Wie das Kulturgutschutzgesetz den illegalen Raubkunst-Handel eindämmen soll | Kunst | DW | 21.09.2016
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Kunst

Wie das Kulturgutschutzgesetz den illegalen Raubkunst-Handel eindämmen soll

Das neue Kulturgutschutzgesetz bekämpfe wirkungsvoll den Handel mit Raubkunst, glaubt der Berliner Museumsdirektor und Archäologe Markus Hilgert. Im Ausland werde es euphorisch begrüßt, sagt er im DW-Interview.

DW: Die im August beschlossene Neuregelung des Kulturgutschutzes für den deutschen Kunstmarkt war ja ziemlich umstritten. Weniger Beachtung hat jener Teil des Gesetzes gefunden, der sich mit dem illegalen Handel archäologischer Kulturgüter etwa aus den Krisengebieten des Mittleren Ostens beschäftigte. Darüber haben Sie jetzt gemeinsam mit der Kulturstaatsministerin Monika Grütters internationale Experten bei einer Veranstaltung informiert. Kann man heute schon abschätzen, wie wirkungsvoll dieser Gesetzesteil ist?

Hilgert: Wir haben zum ersten Mal einen wirkungsvollen rechtlichen Rahmen, um gegen den illegalen Handel mit archäologischen Gütern vorzugehen. Denn erstmals implementieren wir wirkungsvoll die entsprechende UNESCO-Konvention aus dem Jahre 1970. Und hinzu kommt die Einführung erhöhter Sorgfaltspflichten. Zum Beispiel bestehen wir jetzt auf der Vorlage einer Ausfuhrgenehmigung aus dem Ursprungsland und verpflichten die Anbieter in Deutschland zur Provenienzforschung. Entscheidend ist jetzt allerdings, wie das Gesetz umgesetzt wird. Wie die deutschen Behörden in die Lage versetzt werden, die Einhaltung der Sorgfaltspflichten zu prüfen.

Erstellung digitaler Kulturgüterregister in Syrien (Foto: Syrian Heritage Archive)

Fachleute erstellen ein digitales Kulturgüterregister in Syrien

Was wissen Sie denn über die Umsetzung?

Mir ist bekannt, dass jetzt schon der Zoll intensiver prüft. Insgesamt weiß ich, dass auch der Handel und die Sammler die Rechtslage intensiv verfolgen und überlegen, wie sie die gesetzlichen Bestimmungen angemessen umsetzen können.

Sie haben viel Kontakt zu ausländischen Experten, auch jetzt hier bei der Veranstaltung in Berlin. Wie ist deren Reaktion auf das Kulturgutschutzgesetz?

Die ausländischen Partner sind sehr erfreut und geradezu euphorisch. Zum einen, weil Deutschland als bedeutender Marktstaat für archäologische Kulturgüter gilt...

...auch für illegal gehandelte Kulturgüter.

Auch das. Man konnte in Deutschland immer wieder archäologische Kulturgüter erwerben, die über keine entsprechenden Ausfuhrpapiere verfügten. Das ist im Ausland wahrgenommen worden, wie auch, dass 2007 bei der Novellierung des Kulturgutschutzgesetztes die entsprechende UNESCO-Konvention nicht effektiv genug implementiert wurde. Deswegen ist das jetzige Gesetz gerade in der Außenwirkung ein so wichtiger Schritt. Ich glaube, dass uns die unsägliche Diskussion über das Gesetz hier in Deutschland hat vergessen lassen, wie groß die politische Außenwirkung im Ausland ist und wie sehr viele Staaten uns um diese innovative Gesetzgebung beneiden.

Schon vor dem neuen Gesetz galt: Unrechtmäßig nach Deutschland importierte Kulturgüter müssen zurückgegeben werden. Doch jetzt müssen im Vorfeld die von Ihnen erwähnten Genehmigungen des Herkunftsstaates vorliegen. Ist das bei Krisenländern wie Syrien oder Irak überhaupt realistisch?

Das antike Theater im syrischen Palmyra. (Foto: Getty Images/AFP/M. Al)

Auch Raubkunst aus der syrischen Antikenstadt Palmyra gelangte auf den Kunstmarkt

Die meisten Länder dieser Erde sehen ja gar keine Ausfuhr von archäologischem Kulturgut vor. Das gilt auch für Irak und Syrien. Wir haben in beiden Ländern ein Ausfuhrverbot für archäologische Kulturgüter. Das gilt aber auch für lateinamerikanische Staaten oder die Cook-Inseln. Insofern ist das, was an neuen legalen Angeboten aus diesen Ländern zu erwarten ist, sehr gering. Die archäologischen Kulturgüter sind ein weitgehend abgeschlossenes Sammelgebiet. Was in seiner Herkunft geklärt ist und bereits auf dem Markt ist, kann gehandelt werden. Neue archäologische Kulturgüter können tatsächlich nur hinzukommen, wenn sie aus dem jeweiligen Ursprungsland legal ausgeführt werden. Und das ist bei den meisten Mitgliedsländern der UNESCO gar nicht der Fall.

Ist also im Grunde vieles von dem, was kontrovers diskutiert wird, eine Geisterdiskussion?

Ja, es ist vielfach eine Geisterdiskussion. Wenn wir auf die Länder schauen, über die wir in der Regel sprechen, wie Irak, Syrien, Italien, Griechenland, Kolumbien oder Myanmar, dann sind das Länder, die die legale Ausfuhr von kulturellen Gütern gar nicht vorsehen. Das heißt, es gibt keine legale Ausfuhr von archäologischen Gütern und insofern kann es auch keine Ausfuhrpapiere geben. Doch wenn sich eine Regierung entschließt, die Ausfuhr solcher kulturellen Güter doch zu gestatten, dann ist entscheidend, dass entsprechende Ausfuhrpapiere des Ursprungslandes vorliegen. Erst dann können sie legal in Deutschland eingeführt werden.

Porträt der deutschen Kulturstaatsministerin Monika Grütters (Foto: Sören Stache/dpa)

Kulturstaatsministerin Monika Grütters hat das Kulturgutschutzgesetz auf den Weg gebracht

Kommen wir zum so genannten Islamischen Staat (IS), der seine Kriegskasse auch mit dem Handel von Raubkunst füllt. Anfang des Jahres ging man von ungefähr 2400 Grabungsstätten aus, die der IS kontrolliert und ausplündert. Inzwischen ist der IS fast überall auf dem Rückzug. Was bedeutet das für den illegalen Kunsthandel?

Das ist aus zwei Gründen sehr schwer einzuschätzen: Zum einen wissen wir nicht immer genau, welche kulturellen Stätten in einem Land liegen. Nicht alles ist in Ländern wie Syrien und Irak hinreichend erforscht. Insofern sind das nur grobe Schätzungen. Und selbst dort, wo der IS politisch nicht mehr die Oberhand hat, können wir nicht von einer friedlichen Situation sprechen, in der Kulturgüter geschützt sind. Insgesamt ist die Fokussierung auf den IS nicht sehr produktiv, wenn man das Problem in den Griff bekommen will. Wir beobachten beispielsweise im Irak schon länger die Plünderung von archäologischen Stätten. Die haben gar nichts mit dem IS oder anderen islamistischen Gruppierungen zu tun.

Professor Markus Hilgert ist Direktor des Vorderasiatischen Museums in Berlin und ein Experte für archäologische Kulturgüter. Das Interview führte Gero Schließ.

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