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Fachkräftemangel: Wie Bürokratie Deutschland ausbremst

Veröffentlicht 2. Februar 2026Zuletzt aktualisiert 3. Februar 2026

Deutschland benötigt Hunderttausende von Fachkräften, aber Bürokratie und politische Hürden verlangsamen den Zuzug aus dem Ausland.

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Pflegekraft steht an einem technischen Gerät im Zimmer eines Krankenhauses
Dringend gesucht in Deutschland: Fachkräfte aus dem Ausland (Symbolbild)Bild: Oliver Dietze/dpa/picture alliance

In einem Klassenzimmer in der südindischen Metropole Chennai lernen rund 20 Krankenpflegerinnen und -pfleger in rasantem Tempo Deutsch. In nur sechs Monaten müssen sie die Sprache so gut beherrschen, dass sie in Deutschland arbeiten können. Eine von ihnen ist Ramalakshi. Ihre Familie hat trotz Geldnöten umgerechnet mehrere tausend Euro aufgebracht, um ihre Ausbildung zur Krankenpflegerin zu finanzieren, erzählt sie im DW-Gespräch.

In Indien ist Krankenpflege ein dreijähriges Studium, in Deutschland ein Ausbildungsberuf. Seitdem Ramalakshmi berufstätig ist, möchte sie ihrer Familie etwas zurückgeben. "Mein Ziel ist es, im Ausland zu arbeiten", sagt sie. "Ich möchte meine Familie finanziell absichern und mein eigenes Haus bauen."

Die Regierung des Bundesstaates Tamil Nadu, dessen Hauptstadt Chennai ist, finanziert den Sprachkurs für die Krankenpflegerinnen, um die lokale Arbeitslosigkeit zu bekämpfen und benachteiligten Familien eine Chance geben, von der weltweiten Nachfrage nach Pflegekräften zu profitieren. Private Agenturen vermitteln die indischen Krankenschwestern dann an potenzielle Arbeitgeber in Deutschland.

Arbeitskräfte gesucht

Deutschland braucht dringend Fachkräfte. Die sogenannte Babyboomer-Generation geht in den nächsten Jahren in Rente und scheidet aus dem Erwerbsleben aus. Gleichzeitg werden zu wenige Kinder geboren.

In Krankenhäusern fehlen Pflegekräfte, in Schulen Lehrer und in der IT-Branche Entwickler. Nach Schätzungen des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) in Nürnberg müsste Deutschland jedes Jahr 300.000 Fachkräfte anwerben, um den Status quo zu erhalten. Ohne diese neuen Fachkräfte müssten die Deutschen mehr arbeiten, später in Rente gehen - oder mit weniger Wohlstand auskommen, sagt IAB-Forscher Michael Oberfichter der DW.

Kein "Wirtschaftswunder" ohne "Gastarbeiter"

Nach dem Zweiten Weltkrieg (1939-45) erlebte Deutschland einen Wirtschaftsboom, der bis heute als "Wirtschaftswunder" bezeichnet wird. In den 1950er, 1960er und frühen 1970er Jahren wuchs die Wirtschaft so stark, dass die junge Demokratie Arbeitskräfte aus dem Ausland benötigte, um mit der Nachfrage Schritt zu halten.

Deutschland unterzeichnete offizielle Abkommen mit Ländern wie Italien, Griechenland, der Türkei und anderen, um einen stetigen Zustrom von Arbeitskräften zu sichern.

BRD Köln 1964 | Der millionste Gastarbeiter Armado Rodrigues aus Portugal mit seinem Moped-Geschenk
Das Archivbild von 1964 zeigt den millionsten Gastarbeiter der Bundesrepublik, Armado Rodrigues, aus dem Dorf Vale de Madeiros in Portugal - neben dem Moped, das er bei seiner Ankunft am Bahnhof Köln-Deutz geschenkt bekamBild: Horst Ossinger/dpa/picture alliance

Bis 1973, als diese Politik auslief, kamen so 14 Millionen Menschen zum Arbeiten nach Deutschland. Sie wurden "Gastarbeiter", weil man davon ausging, dass sie nach einigen Jahren wieder in ihre Heimat zurückkehren würden. Doch viele blieben und bauten sich in Deutschland ein neues Leben auf.

Bürokratische Hindernisse

Heute hat Deutschland wieder einen Bedarf an ausländischen Fachkräften. Doch Migranten sehen sich mit vielen Hürden konfrontiert, wenn sie hier arbeiten wollen.

Zahra, die aus dem Iran stammt, durfte nach ihrem Universitätsabschluss in Deutschland zunächst überhaupt nicht arbeiten. "Es dauerte fast ein Jahr, bis ich einen Termin bekam, um mein Studentenvisum in ein Arbeitsvisum umzuwandeln", erzählt sie der DW.

