Wie groß ist die Corona-Gefahr in Europa? | Europa | DW | 26.02.2020
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Ausbreitung Corona

Wie groß ist die Corona-Gefahr in Europa?

Seit Corona in Italien angekommen ist, mehren sich auch die Sorgen vor einer weiteren Ausbreitung. Irgendwann wird sich jedes Land mit dem Virus auseinandersetzen müssen, sagt Epidemiologe Prof. Krause im DW-Interview.

DW: Seitdem die Zahl der Coronavirusfälle in Italien so rasant gestiegen ist, wird die Provinz Lombardei, die besonders stark von der Infektion betroffen ist, in den Medien immer öfter "Europas Wuhan" genannt. Ist diese Bezeichnung zutreffend?

Prof. Dr. Gérard Krause: Es ist schon ein bisschen überspitzt, allein aufgrund der Bevölkerungszahlen, die betroffen sind und pro Quadratkilometer dort leben. Also ist das eine ganz andere Situation.

Wie groß ist die Gefahr, dass sich das Coronavirus nach dem Ausbruch in Italien unkontrolliert in Europa verbreiten wird?

Gerard Krause Leiter Epidemiologie Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung

Epidemiologe Krause erklärt, welche Maßnahmen helfen und welche nicht

Bei so einer Situation muss man den Zeitpunkt richtig bestimmen, um von der Eindämmung zur Linderung einer solchen Epidemie umzuschalten. Man darf sich keine Illusionen machen, dass man ein Land für immer und ewig von so einer Infektion abhalten kann. Bei diesem Erreger gelingt es wahrscheinlich nicht. Früher oder später wird jedes Land hier in den nördlichen Breiten mit diesem Coronavirus konfrontiert sein. Trotzdem kann es am Anfang sinnvoll sein, auf Verzögerung zu spielen, um die Krankenhäuser vorzubereiten, die Frühwarnsysteme aufrecht aufzubauen und mehr über das Virus zu erfahren, um besser darauf reagieren zu können.

Das heißt, es wäre nicht wirklich sinnvoll, die Gesundheitskontrollen an den Grenzen zwischen einzelnen EU-Ländern zu errichten, um z.B. die Körpertemperatur der Reisenden zu messen, wie es schon an den Flughäfen gemacht worden ist?

Dazu gibt es verschiedene Modellrechnungen, die zeigen, dass solche Maßnahmen in der Regel nicht viel bringen. Gerade bei diesem Erreger ist die Wirksamkeit solcher Grenzkontrollen nicht besonders vielversprechend. Denn der große Teil der Infizierten hat anfangs überhaupt keine Beschwerden. Deswegen wären sie bei den Gesundheitskontrollen überhaupt nicht auffällig.

Italien ist ein beliebtes Reiseziel. Würden Sie in Anbetracht der aktuellen Situation erstmal davon abraten, einen Urlaub dort zu buchen? Oder muss man sich keine Gedanken machen, solange man nicht ausgerechnet die Regionen besucht, die vom Coronavirus betroffen sind?

Ich persönlich würde nicht davon abraten, denn ich gehe davon aus, dass wir auch in Frankreich, Deutschland und anderen Ländern entsprechende Regionen haben werden, in denen solche Ausbrüche passieren können. Insofern stellt sich sowieso nicht die Frage mehr, ob man dahin fährt oder nicht.

Nichtsdestotrotz wurde in Venedig der Karneval abgesagt und 11 Gemeinden unter Quarantäne gesetzt. Sind diese Maßnahmen etwas übertrieben oder doch gerechtfertigt?

Hinterher ist man immer schlauer, aber irgendwann wird der Zeitpunkt kommen, in dem diese Maßnahmen keinen Sinn mehr machen. Jetzt ist der Zeitpunkt vielleicht noch richtig, und so rigoros durchzugreifen, um die Zeit zu gewinnen. Aber das kann man nicht für jede neue Gemeinde oder jedes neue Land in Europa umsetzen, in dem das Virus auftritt.

Kann man sich auf Reisen effektiv von dem Coronavirus schützen?

Bei der Gelegenheit sollte man sich die allgemeinen Hygieneempfehlungen nochmal bewusst machen. Also Hände waschen, und, wenn man selber erkrankt ist, den Kontakt zu den anderen meiden. Alles was man für die Prävention der Influenza macht, sollte man auch hier machen.

Zum Beispiel ein paar Schutzmasken einpacken?

Die einfachen Masken sind gut, wenn man selber erkrankt ist und die anderen nicht anstecken will. Aber wenn man sich selber schützen will, sollte man diese aufwändigen FFP3-Masken haben und die muss man richtig anlegen und oft genug wechseln. Das ist sehr aufwändig. Und kommt eher für Leute in Frage, die ein besonders anfälliges Immunsystem haben. Darüber hinaus kann man sich nicht schützen. Es gibt keinen Impfstoff und keine prophylaktische Therapie.

Prof. Dr. Gérard Krause ist Leiter der Abteilung Epidemiologie am Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung in Braunschweig

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