Wie Ravi Shankar die Weltmusik eroberte | Musik | DW | 06.04.2020
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Weltmusik

Wie Ravi Shankar die Weltmusik eroberte

Die meditative Sitar-Musik von Ravi Shankar entschleunigt und macht Mut. Bis heute entfalten die Klänge des indischen Saitenvirtuosen ihre Kraft - auch in Corona-Zeiten. Wir erinnern an den 100. Geburtstag.

Das Gefühl von Einsamkeit, das viele Menschen in der Corona-Krise umgibt, kannte der indische Sitar-Spieler Ravi Shankar nur zu gut. "Ich habe soviel Liebe erfahren, aber meine Einsamkeit ist nie verschwunden", gestand der Musiker 1977 in einem Interview. "Seit meiner Geburt trage ich sie ständig mit mir herum."

Vielleicht erklärt diese Gemütsverfassung Shankars, warum seine Musik gerade jetzt, in Zeiten von Corona, vor allem einsamen Menschen so wohltut. Shankars meditative Sitar-Klänge laden geradezu ein zum Entschleunigen.

Dabei hatte der noch in der Kolonialzeit geborene Ravi Shankar ein durchaus rasantes Leben. Das Licht der Welt erblickte er am 7. April 1920 im nordindischen Varanasi, als Sohn einer wohlhabenden Brahmanenfamilie.

Als Musiker tourte Ravi Shankar später um die Welt und ließ mit seiner Kunst die Grenzen zwischen indischer und europäischer Klassik verschwimmen. Bis ins hohe Alter von 92 gab er noch Konzerte.

Sitar-Spieler Ravi Shankar mit 92 auf der Bühne (picture-alliance/Epa/Jagadesh NV)

Ravi Shankar: Eines seiner letzten Konzerte - in Bangalore (2012)

Inspiration für die Beatles

Auch vor westlicher Popmusik hatte er keine Berührungsängste. 1966 brachte Shankar dem Leadgitarristen der Beatles, George Harrison, während eines Indienaufenthalts das Sitar-Spielen bei. Harrison nutzte das indische Saiteninstrument später für Songs wie "Norwegian Wood" oder "Within You, Without You". Zwischen den beiden höchst unterschiedlichen Musikern entwickelte sich eine enge Freundschaft. 

Schon früh stand Ravi Shankar auf der Bühne - als Tänzer. Bereits im Alter von zehn Jahren reiste er mit der Tanzgruppe seines älteren Bruders Uday, der "Compagnie de Dans et Musique Hindou", nach Frankreich. Zwei Jahre später tourte das Ensemble durch Europa und Nordamerika.

Für den jüngsten der sieben Shankar-Brüder war dies die perfekte Gelegenheit, Erfahrung im Tanzen zu sammeln, die westliche Kultur zu erkunden - und gleichzeitig verschiedene indische Instrumente zu lernen.

Beatle George Harrison und Ravi Shankar (AP)

Ravi Shankar wurde zum musikalischen Guru für George Harrison (li), 1967

Mit 18 beschloss Shankar, sich ganz dem Sitarspiel zu widmen. Er wandte sich vom Tanzen ab und studierte mehrere Jahre intensiv Sitar, ein indisches Instrument, das bis zu 20 Saiten haben kann. Diese Zeit verbrachte er in der Stadt Maihar, im indischen Bundesstaat Madhya Pradesh. Sein Lehrer war damals Allauddin Khan, der Vater des erfolgreichen Komponisten und Sarod-Spielers Ali Akbar Khan.

Seine erste LP "Three Ragas" veröffentlichte Ravi Shankar 1956 in London. Er schrieb Konzerte für Sitar und Orchester und tourte mit seiner Musik um die Welt.

Shankar wird zur Woodstock-Ikone

Mit Shankars Erfolg wuchs auch der indische Einfluss auf die westliche Pop-Musik, etwa im Raga Rock oder im Jazz. Seine Beliebtheit manifestierte sich nicht zuletzt darin, dass der Jazz-Saxophonist John Coltrane 1965 seinen Sohn Ravi nach ihm benannte. Im August 1969 spielte Shankar neben Rock-Stars wie Jimi Hendrix und Janis Joplin beim legendären Woodstock Festival – und war fortan auch eine Ikone der Hippies.

George Harrison und Ravi Shankar Projekt Music Festival from India 1974 (Clive Arrowsmith/Umlaut Corporation)

Beatles-Gitarrist Harrison (li) und Sitar-Spieler Shankar beim "Music Festival from India" (1974)

Legendär war auch das weltweit erste Wohltätigkeitskonzert, das Shankar gemeinsam mit George Harrison 1971 im New Yorker Madison Square Garden organisierte. Mit dem "Konzert für Bangladesch" sammelten die beiden Freunde Geld für die Flüchtlinge des Krieges zwischen Pakistan und Bangladesch (damals hießen die Länder noch West- und Ost-Pakistan). Der Mitschnitt der Veranstaltung erhielt 1972 einen Grammy als "Album des Jahres".

Aber das Interesse an seiner Musik beschränkte sich nicht nur auf die Flower-Power-Zeit der 60er Jahre. Auch der US-amerikanische Komponist John Cage, der französische Flötist Jean-Pierre Rampal und der Weltklasse-Geiger Yehudi Menuhin fühlten sich von den indischen Sitar-Klängen Ravi Shankars stark angesprochen.

Berühmte Töchter: Norah Jones und Anoushka Shankar

Shankars Privatleben war geprägt von Trennungen und Neuanfängen. 1941 heiratete er die Tochter seines Sitar-Lehrers Allauddin Khan, Annapurna Kahn. Ihr gemeinsamer Sohn Shibhendra (1942-1992) wurde nur 50 Jahre alt. Nach zwanzig Jahren Ehe ließen sich Ravi und Annapurna scheiden.

Sängerin Norah Jones (picture-alliance/dpa Sascha Radke)

Talentiert: Tochter Nora Jones als junge Popmusikerin

1979 kam Ravi Shankars erste Tochter zur Welt, Norah Jones, die 20 Jahre später eine internationale Karriere als Sängerin startete und 2003 gleich mehrere Grammys gewann. Norahs Mutter, Sue Jones, arbeitete erfolgreich als Konzertproduzentin. Die Beziehung zu Shankar hielt nur einige Jahre.

1989 heiratete Shankar erneut. Mit seiner zweiten Ehefrau Sukanya Rajan hatte er zu dem Zeitpunkt bereits eine achtjährige Tochter, Anoushka. Auch sie lernte das Sitarspielen und die klassische indische Musik. Später begleitete sie ihren Vater oft auf seinen Tourneen. 2003 war Anoushka Shankar mit ihrem eigenen Solo-Album"Live at Carnegie Hall" für einen Grammy nominiert.

Ravi Shankar und Anoushka Shankar mit Sitar (Getty Images/AFP/Raveendran)

Klassische indische Sitar-Musik: Tochter Anoushka Shankar setzt die Tradition ihres Vaters fort

Als Weltenbummler mag sich Shankar oft einsam gefühlt haben. Mit seiner Musik aber hat er auf der ganzen Welt Menschen unterschiedlichster Kulturkreise miteinander verbunden. Der indische Musiker gewann insgesamt vier Grammys. George Harrison nannte ihn einst den "Paten der Weltmusik".

Zuletzt lebte der Hindu und überzeugte Vegetarier Ravi Shankar mit seiner Frau Sukanya in Südkalifornien. Dort starb er am 11. Dezember 2012 in San Diego im Alter von 92 Jahren. Seine Musik lebt weiter.

(mit KNA und Munzinger)

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