Wie kamen die Salzburger Festspiele nach Salzburg? | Musik | DW | 29.08.2019
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Musik

Wie kamen die Salzburger Festspiele nach Salzburg?

Ein Dichter, ein Komponist, ein Regisseur und ein gemeinsamer Traum: Mitten im Ersten Weltkrieg schlug die Geburtsstunde der renommierten Festspiele. Fast 100 Jahre später sind sie immer noch ein Publikumsmagnet.

Salzburger Festspiele 2014 Jedermann Umzug (picture alliance/APA/picturedesk.com)

Auf der "Straße, die die Welt bedeutet" vor dem Festspielhaus

Kann Kultur identitätsstiftend wirken? Kann sie Völker verbinden, humanistische Ideale mit Inhalten füllen? Den europäischen Gedanken stärken? Solche Fragen beschäftigen Kulturschaffende und Politiker aktuell in unserer bewegten Zeit, in der Selbstverständlichkeiten ins Wanken geraten sind und man vom Werteverlust redet. Und meistens werden diese Fragen mit "Ja" beantwortet. 

Weltkrieg, Werteverlust, innere Einkehr

Ähnlich war es vor einem guten Jahrhundert, anno 1917 – mit dem Unterschied, dass Europa sich damals im Krieg befand. Inmitten der Katastrophe träumten drei Männer von einem kosmopolitischen Europa und von Festspielen, die Frieden stiften sollten.

Hugo von Hofmannsthal (1874-1929) (picture-alliance/Heritage-Images/Fine Art Images)

Hugo von Hofmannsthal war teilweise jüdischer Abstammung, verstand sich aber als konservativer Katholik

Hugo von Hofmannsthal, Richard Strauss und Max Reinhardt hießen die drei Vordenker. Hofmannsthal war ein viel gefeierter Dichter, Schriftsteller und Librettist, der einen großen Einfluss auf seine Generation hatte. Strauss war der berühmteste Komponist seiner Zeit und Reinhardt der wichtigste Regisseur und Impresario. An die Gründung eines Theater- und Opernfestivals hatten auch der Operndirektor Franz Schalk und der Bühnenbildner Alfred Roller schon gedacht.  

Dabei griffen sie eine jahrzehntealte Idee auf, die spätestens nach 1876, dem Gründungsjahr der Bayreuther Festspiele, in der Luft gelegen hatte, nämlich Festspiele in der Geburtsstadt Wolfgang Amadeus Mozarts zu veranstalten. Wie in Bayreuth auch, sollten sie fernab der Kulturmetropolen stattfinden. Oder in den Worten Hugo von Hofmannthals: "Die Großstadt ist der Ort der Zerstreuung, eine festliche Aufführung bedarf der Sammlung, bei denen, die mitwirken, wie bei denen, die aufnehmen."

Richard Strauss als junger Mann, Schwarzweißfoto

Richard Strauss war zwar Deutschnationalist, wusste aber auch von der Beliebtheit seiner Werke im Ausland

Gleichzeitig sollten die Salzburger Festspiele, wie sie später heißen sollten, ein Gegenprogramm zu den Festspielen im Norden Bayerns bieten: Stünden dort nur Richard Wagner und seine zehn festspieltauglichen Werke im Fokus, sollten es hier gleich mehrere Komponisten sein. Kurzum: Die ganze Welt der Kultur sollte hier abgebildet werden.

Dabei sollten die erträumten Festspielen an eine uralte Tradition anknüpfen: Im Mittelalter war Salzburg der Ort von Mysterienspielen, feierlichen Kirchenfesten und Prozessionen. Hier soll im 17. Jahrhundert auch die erste Oper nördlich der Alpen aufgeführt worden sein.

Prof. Max Reinhardt Theater-Regisseur (Bundesarchiv,Bild 102-10387/CC-BY-SA 3.0)

Max Reinhardt war vor allem in Berlin tätig, feierte aber seine ersten Erfolge in Salzburg - noch lange vor Beginn der Festspiele

Utopie inmitten der Kriegsjahre

Es war ein tollkühner Gedanke, der nicht nur wegen des überall wütenden Krieges illusorisch wirkte. Es fehlte auch an einer adäquaten Spielstätte. In einem Werbeprospekt für die Festspiele heißt es: "Was gibt den Salzburgern und Österreichern den Mut dazu, im jetzigen Augenblick? Hofmannthals Antwort: Die Tatsache, dass alle Menschen jetzt nach geistigen Freuden verlangen."

