Wie Tansania die Landrechte der Maasai einschränkt
28. September 2025
Seit Generationen weiden die Maasai ihr Vieh im Süden Kenias und im Norden Tansanias. Auch der Natronsee in Tansania zählt zu ihren traditionellen Weidegründen. Doch in den letzten Jahren ist das Leben für die Angehörigen der ethnischen Gruppe dort zunehmend schwieriger geworden.
Parkranger der tansanischen Behörde für Wildtiermanagement (TAWA) wurden beschuldigt, das Vieh der Maasai zu beschlagnahmen, inoffizielle Gebühren zu erheben und neue Beschränkungen durchzusetzen - Maßnahmen, die nach Ansicht der Maasai ihr Überleben bedrohen.
"TAWA hat unsere Tiere genommen und versteigert, so dass die Mütter keine Milch mehr haben und die Kinder hungern. Alles, was wir verlangen, ist, in Frieden auf unserem Land leben zu dürfen", sagt der 37-jährige Nesikar Daudi aus Engaresero im Norden Tansanias.
"Wir wurden nie hinzugezogen, als es darum ging, den Natronsee in ein Wildtierreservat umzuwandeln", sagt Daudi. "Auf diesem Land weidet unser Vieh - ohne es können unsere Familien nicht überleben."
Ein Bericht der Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch aus dem Jahr 2024 zeigt einige der Folgen eines Plans der tansanischen Regierung auf, die Maasai von ihrem angestammten Land im Ngorongoro-Schutzgebiet umzusiedeln.
Um Vertreibungen zu rechtfertigen, beschuldigen die Behörden die Maasai häufig der Wilderei und des Raubbaus an der Natur und verweisen auf das Bevölkerungswachstum und den großen Viehbestand - Vorwürfe, die die Gemeinschaften als erfundene Ausreden zurückweisen, mit denen versucht werden solle, ihre Präsenz zu delegitimieren.
"Freiwillige Umsiedlungen"
Hunderte Maasai versammelten sich am 18. August 2024 in Ngorongoro zu einer dreitägigen Demonstration. Ein Zeichen des Aufbegehrens gegen den zunehmenden Druck der Regierung.
"Dieses Land gehört uns. Es wurde uns mit illegalen Mitteln weggenommen", sagt der Menschenrechtsanwalt Joseph Oleshangay. Er spricht für Hunderttausende von Maasai, die sagen, dass ihre angestammten Gebiete in Nordtansanias Safari-Kernland verschwinden.
Und das ist kein Zufall: Nach Angaben der Regierung trug die Region im Jahr 2023 zu mehr als der Hälfte der Tourismuseinnahmen des Landes in Höhe von insgesamt 1,57 Milliarden Euro bei. Doch seit 2022 haben die Behörden dort auch die so genannten "freiwilligen Umsiedlungen" verstärkt.
Auf dem Papier können sich die Maasai frei bewegen. In der Praxis jedoch beschreiben Zeugenaussagen, dass systematisch Druck ausgeübt wird. Menschenrechtsorganisationen attestieren, dass Rechte verletzt werden.
Die Demonstration im August folgte auf einen kritischen Moment: Es wurde berichtet, dass die Behörden versucht hatten, mehrere Ngorongoro-Dörfer aus dem Wahlverzeichnis zu streichen, wodurch Tausende Maasai-Bewohner ihr Stimmrecht bei den im Oktober bevorstehenden Wahlen verloren hätten.
Die öffentliche Reaktion zwang die Regierung, diesen Plan aufzugeben, so dass die Maasai ihr Stimmrecht weiter ausüben können.
Umgesiedelt nach Msomera
Seit 2022 haben rund 1500 Maasai das Ngorongoro-Schutzgebiet, eine UNESCO-Welterbestätte, verlassen, nachdem Schulen und Kliniken geschlossen und die Bewegungsfreiheit eingeschränkt wurden. Viele wurden in das 700 Kilometer östlich gelegene Msomera umgesiedelt, wo die tansanische Regierung eine Siedlung für die Maasai errichtet hat.
