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Wie geht man damit um, dass Opa ein Nazi war?

Suzanne Cords | Ulrike Bornhak
7. Juli 2026

Seit Millionen NSDAP-Mitgliedsausweise online zugänglich sind, haben viele Deutsche überraschende Entdeckungen gemacht: Die Vorfahren waren nicht immer so unschuldig, wie es in der Familie erzählt wurde.

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Hitler im Auto wird von einer jubelnden Menschenmenge begrüßt
Nach dem Krieg verdrängten viele Deutsche, dass sie einst Hitler bejubelt hattenBild: akg-images/picture-alliance

"Ich habe meinen Opa immer als einen Gewerkschaftslinken wahrgenommen, und er ist jetzt auch in der NSDAP-Datei aufgetaucht." Dabei war in der Familie immer erzählt worden, der Großvater väterlicherseits habe eine weiße Weste gehabt, so Hanno Dannenfeldt gegenüber der DW. 

Er ist einer von unzähligen Deutschen, die wissen wollten, ob ihre Familienmitglieder in der Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei (NSDAP) waren und sich nach der Veröffentlichung der NSDAP-Mitgliedsausweise auf das US-Nationalarchiv stürzten. Das sorgte allerdings für viel Frust: Zum einen ist es wegen der vielen Zugriffe oft nicht erreichbar, zum anderen ist die Benutzeroberfläche schwer zu bedienen. Um fündig zu werden, muss man sich erst mal durch viele Dokumente klicken.

Ein deutsches Tool vereinfacht die Suche

Deswegen hat die deutsche Wochenzeitung "Die Zeit" ein Tool entwickelt, das die Suche vereinfacht. Man gibt nur den Namen ein, eventuell noch das Geburtsjahr und den Geburtsort - und schon sieht man das Ergebnis. Auch für Menschen in Südamerika dürfte das interessant sein - sind doch viele Nazis nach dem II. Weltkrieg dort untergetaucht. Allerdings muss man ein Abo abschließen, um den Service nutzen zu können.

Nazi-Kartei mit dunklen Familiengeheimnissen

Findet man den gesuchten Namen, kann das schmerzhaft sein. Denn oft bedeutet es, die eigene Familie nach Jahrzehnten plötzlich in einem anderen Licht zu sehen. Einerseits sind da vielleicht die Erinnerungen an den liebevollen Opa, der für jeden Spaß zu haben war, andererseits liegt da jetzt Schwarz auf Weiß die Bestätigung vor: Genau dieser Opa war Mitglied der nationalsozialistischen Partei.

In kaum einer Familie wurde nach dem Krieg über die Verbrechen der Nazi-Zeit gesprochen, schon gar nicht über die eigene Rolle. Mehr als zwei Drittel der Deutschen glauben laut einer Studie, dass ihre Vorfahren keine NS-Täter waren, fast 36 Prozent verorten ihre Angehörigen unter den Opfern und über 30 Prozent meinen, dass ihre Vorfahren potenziellen NS-Opfern geholfen und zum Beispiel Juden versteckt haben.

Männer und Kinder in Nazi-Uniform stehen lachend neben Zivilisten zusammen
Alltag in Nazi-Deutschland: Widerstand gab es kaumBild: teutopress/picture alliance

Mit der Wirklichkeit hat das wenig zu tun. Aktiven Widerstand leisteten nur circa ein Prozent. 1945 war jeder fünfte erwachsene Deutsche einer von insgesamt 8,5 Millionen Parteigenossen und hat das Unrechtssystem damit zumindest auf dem Papier unterstützt. 

Keine Schuldeinsicht: "Das sind doch ehrenwerte Menschen"

Nach dem Krieg wurde das gern verdrängt. Deutschland lag am Boden, besetzt von Amerikanern, Briten, Franzosen und Russen.  Hitler hatte Suizid begangen und sich so jeder Justiz entzogen, die anderen Hauptkriegsverbrecher wurden bei den Nürnberger Prozessen angeklagt und verurteilt.  "Es herrscht immer diese Vorstellung: Okay, das sind jetzt die Täter.' Aber dadurch bleibt der Rest der Gesellschaft unberührt",  so die Kulturwissenschaftlerin Aleida Assmann zur DW.

Aleida Assmann vor rotem Hintergrund
Die Kulturwissenschaftlerin Aleida Assmann hat sich intensiv mit der Erinnerungskultur der Deutschen beschäftigtBild: Arnulf Hettrich/IMAGO

Das ändert sich, als auch Ärzte, Industrielle und Beamte vor Gericht kamen und sich für ihre Taten unter den Nazis rechtfertigen mussten. "Dann sagten die Leute: 'Aber jetzt sitzen ja quasi alle vor Gericht. Das kann doch nicht richtig sein. Das sind doch ehrenwerte Menschen'", erläutert Christian Staas, Leiter des Ressorts Geschichte bei der "Zeit". "Und die Deutschen begannen, sich gegen solche Verfahren zu wehren. Die meisten sahen sich als Opfer des Nationalsozialismus und nicht als diejenigen, die schuldig waren."  

