Wie Tayfun Korkut den VfB Stuttgart neu belebt | Fußball | DW | 24.02.2018
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Bundesliga

Wie Tayfun Korkut den VfB Stuttgart neu belebt

Der deutsch-türkische Trainer Tayfun Korkut galt nach kurzen und erfolglosen Jobs in Kaiserslautern und Leverkusen schon fast als gescheitert. Nun bringt er den abstiegsbedrohten VfB Stuttgart auf Vordermann - und wie.

Er ballt die Faust und jubelt in Richtung seiner Mannschaft, dann umarmt er die Mitglieder seines Trainerstabs, klatscht die Ersatzspieler ab. Kurz nach dem Schlusspfiff der Partie VfB Stuttgart gegen Eintracht Frankfurt herrscht gelöste Stimmung im Lager der Schwaben, die von ihren Fans gefeiert werden. 1:0 (1:0) heißt es am Ende für den VfB. Wieder ein Sieg, wieder drei Punkte gegen den Abstieg. Und: Tayfun Korkut lacht wieder. Das hatte man in der Vergangenheit selten gesehen.

Rückblende: Im vergangenen Sommer ist Korkut überhaupt nicht zum Lachen zumute. Seine Trainerstation bei Bayer Leverkusen endet nach gerade einmal dreieinhalb Monaten. In elf Ligaspielen holt er ganze zwei Siege und wird zum Saisonende entlassen. Auch sein Engagement zuvor beim Zweitligisten 1. FC Kaiserslautern endet frühzeitig: Nach nur vier Siegen in 17 Spielen muss er während der Weihnachtsfeiertage 2016 seinen Hut nehmen. Jetzt also Stuttgart. Sein Empfang dort war eher frostig bis unfreundlich. Die Fans misstrauten ihm als er zum VfB kam - und dass, obwohl Korkut in Stuttgart geboren ist. "Wir haben es ihm schwer gemacht. Wir haben ihn nicht gerade mit offenen Armen empfangen", sagte VfB-Fan Cem Özdemir vor der Partie. Der Grünen-Politiker ist wie Korkut Schwabe und Deutsch-Türke. Aber warum machen es die Fans Korkut schwer? Weil der "ein Trainerphantom" sei, urteilt das Fußballmagazin "11 Freunde", es sei schwer, ihn auf einen bestimmten Stil festzulegen.

"Ab und zu nehme ich den Druck in den Schwitzkasten"

Fußball | 1. Bundesliga 24. Spieltag | VfB Stuttgart - Eintracht Frankfurt (Getty Images/Bongarts/A. Grimm)

Effizient: Mit dem dritten 1:0-Sieg in Folge arbeitet sich der VfB aus dem Tabellenkeller

Dabei hat Korkut durchaus Profil. Es ist nur eben nicht so schillernd wie das eines Pep Guardiola, so nahbar wie das eines Peter Stöger, so strahlend wie das von Julian Nagelsmann. Korkut ist Pragmatiker, hat viel Fachwissen und eigene Spielererfahrung. Er kommt auf 42 Länderspiele für die türkische Nationalmannschaft und arbeitete sich anschließend über diverse Posten im Jugendbereich stetig nach oben. Oben angekommen verließ ihn oft das Glück und der Erfolg. Immer wieder musste er Niederlagen erklären. "Druck ist mein ständiger Begleiter", sagte er kürzlich in einem Interview  mit den "Stuttgarter Nachrichten. "Die Frage ist immer, wie gehe ich mit ihm um? Ab und zu nehme ich ihn in den Schwitzkasten, dann lasse ich ihn wieder in Ruhe. Hin und wieder lässt auch er mich mal in Ruhe."

So spricht ein Kämpfer, der sich nicht von Negativschlagzeilen oder murrenden Fans aus dem Konzept bringen lässt. Und dieses hat er. Seine Teams treten zumeist in einer klassischen Viererkette auf. Korkut pflegt dabei häufig ein 4-4-2- beziehungsweise wie aktuell in Stuttgart ein 4-2-3-1-System, lässt dabei eher unspektakulär spielen, setzt auf Kontinuität. Das Wichtigste für ihn: eine starke Defensive. In der zweiten Hälfte gegen Frankfurt stehen die Stuttgarter nicht nur gut, sie überzeugen auch läuferisch und kämpferisch. Rund 70 Prozent der Zweikämpfe gehen an die VfB-Verteidiger. Beck, Baumgartl, Parvard und Insua verschieben sich gut, werden später noch durch den eingewechselten Aogo ergänzt. Alle wirken nun sehr eingespielt. Davor räumen Badstuber und Ascacibar ab. Zwar kommt der VfB auch in diesem Heimspiel wieder nur auf 41 Prozent Ballbesitz. Die favorisierte Eintracht kann aus dieser Überlegenheit aber nichts machen, da der VfB die Zweikämpfe gewinnt und vorne effizient ist. Weil Erik Thommy früh einen Abstauber über die Linie drückt (13.), gelingt gegen Frankfurt der dritte 1:0-Sieg in Folge. Ein Traum für jeden Trainer mit Defensiv-Vorlieben.

"Verantwortung, Disziplin, Gründlichkeit"

Fußball Bundesliga FC Augsburg vs VfB Stuttgart | Jubel Mario Gomez (imago/P. Fastl)

Auch er trifft wieder: Mario Gomez wirkt unter Korkut deutlich selbstbewusster

"Wir werden nicht jedes Spiel mit 1:0 gewinnen können", warnt aber VfB-Stürmer Daniel Ginczek. "Wir müssen daran arbeiten, nun etwas mehr Tore zu schießen." Die Offensive ist sicherlich der wunde Punkt im Aufschwung des VfB. Nachdem Torjäger Simon Terodde im Winter Richtung Köln verschwand, fehlt es vorne an Durchschlagskraft. Dazu kommt, dass Chadrac Akolo unter Korkut bisher kaum zum Zuge kommt. Der Kongolese, der als Flüchtling nach Europa kam, muss sich das Vertrauen des Trainers erst noch erarbeiten. Nationalstürmer Mario Gomez scheint dagegen nach einer schwachen Hinrunde unter dem neuen Trainer endlich neuen Schwung gefunden zu haben, vielleicht gerade noch rechtzeitig vor der WM in Russland.

Und so spricht Korkut nicht zu unrecht nun von einem "Schub", den sie in Stuttgart haben. Zehn Punkte in vier Spielen, dazu zweitbestes Heim-Team der Liga hinter den übermächtigen Bayern - das kann sich sehen lassen. Doch der Trainer kennt sein Ziel: den Klassenerhalt. Alles andere sei Unsinn. "Es passiert sehr schnell, wenn man die Punkte holt, dass der nächste Step erwartet wird. Aber das ist auch gefährlich", so Korkut, der sich selbst als schwäbisch geprägt beschreibt: "Verantwortung, Disziplin, Gründlichkeit", seien die Werte, die ihm mitgegeben wurden. Gut möglich, dass ihn genau dieser Dreiklang nun zu seiner ersten wirklich erfolgreichen Cheftrainer-Station führen könnte.

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