Eine notwendige Maßnahme? "Die Maasai leben seit Urzeiten im Ngorongoro-Gebiet", sagt der traditionelle Führer Saningo Olesiapa. Der Älteste Moses Oleshangay fügt hinzu: "Die Weidewirtschaft wird angegriffen, Dienstleistungen werden gekürzt, das Vieh verhungert."
Der tansanische Regierungssprecher Gerson Msigwa räumte 2022 ein, dass die Kürzung von Dienstleistungen "der einzige Weg" sei, "die Maasai zum Umziehen zu bewegen". Ein Beamter, der anonym bleiben möchte, bestätigte, dass es keine nennenswerten öffentlichen Foren und auch keine Zustimmung der Maasai gab.
Für den Ältesten Oleshangay ist das tiefere Problem ideologischer Natur: "Naturschutz wurde importiert... von den Kolonisatoren gebracht." Für die Maasai sind der Schutz von Wildtieren, Menschen und Land untrennbar miteinander verbunden, eine moralische Ökonomie, die im Widerspruch zu einem Modell steht, das "Schutzgebiete" für Außenstehende abgrenzt.
"Ich bin bereit, mit nichts hier zu bleiben, solange ich mein Land betreten kann", sagt die Bewohnerin Noorkiponi Mikas Olesilondo. Nachdem sie sich geweigert hatte, umzuziehen, hätten die Behörden ihr Haus niedergebrannt, gibt sie an.
Andere, die der Umsiedlung zugestimmt haben, berichten, dass ihnen gesagt wurde, Msomera sei leer. Dann hätten sie feststellen müssen, dass es bereits bewohnt sei - und sich zudem schlecht als Weideland eigne.
Trophäenjagd und Landgeschäfte
Neben dem Massentourismus ist die Trophäenjagd ein lukratives Standbein. Anfang 2022 stufte die Regierung Pololeti - ein 1500 Quadratkilometer großes Gebiet neben der Serengeti, das von der mit Dubai verbundenen Otterlo Business Corporation (OBC) verwaltet wird - von einem von Wildtieren kontrollierten Gebiet in ein Wildreservat um, in dem strengere Naturschutzbestimmungen gelten.
Am 9. Juni 2022 drangen Sicherheitskräfte ein, um die neuen Regeln durchzusetzen. Mehr als 2000 Massai wurden vertrieben, ein junger Mann wurde Berichten zufolge getötet und mehrere Kinder wurden als vermisst gemeldet.
"Mehr als zehn Häuser wurden niedergebrannt", erinnert sich Stadtrat Mathew Eliakim Siloma. Saitoti Parmwad, Vorsteher der Siedlung Ololosokwan, beschuldigte die OBC, die Vertreibung ermöglicht zu haben.
Die Maasai machen auch die Zoologische Gesellschaft Frankfurt (ZGF) für ihre Notlage verantwortlich. Deren Partnerschaft mit den tansanischen Behörden im Bereich des Naturschutzes, einschließlich der Bereitstellung von Ausrüstung für die Ranger, wurde kritisiert, weil sie Menschenrechtsverletzungen ermöglicht und begünstigt.
In einem Bericht aus dem Jahr 2023 beschuldigen die Stadträte von Ngorongoro die in Frankfurt am Main ansässige Naturschutzorganisation direkt, die Vertreibungen zu unterstützen und Landnutzungspläne zu erleichtern, die die lokalen Gemeinschaften vertreiben.
Die ZGF erklärte gegenüber der DW, dass sie ihre Sorgfaltspflichten im Bereich der Menschenrechte erfüllt habe, und bestritt jegliche Beteiligung an den Vertreibungen in Pololeti oder an der logistischen, finanziellen oder operativen Unterstützung von Regierungsoperationen.
Ein sich ausweitendes Netz
Die Strategie geht über Parks und Jagdgebiete hinaus. Seit 2024 haben Tausende von Menschen - die meisten von ihnen Maasai - durch Landvertreibungen um den Kilimanjaro International Airport ihr Zuhause verloren.
"Vor der Eröffnung des Flughafens hatten die Menschen dort jahrelang gelebt", so der Aktivist Lemirai Melubo Siria.
