100 Jahre Salzburger Festspiele - 100 Jahre ″Jedermann″ | Musik | DW | 31.07.2020
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Jubiläum

100 Jahre Salzburger Festspiele - 100 Jahre "Jedermann"

Ohne das Schauspiel "Jedermann" wären die Salzburger Festspiele undenkbar. Warum es über alle Grenzen hinweg noch heute fasziniert, hat viele Gründe.

Vor einer überdimensionalen Geburstagstorte sitzt Jedermann und hält die Buhlschaft im Arm (SF/Matthias Horn)

Der Jedermann lebt in Saus und Braus: Tobias Moretti mit Caroline Peters

"Jedermann" ist das Schauspiel vom "Sterben des reichen Mannes", das seit 1920 die Salzburger Festspiele eröffnet. Ein Geheimnis seines Erfolges sei hier direkt gelüftet: Jedermann steht für den Archetypus eines Menschen, der im Angesicht des Todes sein ausschweifendes Leben überdenkt und bereut. Eine Figur, wie es sie in vielen Kulturen der Welt gibt, über die Jahrhunderte immer wieder anders erzählt.

Der Tod kann jeden treffen; diese Erkenntnis war gerade nach dem Ersten Weltkrieg noch sehr präsent. Hinzu kam - wie heute - eine Pandemie. Die Spanische Grippe kostete damals viele Menschen das Leben.

Historisches Bild von Publikum und Bühne vor dem Domeingang (picture-alliance/IMAGNO/Austrian Archives)

Die "Jedermann"-Aufführung vor dem Dom 1920, selbst die Kirchenväter waren gerührt

"Es wird berichtet, dass dem Erzbischof und dem ganzen Domkapitel bei den ersten Aufführungen des "Jedermanns" die Tränen gekommen seien", erzählt der Historiker Robert Kriechbaumer im Gespräch mit der Deutschen Welle. "Sie waren emotional sehr ergriffen. Man hatte damals die Stimmungslage der Bevölkerung getroffen. Das ist bis heute das Geheimnis."

"Wenn der Tod ins Leben tritt"

Auf insgesamt 715 Aufführungen hat der "Jedermann" von Hugo von Hofmannsthal es in der 100-jährigen Geschichte der Salzburger Festspiele gebracht. Bei der Premiere am 22. August 1920 überzeugte Regisseur Max Reinhardt die Menschen von seiner Inszenierung. Von der Uraufführung des Stücks 1911 war das Berliner Publikum nicht so begeistert gewesen. Ausgesetzt wurden die Inszenierungen in Salzburg aus finanziellen Gründen von 1922 bis 1926 und dann von 1937 bis 1945, weil das Stück von den Nationalsozialisten verboten wurde.

Michael Sturminger steht auf einer Dachterrasse mit Aussicht auf Salzburg (SF/Anne Zeuner)

Michael Sturminger beschäftigt sich mit der Frage von Leben und Tod heute

Gerade jetzt, in Zeiten von Corona, beschäftigt sich Michael Sturminger, der 2017 die Regie übernommen hat, mit der für ihn zentralen Frage des Schauspiels: "Was passiert mit dem Menschen, wenn der Tod ins Leben tritt?" Die Menschen würden den Tod aus dem Leben verdrängen, sagt Sturminger gegenüber der DW: "Wir denken, das Schicksal könnte uns nichts anhaben, weil unsere Medizin so fortschrittlich ist." Trotzdem müsse man jeden Tag genießen im Bewusstsein, dass etwas Unvorhergesehenes passieren könne. "Diese Diskrepanz, finde ich, macht einen großen Teil des Zaubers dieses Stückes aus."

Geistige Erbauung durch Mysterienspiele

Der "Jedermann" von Hugo von Hofmannsthal geht zurück auf das moralisierende englische Mysterienspiel "Everyman" aus dem 15. Jahrhundert. Der Inhalt ist kurz erzählt:

Hier Cornelius Obonya als Jedermann und Peter Lohmeyer als Tod. (Salzburger Festspiele/Forster)

Die Geschichte des "Jedermann" ist auch nach 100 Jahren noch aktuell

Weil die Menschen sich von Gott abgewandt haben, will dieser ein Exempel statuieren und den reichen und ungläubigen Jedermann vor das göttliche Gericht zitieren. Jedermann verprasst seinen Reichtum, arme Bittsteller verhöhnt er. Als der Tod kommt, um ihn zu holen, fleht er Gott um Gnade an und bereut sein ausschweifendes Leben. Er stirbt, doch durch Gottes Gnade kommt seine Seele in den Himmel.

Regisseur Max Reinhardt war damals fasziniert von den mittelalterlichen Mysterienspielen, die dem Volk neben der Unterhaltung auch eine gewisse moralische Erziehung mit auf den Weg gaben. Die Figuren beim "Jedermann" sind Allegorien. Da gibt es den personifizierten Tod, die guten Werke, den Mammon, also das Geld, den Teufel oder den Glauben. "Diese Symbolik wird unabhängig von der Kultur sofort verstanden, weil die Figuren archetypisch sind", sagt Robert Kriechbaumer.

