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PolitikUkraine

Wie Kiew Russlands Vorherrschaft auf See gebrochen hat

Veröffentlicht 17. Februar 2024Zuletzt aktualisiert 6. März 2024

Wieder einmal meldet Kiew die Zerstörung eines russischen Kriegsschiffes. An Land gerät die Ukraine zunehmend unter Druck, im Schwarzen Meer hatte sie Russlands Marine dagegen in die Defensive gedrängt.

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Russisches Patrouillenboot der Marine Sergei Kotov
Das russische Patrouillenboot "Sergej Kotow" soll von der ukrainsichen Armee zerstört worden seinBild: Sergei Malgavko/TASS/dpa/picture alliance

Die Ukraine hat eigenen Angaben zufolge ein Patrouillenboot der russischen Marine im Schwarzen Meer zerstört. Überwasserdrohnen vom Typ Magura V5 sollen das Schiff "Sergei Kotow" nahe der Straße von Kertsch getroffen und "nachhaltigen Schaden am Heck, an der Steuerbord- und Backbordseite" verursacht haben.      

Das russische Verteidigungsministerium äußerte sich bislang nicht zu dem Vorfall. Sollte er sich bewahrheiten, wäre es bei weitem nicht das erste Mal, dass Kiew auf dem Schwarzen Meer einen militärischen Erfolg vermelden kann. Erst im Februar hatte die ukrainische Armee erklärt, das russische Landungsschiff "Caesar Kunikow" vor der Küste der Krim versenkt zu haben.
Während die Fronten an Land seit über einem Jahr festgefahren sind - ohne nennenswerte Fortschritte für die eine oder die andere Seite -, hat die ukrainische Armee die Vorherrschaft der russischen Marine auf dem Schwarzen Meer brechen können.

Schritt für Schritt aus dem Würgegriff

Dabei hatte in den Anfangstagen des russischen Angriffskrieges nichts danach ausgesehen. Rein zahlenmäßig war die russische Schwarzmeerflotte der ukrainischen haushoch überlegen. Direkt nach Ausbruch des Krieges im Februar 2022 blockierte die russische Armee ukrainische Häfen und eroberte die strategisch wichtige Schlangeninsel vor der rumänischen Küste. Zudem verlegte sie zahlreiche Seeminen. Die Ukraine schien nach Süden hin vom Rest der Welt abgeschnitten.

Doch Schritt für Schritt konnte sich Kiew aus dem russischen Würgegriff auf See befreien. Bereits im April 2022 versenkte die ukrainische Armee die "Moskwa", das Flaggschiff der russischen Schwarzmeerflotte. Im Juni eroberte sie die Schlangeninsel zurück. Immer wieder griff sie russische Schiffe, Häfen, Nachschubwege an. Im Juli 2023 beschädigte sie die Krimbrücke schwer, die die annektierte Halbinsel mit dem russischen Festland verbindet. Im Oktober 2023 schließlich sah sich die russische Marine dazu gezwungen, den Großteil ihrer Flotte aus Sewastopol in den Ostteil des Schwarzen Meeres zurückzuziehen. Aber auch dort sind ihre Kriegsschiffe nicht immer sicher. Selbst im Hafen von Noworossijsk, über 300 Kilometer östlich von Sewastopol, gelang es der Ukraine, ein Landungsschiff schwer zu beschädigen.

Die ukrainischen Erfolge "zeigen, dass die Russen sich gegen die ukrainische Anti-Schiffs- und Drohnen-Artillerie nur unzureichend verteidigen können", analysierte Stephan Blank bereits im September 2023 im DW-Interview. "Mehr noch: Sie scheinen der Bedrohung, die die Ukraine für sie darstellt, nicht gewachsen zu sein", so der Eurasien-Analyst des Washingtoner Foreign Policy Research Institute.

Berechnungen des Zentrums für strategische und internationale Studien (CSIS) zufolge soll Russland seit Februar 2022 mittlerweile rund 40 Prozent seiner Marinetonnage im Schwarzen Meer verloren haben, schreibt der frühere US-Marineoberst und CSIS-Berater Mark Cancian in einem Gastbeitrag für die Fachzeitschrift "Foreign Affairs". Wie war das möglich?

"Kreativer" Einsatz von Drohnen und Raketen

Erreicht hat die Ukraine diese Erfolge durch eine ungewöhnliche Kombination verschiedener Waffen, so Cancian. Zum einen setzte sie auf - teils selbst produzierte, teils von westlichen Verbündeten gelieferte - Anti-Schiffs-Raketen mit einer Reichweite von bis zu 200 Kilometern. Diese waren eigentlich für den Abschuss vom Meer aus konzipiert. Die ukrainische Armee modifizierte sie jedoch so, dass sie aus geschützten Stellungen von Land aus abgefeuert werden können, was sie weniger anfällig für Gegenschläge macht.