Hermann Göring und Rudolf Hess mit Kopfhörern im Gericht, hinter ihnen Militärsoldaten
Reichsmarschall Hermann Göring, Hitlers engster Vertrauter, 1945 vor GerichtBild: imago images/ITAR-TASS

So behaupteten sie auch, nichts von den Massenmorden an den Juden gewusst zu haben. Im Rahmen der "Reeducation" (Umerziehung) mussten sich deshalb alle Deutschen auf Druck der Alliierten im Kino Dokumentarfilme über die befreiten Konzentrationslager ansehen; so wollte man der kollektiven Verdrängung eines ganzen Volkes entgegenwirken. 

"Persilscheine" für fast jedermann

Gleichzeitig begann der Prozess der sogenannten Entnazifizierung. Jeder Deutsche musste seitenlange Fragebögen mit persönlichen Daten, zu beruflicher Laufbahn und zur NSDAP-Mitgliedschaft beantworten. Wobei natürlich alle versuchten, sich möglichst harmlos zu geben. Selbst ein SS-Mann konnte entnazifiziert werden, wenn er nur glaubwürdig genug bekundete, dass er nicht hinter der Ideologie stand. Man habe sonst nicht weiter studieren können, hieß es dann zum Beispiel in der Rechtfertigung, aber ansonsten sei man gegen die Nazis gewesen.

Meldebögen der Spruchkammern zur Entnazifizierung
Alle Deutschen mussten Fragebögen zu ihrer Rolle in der Nazizeit ausfüllenBild: Arne Dedert/dpa/picture alliance

Im Volksmund nannte man die Entnazifierungsbescheide spöttisch "Persilscheine" - nach dem Waschmittel, das "besonders weiß wäscht". "Weiß ist die Farbe der Reinheit und Makellosigkeit und natürlich auch der Unschuld", so Aleida Assmann. Mit dem "Konzept Persil" habe man seine Schuld weggewaschen. 

Den westlichen Alliierten, allen voran den US-Amerikanern, war es wichtig, Deutschland wieder zu einem funktionierenden Staat zu machen, führt sie aus. "Sie wollten einen klaren Schnitt machen und einen Neuanfang schaffen. Die nationalsozialistische Gesellschaft musste in eine demokratische Gesellschaft umgewandelt werden, allerdings mit denselben Menschen: Wie lässt sich das bewerkstelligen? Durch Vergessen. Man sprach nicht mehr darüber." 

Konrad Adenauer, der erste Kanzler der jungen Bundesrepublik, sah das Ganze pragmatisch: "Man schüttet kein dreckiges Wasser aus, wenn man kein reines hat",  sagte er und rechtfertigte damit die Übernahme von ehemaligen Nazis in die neue Regierung. 

Erst die nächste Generation stellte Fragen

Nach dem Krieg waren die Deutschen mit dem Wiederaufbau des zerbombten Landes beschäftigt, in den 1950er-Jahren folgte das Wirtschaftswunder und neuer Wohlstand. Erst die nächste Generation begann, ihren Eltern unbequeme Fragen zu stellen. Geschichte schrieb der Moment, als die Aktivistin Beate Klarsfeld 1968 den damaligen Bundeskanzler Kurt Georg Kiesinger mit den Worten "Nazi, Nazi"  ohrfeigte. Er war einst hochrangiges Mitglied der NSDAP, Hitler stets treu zu Diensten und zuletzt Abteilungsleiter in der Reichsrundfunk-Abteilung.

Schwarz-Weiß-Foto; Beate Klarsfeld wird im Blitzlichtfeuer der Fotografen
Beate Klarsfeld im Gericht. Nach der Ohrfeige wurde sie zu einem Jahr Gefängnis verurteilt. Die Strafe wurde später zu vier Monaten auf Bewährung reduziertBild: Chris Hoffmann/dpa/picture alliance

Ein weiterer Meilenstein bei der Aufarbeitung war die Fernsehserie "Holocaust" aus den späten 1970er-Jahren", sagt "Zeit"-Redakteur Staas. Jeder konnte am Bildschirm das Schicksal der jüdischen Familie Weiß verfolgen. Die US-Serie löste eine lebhafte Debatte über die Schuld jedes einzelnen Deutschen aus - schließlich hatte miterlebt, wie die Juden deportiert wurden.

Szene aus der US-Serie-Holocaust: Männer und Frauen mit Judensternen stehen mit Koffern nebeneinem Zug
Die Serie "Holocaust" schlug ein wie eine Bombe: In ganz Deutschland hinterfragten Jugendliche die Rolle ihrer Eltern in der Nazi-Zeit - und bekamen kaum AntwortenBild: American Pictorial/Cinema Publishers Collection/imago

Immer wieder ging ein Aufschrei durch die Öffentlichkeit, wenn die Mitgliedschaften berühmter Persönlichkeiten in NS-Organisationen bekannt wurden: So auch, als ausgerechnet der Schriftsteller und Nobelpreisträger Günter Grass, der als moralisches Gewissen der BRD galt, sich 2006 als ehemaliges Mitglied der Waffen-SS outete, dem bewaffneten paramilitärischen Arm der nationalsozialistischen SS ("Schutzstaffel"). 