In der Salzburger Stadtbevölkerung machte sich allerdings Skepsis breit. Man befürchtete, der Zustrom von Touristen würde den knapp gewordenen Vorrat an Lebensmitteln noch weiter dezimieren. Und der Jude Reinhardt, der 1917 ein altes Schloss in der Region gekauft hatte, bekam den wachsenden Antisemitismus der einheimischen Bevölkerung zu spüren.

1918 war der Erste Weltkrieg vorbei und das einst stolze österreichisch-ungarische Imperium auf einen Bruchteil seiner einstigen Größe geschrumpft. Zu den humanistischen Idealen der Visionäre kamen praktische Überlegungen hinzu: Der Tourismus musste angekurbelt werden, und vom alten Glanz der verlorenen Donaumonarchie sollte etwas für die Zukunft erhalten werden. Wo könnte das besser funktionieren als vor der Kulisse dieser schmucken Stadt im Zentrum Europas? "Die ganze Stadt ist Bühne", so formulierte es Max Reinhardt.

Stadtansicht Salzburg (DW/R. Fulker)

Die ganze Stadt ist Bühne

Jedermann für die Festspiele, aber Festspiele für jedermann?

Am 22. August 1920 war es dann soweit. In Anlehnung an die alte Tradition der Mysterienspiele in Salzburg wurde ein modernes Theaterstück aufgeführt: Hugo von Hofmannsthals "Jedermann – Das Spiel vom Sterben des reichen Mannes" in der Regie von Max Reinhardt. In schlichter, einfacher Sprache sollte das von einer religiösen Idee getragene Werk bewegen, ohne zu belehren. 

Zu dem Theaterstück kamen 1921, im zweiten Jahr der Festspiele, Konzerte hinzu. Diese hatte Bernhardt Paumgartner, der Leiter des Salzburger Mozarteums, mit lokalen Kräften organisiert. Festspiel-Mitbegründer Richard Strauss war nicht begeistert: Er selbst wollte die renommiertesten Künstler der Zeit bei den Salzburger Festspielen haben – und bekam sie auch.

Mit diesem Ansatz schlugen die Festspiele sofort ein. Ab dem dritten Jahr 1922 kamen Opernaufführungen hinzu – Opern von Mozart, aber auch von Strauss - vor allem die Werke, die er gemeinsam mit dem Librettisten von Hofmannsthal geschaffen hatte. Die drei Säulen Theater, Konzert und Oper geben bis heute den programmatischen Rahmen für die Festspiele.  Die Felsenreitschule wurde ab 1926 als Spielstätte benutzt, im Folgejahr wurde der Bau eines eigenen Festspielhauses abgeschlossen.  

Opernfan Angela Merkel (picture-alliance/dpa/APA/F. Neumayr)

Es ist bekannt, dass Bundeskanzlerin Angela Merkel die Bayreuther Festspiele nicht ausfallen lässt. Manchmal schafft sie es auch nach Salzburg, wie hier 2017

Das Salzburger Ideal

Bis in die heutige Zeit steht "Jedermann" alljährlich auf dem Spielplan der Salzburger Festspiele – mit Ausnahme der Jahre zwischen 1938 und 1945: Nach dem Anschluss Österreichs an Nazideutschland wurde das Stück für ungeeignet erklärt, denn in Hugo von Hofmannsthals Stammbaum gab es einen Juden. Max Reinhardt wiederum setzte sich auf der Flucht vor den Nazis ins Ausland ab, er starb 1943 im US-amerikanischen Exil.

Bei der  Aufführung von "Jedermann" vor der prächtigen Kulisse des Salzburger Doms verkörperten bisher 17 Schauspieler die Titelrolle. Nach der rituellen Eröffnung folgen dann rund 200 Aufführungen von Konzerten, Theaterstücken und Opern – davon mehrere Neuinszenierungen pro Saison.

Erfüllen die Festspiele die kosmopolitischen und völkerverbindenden Ideale ihrer Gründer? Fest steht: Von den rund 259.000 Besuchern im Jahrgang 2016 reisten rund 80 Prozent von außerhalb der Salzburger Gegend an. Sie kamen aus 81 Ländern, 41 davon außerhalb Europas. Jeder Festspielbesucher blieb durchschnittlich 7,2 Tage und erlebte 4,2 Festival-Aufführungen. 

Und: Der Zustrom von internationalen Gästen hat die Lebensmittelvorräte vor Ort nicht knapp werden lassen. Im Gegenteil: Die Einnahmen aus Kartenverkäufen beliefen sich 2016 auf 28,6 Millionen Euro. Der Wirtschaftsfaktor der Festspiele ist aber um ein Vielfaches größer.

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