Eine andere Art von Langstreckenraketen, die von westlichen Staaten geliefert wurden, sei eigentlich für den Angriff statischer Ziele an Land gedacht und nicht für den Beschuss mobiler Ziele auf See. Die Ukraine nutzte sie aber effektiv, um nicht nur Hafenanlagen, Logistikzentren und Nachschubdepots auf der Krim ins Visier zu nehmen, sondern auch Kriegsschiffe, die in russischen Häfen vor Anker lagen.

Krim | Satellitenaufnahme des Hafens Feodosiya nach Angriff auf russisches Landungsschiff
Satellitenbild nach einem ukrainischen Angriff auf ein russisches Landungsschiff im Hafen von Feodosija auf der Halbinsel Krim, Dezember 2023Bild: 2023 Maxar Technologies/AP/picture alliance

Und dann setzt Kiew noch auf Marinedrohnen - unbemannte, mit Sprengstoff ausgerüstete Kleinboote, die von Verteidigern nur schwer auszumachen sind. Diese Drohnen sollen eine Reichweite von 800 Kilometern besitzen. Sie werden aus der Ferne per Videokamera gesteuert, sind sehr flexibel einsetzbar, können eventuellen Gegenmaßnahmen ausweichen und auch extrem kurzfristig ihr Angriffsziel wechseln, falls das ursprüngliche nicht mehr erreichbar sein sollte. Die Ukraine stellt diese Marinedrohnen vom Typ Magura V5 größtenteils selbst her, hat sie im Laufe des Krieges stetig weiterentwickelt und mittlerweile zur Serienreife gebracht. Meist werden die Drohnen in Schwärmen ausgesandt, was eine Abwehr noch schwieriger macht. 

Mit dieser ungewöhnlich eingesetzten Kombination verschiedener Waffengattungen haben die ukrainischen Streitkräfte neben der "Moskwa" bereits mindestens zwei russische Fregatten, fünf Panzerlandungsschiffe und ein U-Boot zerstört oder schwer beschädigt, so Cancian.

Wichtige strategische Vorteile für die Ukraine

Die erstaunlichen Erfolge der ukrainischen Armee haben in vielerlei Hinsicht für eine spürbare Entlastung gesorgt. Insbesondere zu Beginn des Krieges drohten russische Landemanöver in der Region Odessa - heute kann die Ukraine russische Schiffe weitestgehend aus dem Westteil des Schwarzen Meeres heraushalten. "Das macht es auch für Russland schwerer, die logistischen Kapazitäten für ihre Streitkräfte in der Südukraine aufrechtzuerhalten", analysierte Eurasien-Experte Stephan Blank gegenüber der DW. Die ukrainische Armee wiederum konnte viele Soldaten, die ursprünglich zum Schutz der ukrainischen Südküste abgestellt waren, zur Verstärkung der Front im Osten abziehen.

Große Auswirkungen haben die Entwicklungen auch auf die ukrainischen Getreideexporte. Nur unter großen Mühen hatte die UNO im Juli 2022 ein Getreideabkommen vermitteln können, dass die russische Seeblockade aufhob und in begrenztem Umfang ukrainische Exporte aus den Häfen rund um Odessa über das Schwarze Meer ermöglichte. Doch nach nur zwölf Monaten zog Russland sich aus dem Abkommen zurück und drohte mit Angriffen auf Handelsschiffe, falls diese trotzdem weiter die Ukraine ansteuern sollten.

Türkei I Getreidefrachter  auf Durchfahrt durch Bosporus
Unbehelligt bis in den Bosporus: Der Getreidefrachter "Asl Tia" exportiert Sonnenblumenöl aus dem Hafen von Odessa für den Weltmarkt (November 2023)Bild: Chris McGrath/Getty Images

Diese Attacken hat es jedoch nie gegeben. Die Ukraine hatte zwar in der Zwischenzeit einige Lebensmittelexporte auf die Schiene verlagert, sie nahm aber auch die Ausfuhren über das Schwarze Meer in Richtung der Häfen von Constanta und Istanbul wieder auf - seit Dezember 2023 erreichen diese Exporte sogar ein größeres Volumen als noch zu Zeiten des UN-Getreidedeals.

Westliche Militärhilfe bleibt essenziell

Die Verschiebung der militärischen Gewichte im Schwarzen Meer allein wird die Ukraine nicht zu einem militärischen Sieg führen. Dafür ist die Situation an der Kriegsfront an Land zu festgefahren. Aber, so analysiert CSIS-Berater Mark Cancian, sie sorgt dafür, dass die Ukraine aus einer gewissen Position der Stärke heraus agieren könnte, falls es irgendwann doch einmal zu Friedensverhandlungen mit Russland kommen sollte. Bis dahin aber bleibe die Ukraine weiter auf Aufklärung westlicher Partner angewiesen sowie auf Waffenlieferungen, vor allem Raketen und Artilleriemunition. Nur so könne sie die russische Schwarzmeerflotte in Schach halten. Andernfalls könnten die bemerkenswerten Erfolge der ukrainischen Armee auf See schnell wieder zunichte gemacht werden.

Thomas Latschan Bonn 9558
Thomas Latschan Erfahrener Autor und Redakteur für Themen internationaler Politik