"Das löste einen riesigen Aufruhr und viele Diskussionen darüber aus, dass selbst diese beeindruckenden Persönlichkeiten, die unsere Demokratie unterstützt hatten, ihre Wurzeln tatsächlich im nationalsozialistischen Deutschland hatten. Doch jedes Mal stand nur ein einziger Name im Mittelpunkt der Diskussion", so Assmann. Das habe sich jetzt geändert,  jetzt könne man in den NSDAP-Karteien die Verstrickung einer ganzen Gesellschaft nachprüfen. 

Karteikarten zeigen Verstrickung - und lösen Abwehr aus 

Doch der Reflex zur Relativierung greift bis heute. Nach dem Motto: Es muss auch mal gut sein. Auch in Hanno Dannefeldts Familie: Sein Opa mütterlicherseits, das wusste man im Familienkreis, war Mitglied der Napola - einer Elite-Internatsschule, in der die Nazis den militärischen und politischen Führernachwuchs heranziehen wollten.

"Aber sobald es die eigene Familie betrifft, ist die Bereitschaft da stärker nachzubohren, nicht so richtig groß", sagt Dannefeldt. "Wenn man die Leute damit konfrontiert, kommt relativ schnell eine Rechtfertigungsrethorik hoch. Im Falle meines Opas: 'Der war halt so jung, der war vom Vater in die Napola reingesteckt worden. Hinterher war er aber ein guter Ehemann, guter Vater, guter Großvater'."

Hanno Dannefeldt im Screenshot aus einem DW-Film von Ulrike Bornhak
Hanno Dannefeldt setzt sich mit der Nazi-Vergangenheit seiner Familie auseinanderBild: Ulrike Bornhak/DW

Zu spät, um Zeitzeugen zu befragen

81 Jahre nach dem Untergang des Nazi-Regimes wird es schwer, die Motive der Vorfahren zu klären, in die NSDAP einzutreten, oder gar die Frage zu beantworten:  War jemand ein strammer Nazi oder nur Mitläufer? Ein wenig Aufschluss kann das Eintrittsdatum geben, sagt Christian Staas: "Wenn jemand vor 1933 (dem Jahr der Machtübernahme, Anm. d. Red.) der Partei beigetreten ist, lässt sich daraus schließen, dass diese Person von der Ideologie überzeugt war." 

"Mein Uropa war zum Beispiel einer der ersten, die 1933 da mit dabei waren. Und dann gab es andere, die erst 1942, 1943 in die Partei eingetreten sind", sagt Hanno Dannefeldt. "Man hat ja leider heute nur die Möglichkeit zu spekulieren: Vielleicht gab es ja einen Gruppenzwang. Oder wie im Fall vom anderen Urgroßvater, der war Viehhändler, ein Großgrundbesitzer, der hatte vielleicht geschäftliche Gründe, in die Partei einzutreten."

Drei  Jungen in Nazi-Uniform ca. 1942
Schon die Kleinsten sollten im Sinne der Nazi-Ideologie erzogen werdenBild: teutopress/picture alliance

Fakt ist allerdings: Niemand wurde zum Eintritt gezwungen oder ohne sein Wissen eingeschrieben - wie es in vielen Familien behauptet wurde. Hanno Dannefeldt bedauert, dass erst jetzt ans Licht kommt, wer einst Mitglied war. "Ich ärgere mich über all die Gespräche, die man hatte, die das Thema leicht berührt haben. Aber man hatte nichts, woran man sich festhalten konnte. Nicht so schwarz auf weiß, wie es jetzt mit diesen Ausweisen plötzlich da ist. Ich meine, es geht doch um eines der größten Menschheitsverbrechen."

Was lernen wir aus der Vergangenheit?

Inzwischen gilt Deutschland im Ausland als Weltmeister der Aufarbeitung. 100.000 Stolpersteine auf den Straßen erinnern an die Opfer des Nationalsozialismus. Im Herzen Berlins steht ein Holocaust-Denkmal, an den Schulen wird die Nazi-Zeit in den Fokus genommen.

Andererseits erstarkt auch in Deutschland der Rechtsextremismus, die rechtspopulistische Partei AfD gewinnt an Einfluss. Hanno Dannefeldt fragt sich, ob dann bald nicht ähnliche Mechanismen greifen wie in der Nazi-Zeit: "Manche denken vielleicht: 'Ich trete in die AFD ein und kann Karriere machen.' Zu wissen, dass die eigene Familie da irgendwie nicht besonders stark war, lässt einen darüber nachdenken, wie groß die Gefahr auch heute ist. " 

Die eigentliche Frage, so eine von der "Zeit" interviewte Frau, richte sich nicht mehr an die Vergangenheit, sondern an uns selbst: "Wie wir handeln, wenn sich politische Verhältnisse verändern - und ob wir dann den Mut haben, Konsequenzen zu ziehen, um unsere demokratischen Grundwerte zu schützen. "

Suzanne Cords Weltenbummlerin mit einem Herz für die Kultur
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