Rund um den Natronsee schränken Klima-Kompensationsprogramme die Mobilität in wichtigen Weidegebieten ein und führen zu Ausschlüssen, die die Weidekorridore unterbrechen und den Zugang zu Wasser abschneiden.
Pläne, das von Wildtieren kontrollierte Gebiet des Natronsees als Wildreservat auszuweisen, haben zu einer stärkeren Präsenz von Rangern geführt, der Zugang der Maasai zu Wasser und Weideland wurde weiter beschränkt - und die Spannungen nahmen zu.
"Wir haben es nicht nötig, dass uns jemand Lektionen über den Wert des Landes erteilt, denn wir brauchen es für unser Überleben", sagt Oleshangay.
Die Aussage des Ältesten bringt die tiefe Verbundenheit der Maasai mit ihrem Land auf den Punkt. Die Diskrepanz zwischen Selbst- und Fremdwahrnehmung der Maasai folgt einem Muster, das Menschenrechtler und Experten auch in anderen Weltregionen erkennen. Die Geschäftsführerin des Oakland Institute in Kalifornien, Anuradha Mittal, formuliert das so: Gemeinschaften, die vom Westen als "rückständig" bezeichnet werden, "haben der Erde keinen Schaden zugefügt", argumentiert sie.
Mittal fügt hinzu, dass der Naturschutz, wenn er erfolgreich sein will, von denjenigen lernen muss, die Landschaften ohne Mauern, Profitinteressen oder Waffen geschützt haben.
Was Naturschutz bedeutet
Die Behörden in Tansania haben ihr Vorgehen in Ngorongoro, einschließlich der Zwangsumsiedlung von Menschen, damit begründet, dass diese Maßnahmen notwendig seien, um den Status von Ngorongoro als von der UNESCO anerkanntes Weltkulturerbe zu erhalten. Diese Darstellung hat wiederum einige dazu veranlasst, der UNESCO die Schuld an der Notlage der Maasai zu geben.
Die UNESCO hat jedoch wiederholt erklärt, dass sie Zwangsräumungen für inakzeptabel hält. "Jede Entscheidung über eine freiwillige Umsiedlung sollte auf der freien Zustimmung der lokalen Interessengruppen und Rechteinhaber beruhen", heißt es in einer Erklärung.
Die tansanischen Behörden und die Ngorongoro-Verwaltung haben bis zur Veröffentlichung dieses Artikels nicht auf Bitten um Stellungnahme reagiert.
Die tansanische Präsidentin Samia Suluhu Hassan hat das Ngorongoro-Problem mehrfach öffentlich angesprochen. Im April 2021 nannte sie den "Bevölkerungsdruck" in Ngorongoro als Grund für die Maßnahmen der Regierung. Im Februar 2025 schließlich setzte Samia zwei präsidiale Kommissionen zur Untersuchung des komplexen Landkonflikts ein, deren Ergebnisse innerhalb von drei Jahren vorliegen sollen.
Einige akademische Perspektiven bieten andere Standpunkte. Elikana Kalumanga, ein Wildtierökologe an der Universität von Dar es Salaam, betont, die Bedürfnisse der Menschen müssten mit den Bemühungen um den Naturschutz in Einklang gebracht werden.
Seine Arbeit beleuchtet die Herausforderungen der Koexistenz von Mensch und Wildtieren und die Notwendigkeit einer nachhaltigen Landbewirtschaftung. Obwohl er die Komplexität anerkennt, stimmt seine Sichtweise oft mit der Position der Regierung überein, dass bestimmte Maßnahmen für die langfristige ökologische Gesundheit von Schutzgebieten notwendig seien, selbst wenn sie Änderungen der traditionellen Landnutzungsmuster beinhalten.
Diese Sichtweise steht im Gegensatz zu der Vorstellung, dass der Naturschutz lediglich ein Instrument zur Enteignung ist, und legt einen nuancierteren Ansatz zu diesem Thema nahe.
Dieser Bericht wurde aus dem Englischen übersetzt. Er stützt sich auf umfangreiche Recherchen vor Ort, Zeugenaussagen und juristische Dokumente, die vom Pulitzer-Zentrum und dem Investigative Journalism for Europe (IJ4EU) unterstützt wurden.