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KonflikteSyrien

Wie Syrien seine Neutralität im Iran-Krieg nutzt

Cathrin Schaer
6. Mai 2026

Syrien hält sich bewusst aus dem Krieg mit dem Iran heraus - und versucht genau daraus Kapital zu schlagen. Die neue Führung in Damaskus präsentiert das Land als neutralen Vermittler und möglichen Energiekorridor.

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Öltanker-Konvoi an der Grenze zu Syrien
Der Irak exportierte den Großteil seines Öls bislang über die Straße von Hormus. Am 1. Mai schickte das Land jedoch erstmals eine Öllieferung per Lkw über einen neu eröffneten Grenzübergang in Richtung eines Mittelmeerhafens an der syrischen KüsteBild: Farid Abdulwahed/AP Photo/picture alliance

Die internationale Sicht auf Syrien hat sich im vergangenen Jahr stark verändert. Lange galt das Land als Unterstützer des Terrorismus, dann vor allem als zerstörter Bürgerkriegsstaat. Heute wird Syrien plötzlich als möglicher Energie-Knotenpunkt zwischen dem Nahen Osten und Europa beschrieben. Manche hoffen sogar, dass das Land helfen könnte, die wirtschaftlichen Folgen der Blockade der Straße von Hormus abzufedern.

Auslöser dafür ist der Iran-Krieg. Nachdem Israel und die USA Ende Februar iranische Ziele angegriffen hatten, blockierte Teheran die Straße von Hormus. Durch diese Meerenge wird ein großer Teil des weltweiten Ölhandels abgewickelt. Vor allem der Irak, Saudi-Arabien, Kuwait und die Vereinigten Arabischen Emirate exportieren darüber ihr Rohöl.

Jetzt bringt Syrien sich als Alternative für Transportrouten ins Spiel. Das Land liegt geografisch günstig und hat sich im Iran-Krieg bewusst zurückgehalten. Genau das macht Syrien für viele Staaten in der Region plötzlich interessant.

Erste Schritte in diese Richtung gibt es bereits. Anfang April öffneten Syrien und Irak ihren Grenzübergang wieder. Dadurch können irakische Öltanker über syrisches Gebiet Mittelmeerhäfen erreichen.

Mitte April berichtete das Londoner Magazin 'Al Majalla' über ein geleaktes Papier, das demnach mutmaßlich vom US-Sondergesandten für Syrien, Tom Barrack, stammt. Darin ist von einer "Landbrücke durch Syrien" die Rede - gemeint sind neue Pipelines, die Öl und Gas aus den Golfstaaten und dem Irak über Syrien nach Europa transportieren könnten.

Neutralität aus "strategischen" Gründen

Dass Syrien heute als möglicher Gewinner des Iran-Krieges gilt, hat auch mit der neuen politischen Führung zu tun.

Die Übergangsregierung besteht aus Rebellen und sunnitischen Islamisten, die Ende 2024 den langjährigen Machthaber Baschar al-Assad gestürzt haben. Der Iran und verbündete Gruppen wie die libanesische Schiiten-Miliz Hisbollah hatten Assad jahrelang unterstützt und gegen genau diese Gruppen gekämpft.

"Die neue Führung in Damaskus will vor allem verhindern, dass Syrien erneut Schauplatz regionaler Konflikte wird", sagte Kheder Khaddour vom Carnegie Middle East Center bei einer Diskussion im März. Deshalb versuche die Regierung vor allem, die Folgen des Krieges einzudämmen, statt sich direkt einzumischen.

Die neuen Machthaber haben sich deutlich vom Iran distanziert. Sie kontrollieren die Grenzen stärker und gehen gegen Waffen-, Geld- und Drogenschmuggel vor. Damit treffen sie auch Netzwerke proiranischer Gruppen im Irak und im Libanon.

Wolodymyr Selenskyj trifft Ahmed al-Scharaa in Damaskus (April 2026)
Al-Scharaa (rechts) hat in Syrien Staatschefs wie den ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj empfangen, pflegt zugleich aber auch Beziehungen zu Russland.Bild: Ukrainian Presidential Press Service/REUTERS

Zudem habe Syrien - anders als der Irak - keine offizielle Beschwerde bei den Vereinten Nationen eingereicht, nachdem die USA und Israel den syrischen Luftraum für Angriffe auf den Iran genutzt hatten, bemerkte der Experte Samy Akil bereits im März in einer Analyse. Akil ist Nahost-Analyst und externer Experte für das Tahrir Institute for Middle East Policy mit Hauptsitz in Washington. Manche deuteten das als stillschweigende Zustimmung Syriens zur Kampagne gegen den Iran, so Akils Befund.

Syriens Imagewechsel

Übergangspräsident Ahmad al-Scharaa versucht gleichzeitig, Syriens neue Rolle offensiv zu vermarkten. In Gesprächen mit arabischen Staaten wirbt er für eine engere Zusammenarbeit in Sicherheitsfragen.