Dauerbrenner "Jedermann"

Schwarz-Weiß Aufnahme von Jedermann 1936 (picture-alliance/IMAGNO/Austrian Archives)

Der Jedermann (Mitte) 1936 in der Inszenierung von Max Reinhardt. Ein Bühnenbild gab es damals nicht

Max Reinhardt hat seinen "Jedermann" bis 1936 immer ähnlich inszeniert. Nach dem Zweiten Weltkrieg übernahm seine Witwe, Helene Thimig, die Regie in seinem Sinne. Der Nationalsozialismus wurde ausgeblendet, eine zeitgenössische Auseinandersetzung mit der Gegenwart gab es in der Salzburger "Jedermann"-Inszenierung nicht. Bis in die 2000er Jahre hielten sich die Regisseure nah an Reinhardts Vorgaben.

Michael Sturminger holte das Stück 2017 mit einer zeitgenössischen Inszenierung in die Gegenwart. Er verwarf die historisierenden Kostüme und nutzte moderne Bühnentechnik. Außerdem erlaubte er sich, Textstellen zu streichen und umzubauen. Sein Jedermann verkörpert einen modernen Businessman, der Schauspieler Tobias Moretti auf den Leib geschneidert ist.

Tobias Moretti kniet als Jedermann neben einer Glocke (picture-alliance/APA/picturedesk.com/B. Gindl)

Tobias Moretti als Jedermann in Michael Sturmingers Neuinszenierung 2017

"Tobias Moretti überzeugt mit seiner Willenskraft, wenn er in einer Gemeinschaft sagt, wo es lang geht." Sturminger arbeitet bei seinen Inszenierungen immer mit den Stärken seiner Schauspieler. Immerhin hat der Jedermann rund 80 Prozent des Textes zu bewältigen. Weit weniger dagegen die Frau an seiner Seite, die sogenannte Buhlschaft. Dennoch ist ihre Rolle für das Publikum wichtig.

Kam es früher auf die Weiblichkeit der jungen Geliebten an, so setzt Sturminger heute auf die Qualitäten einer emanzipierten Frau. "Wir machen die Buhlschaft zu einem Subjekt und nicht zu einem Objekt." Die deutsche Schauspielerin Caroline Peters bringt als Buhlschaft in diesem Jahr ihren Humor mit ins Spiel. "Sie macht sich auch noch lustig über die Ikone der traditionellen Weiblichkeit, sie spielt mit ihr, um sie zu ironisieren, das kann sie großartig", sagt Regisseur Sturminger.

Tobias Moretti sitzt mit Caroline Peters auf der Bühne am Tisch (SF/Matthias Horn)

Die Proben 2020: Tobias Moretti mit Caroline Peters beim großen Fest. Der Tod ist ihm schon auf der Spur

Kein Corona im "Jedermann"

Corona will Michael Sturminger in seiner Inszenierung nicht thematisieren. Er hat sich entschieden, gerade jetzt die heitere und komödiantische Seite des "Jedermann"-Stückes hervorzuheben. Nicht zuletzt, damit das Publikum für zwei Stunden die schwierige momentane Situation vergessen kann.

Trotz aller Moral habe das Stück auch hinreißend komische Szenen, sagt er, etwa wenn der Teufel nicht versteht, wie Gott Jedermann dessen Lebenswandel verzeihen kann und empört argumentiert, dass Jedermanns Seele ja wohl ihm gehöre.

Wegen des Corona-Lockdowns konnten viele Künstler wochenlang nicht arbeiten. "Kultur hat für mich auch die Aufgabe, den Menschen zu zeigen, dass sie mit ihren Problemen nicht alleine sind", sagt Sturminger. Es sei wichtig, gemeinsame Kulturerfahrungen zu teilen, über die man sich austauschen könne. "Wir müssen gemeinsam Anteil nehmen am Schicksal von Menschen und das kann die Kunst und das kann dieser "Jedermann" vor Publikum leisten."

Der große "Jedermann-Tag"

Der grau bemalte Tod umfasst Peter Simonischeks Kopf von hinten (picture-alliance/dpa/K. Techt)

Acht Jahre spielte Peter Simonischek den Jedermann

Im Jubiläumsjahr ist der "Jedermann" nicht die einzige Inszenierung, die sich mit der Vergänglichkeit des Menschen beschäftigt. Die Uraufführung "Everywoman" von Milo Rau und Ursina Lardi greift das Sujet mit einer Frau in der Hauptrolle auf. Das klas­sische Motiv des "Everyman" diente auch hier als Vorlage.

Am 22. August, dem Gründungstag der Festspiele, wird der "Jedermann" besonders gefeiert. Erwartet werden frühere Jedermänner wie Klaus Maria Brandauer oder Peter Simonischek. Tobias Moretti hat bereits verkündet, dass er den Jedermann in diesem Jahr zum letzten Mal in Salzburg spielt. Deshalb wird die Inszenierung von Michael Sturminger im nächsten Jahr auf jeden Fall eine andere sein.

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