtes Verdienst gilt es bis heute, dass er die Bayreuther Festspiele für andere Regisseure öffnete: Götz Friedrich, Patrice Chéreau (der 1976 den legendären "Ring" leitete), Harry Kupfer, Heiner Müller ("Tristan und Isolde", 1993) und Christoph Schlingensief ("Parsifal", 2004). All diese Inszenierungen waren zunächst umstritten und wurden später als neuer Standard der Inszenierung gefeiert. Auch die Karriere vieler Sänger und Dirigenten erhielt während Wagners Amtszeit in Bayreuth einen besonderen Schub. "Er wollte nicht nur Talente entdecken, sondern auch nähren", sagte Tenor Stephen Gould der DW.

Richard Wagner Büste in Bayreuth (Getty Images)

Alles im Blick: Büste von Richard Wagner

Autoritär, hartnäckig, erfolgreich

Die Bayreuther Festspiele waren Wolfgang Wagners Lebenswerk. Als knauseriger Manager drehte er jede Münze zweimal um und zahlte den Künstlern geringe Honorare, gleichzeitig förderte er das Image Bayreuths als Ort, an dem jeder arbeiten möchte. Wagner motivierte die Menschen, sich für das Privileg zu opfern, in Bayreuth aufzutreten. Er galt als geschickter Taktiker, Diplomat, Theater-Visionär, hartnäckiger Franke und Handwerksmeister, der alle Tricks kannte. Er hatte auch den Ruf des autoritären Patriarchen, dessen Hartnäckigkeit oft von Erfolg gekrönt wurde.

"Theater", sagte Wolfgang Wagner einmal, "kann nicht demokratisch sein." Sein Sinn für Humor war bissig, und er konnte streitsüchtig werden, wenn es darum ging, eine Verschwörung zu vermuten, die seine Autorität untergraben konnte. Die Qualität, die er am meisten mit seinem Großvater geteilt haben mag, war jedoch sein feines Gespür für Öffentlichkeitsarbeit.

Ein Platz bleibt frei

Im Jahr 2002 begann Wolfgang Wagner mit der Suche nach seinem Nachfolger. Es dauerte Jahre, bis eine Lösung gefunden wurde: Seine beiden Töchter Eva Wagner-Pasquier und Katharina Wagner übernahmen ab der Saison 2009 die Leitung. Eva Wagner-Pasquier zog sich später aus der Geschäftsführung zurück.

Wolfgang und Katharina Wagner bei den Festspielen 2008 in Bayreuth (AP)

Wolfgang Wagnermit seiner Nachfolgerin, Tochter Katharina

Bei der Festveranstaltung zu Ehren Wolfgang Wagners am Vorabend der diesjährigen Bayreuther Festspiele erzählte der Dirigent Christian Thielemann, wie er mit Wagners Hilfe, Rat und manchmal auch nicht allzu subtilen Anweisungen das Dirigieren grundlegend neu erlernen musste, um sie an die Anforderungen des Bayreuther Festspielhauses anzupassen.

Auf dem "Grünen Hügel", wie das Festspielhaus in Bayreuth genannt wird, bleibt die Präsenz von Wolfgang Wagner spürbar. "Es gibt bestimmte Plätze, von denen aus er die Aufführungen jeden Abend verfolgte, und die Menschen halten sie immer noch frei", sagte seine Tochter Katharina in einem Interview mit dem "Nordbayerischen Kurier".

Im Rahmen einer Festveranstaltung am Vorabend der diesjährigen Bayreuther Festspiele wurden Dirigent Thielemann sowie die Sänger Günter Groissböck, Stephen Gould und Waltraud Meier in das Orchester aufgenommen - letztere mit einer bewegenden Interpretation des "Liebestodes" aus Richard Wagners "Tristan und Isolde". Unter dem Titel "Der Prinzipal" wurde am 19. Juli im Wagner-Museum im Bayreuther Haus Wanfried eine Ausstellung über das Lebenswerk Wolfgang Wagners eröffnet, die bis zum 3. November läuft.

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