Auch Europa umwirbt die neue Führung in Damaskus. Nach einem Besuch des einst als militanter Islamisten-Führer geltenden Politikers in Berlin sagte etwa Bundesaußenminister Johann Wadephul im März, Syrien sei ein strategisches Bindeglied zwischen Europa, den Golfstaaten und dem indo-pazifischen Raum.

Das Ölfeld Awad im Nordosten Syriens
Ein großer Teil der syrischen Infrastruktur ist sanierungsbedürftig - darunter Pumpstationen, Häfen und die Pipelines selbst. Zudem fehlt es an qualifiziertem Fachpersonal vor OrtBild: Amjad Kurdo/Middle East Images/picture alliance

Ende April schlug die Europäische Kommission vor, das seit 1978 bestehende Kooperationsabkommen mit Syrien wieder aufzunehmen. Für den 11. Mai ist außerdem ein hochrangiger Dialog zwischen der EU und syrischen Vertretern geplant.

"Al-Scharaas verstärkte diplomatische Offensive seit Beginn des Krieges deutet darauf hin, dass Syrien sich als konstruktiver und wichtiger Akteur präsentieren will", sagte auch Carmit Valensi vom israelischen Institute for National Security Studies in einem Experten-Briefing Ende März.

Große Hoffnungen auf neue Geschäfte

Die möglichen wirtschaftlichen Chancen gehen weit über den Öltransport hinaus. Syrien spricht inzwischen auch mit internationalen Energiekonzernen über die Förderung eigener Öl- und Gasvorkommen. Zudem könnten Handelsrouten zwischen Irak, Syrien und Jordanien ausgebaut werden. Das gilt für Straßen und Bahnstrecken ebenso wie für Stromnetze und Logistikzentren.

Auch für die digitale Infrastruktur könnte Syrien wichtig werden. Im April warnte der Iran davor, dass Unterseekabel in der Straße von Hormus Ziel von Angriffen werden könnten. Saudi-Arabien erklärte wegen solcher Gefahren bereits im Februar, neue Glasfaserkabel künftig lieber über Syrien und Griechenland verlegen zu wollen statt über Israel. 

Noch große Herausforderungen für Syrien

"Das Interesse von Investoren ist real", schrieb der syrische Journalist Mazen Ezzi in 'The Amargi', ein auf den Nahen Osten spezialisiertes Online-Medium mit Sitz in Leipzig. "Doch es bleibt abhängig von politischer Stabilität, klaren regulatorischen Rahmenbedingungen, Sicherheitsgarantien und dem Wiederaufbau grundlegender Infrastruktur."

Genau daran fehlt es bisher vielerorts. Syriens Institutionen gelten als schwach, das Finanzsystem ist fragil. Hinzu kommen Spannungen zwischen verschiedenen Bevölkerungsgruppen und die Gefahr neuer Gewalt durch extremistische Gruppen wie den sogenannten Islamischen Staat (IS). Viele Straßen, Leitungen und Anlagen sind zerstört oder veraltet. In zahlreichen Regionen liegen noch immer Minen und Blindgänger aus dem Bürgerkrieg.

Der Leiter der Syrian Petroleum Company, Youssef Kabalawi, bei einem Syrien-Energiesymposium im März 2026 in Washington
Der Leiter der Syrian Petroleum Company, Youssef Kabalawi, meint, Syrien könne bis 2030 zu einem regionalen Exportzentrum für Gas werdenBild: Celal Gunes/Anadolu/picture alliance

Auch geopolitisch bleibt die Lage schwierig. Iran, Israel und Russland verfolgen weiterhin eigene Interessen in Syrien. Gleichzeitig konkurriert das Land mit anderen möglichen Transportwegen in der Region. Hinzu kommt ein ganz praktisches Problem: Syrien hat schon heute Mühe, genug Strom für die eigene Bevölkerung bereitzustellen. Von einem reibungslosen Export von Öl und Gas ist das Land noch weit entfernt.

Das Analyse-Unternehmen Karam Shaar Advisory, eine auf die syrische Wirtschaft spezialisierte Beratungsfirma, warnt deshalb in einem Artikel vor überhöhten Erwartungen. Syrien könne zwar Transitland werden. Ein echtes Energiezentrum sei aber etwas anderes. Ein solcher Knotenpunkt bestimme Preise, Handelswege und Lieferketten selbst. Syrien dagegen stelle bisher vor allem seine geografische Lage zur Verfügung.

"Der Krieg mit dem Iran hat für Syrien definitiv ein strategisches Fenster geöffnet", schrieb Haid Haid, ständiger externer Experte bei der in Paris ansässigen 'Arab Reform Initiative', in einer Analyse im April. Garantien für einen Erfolg gebe es jedoch nicht, argumentierte jedoch auch er. "Ohne nachhaltige Reformen, bessere Regierungsführung und ein glaubwürdiges Investitionsumfeld droht Syriens Rückkehr als regionales Transitland unvollständig und nur vorübergehend zu bleiben", so Haid.

Der Originaltext ist auf Englisch erschienen.