Zahra möchte ihren vollen Namen nicht veröffentlicht sehen, weil sie Ärger mit den Behörden befürchtet. Sie spricht fließend Deutsch, lehrt an Universitäten und arbeitet in der Forschung. Doch auch nach vielen Jahren ist ihre Arbeitserlaubnis noch immer befristet. Jedes Mal, wenn sie den Job wechseln oder einen bestehenden Vertrag verändern möchte, muss sie mit den Behörden Kontakt aufnehmen.

"Manchmal denke ich: Will ich hier wirklich leben?", sagt sie. Einige ihrer Freunde seien nach Kanada gegangen und hätten inzwischen die kanadische Staatsbürgerschaft. "Ich dagegen muss das auch nach sechseinhalb Jahren in Deutschland immer noch durchmachen."

Arbeitslose und offene Stellen - wie kann das sein?

Björn Maibaum ist Rechtsanwalt in Köln und spezialisiert auf Einwanderungsrecht. Zahras Erfahrung sei für Ausländer nichts Ungewöhnliches. "Leider ist das in ganz Deutschland so", so Maibaum zur DW. Maibaums Kanzlei bearbeitet jedes Jahr rund 2000 solcher Fälle und versucht, die Einwanderungsverfahren zu beschleunigen. Zu seinen Mandanten zählen "Ärzte, Krankenschwestern, Ingenieure, Lkw-Fahrer", sagt er.

Das Hauptproblem sieht der Anwalt in der Überlastung der Einwanderungsbehörden. Bearbeitungszeiten von vielen Monaten oder sogar einem Jahr seien keine Seltenheit.

Für die Antragssteller sei das "einfach frustrierend", sagt Maibaum. "Das ist nicht die Botschaft, die wir der Welt vermitteln sollten. Schließlich befinden wir uns als Land in einem Wettbewerb (um Arbeitskräfte)."

Fachkräfte und Flüchtlinge

Nach den neuesten Zahlen des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge gibt es in Deutschland derzeit rund 160.000 Ausländer mit einer Aufenthaltserlaubnis als Fachkraft. Doch die Ausländerämter sind auch für die Bearbeitung der Asylanträge von Millionen von Flüchtlingen zuständig, die in den letzten Jahren aufgrund von Konflikten und Kriegen nach Deutschland gekommen sind, etwa aus Syrien oder der Ukraine. Mangelnde Digitalisierung in deutschen Behörden verlangsamen die Verfahren noch zusätzlich.

Die Zahl der Flüchtlinge ist seit 2015 stark gestiegen, doch der Regierung ist es nicht gelungen, die meisten in Arbeit zu bringen. In der Folge wuchs die Unzufriedenheit in der Bevölkerung mit der deutschen Einwanderungspolitik. Die in Teilen als rechtsextrem eingestufte Partei Alternative für Deutschland (AfD) erhielt immer mehr Zuspruch und ist inzwischen die zweitstärkste Fraktion im Deutschen Bundestag und auch in fast allen Länderparlamenten vertreten.

Von Tamil Nadu nach Rheinland-Pfalz

Die Krankenpflegerin Kayalvly Rajavil macht ihre Runde und schaut nach den Patienten in der BDH-Klinik in Vallendar, einer Kleinstadt in der Nähe von Koblenz im westdeutschen Bundesland Rheinland-Pfalz. Die Klinik ist auf neurobiologische Rehabilitation spezialisiert und hilft Patienten, sich von einem Schlaganfall oder einem Unfall zu erholen.

Deutschland Vallendar | Kayalvly Rajavil, Krankenschwester der BDH-Klinik
Kayalvly Rajavil sagt, sie fühle sich wohl in Vallendar und von den Kollegen respektiertBild: Andreas Becker/Nicolas Martin

Rajavil stammt aus dem südindischen Tamil Nadu und ist erst seit wenigen Monaten in Deutschland. Vor allem die deutsche Sprache habe ihr anfangs Schwierigkeiten gemacht, sagt sie der DW. "Aber mein Chef und meine Kollegen haben mir und den anderen sehr geholfen. Sie respektieren uns."

Rajavil ist eine von rund 40 Krankenschwestern aus Indien und Sri Lanka, die die BDH-Klinik in den letzten Jahren eingestellt hat - die meisten von ihnen über Personalvermittlungsagenturen, die für eine erfolgreiche Vermittlung zwischen 7000 und 12.000 Euro berechnen. Das Verfahren braucht Zeit, zwischen Erstkontakt und Arbeitsbeginn vergehen bis zu neun Monate.

Fremdenfeindlichkeit gibt Anlass zur Sorge

Für Inder, die in Deutschland arbeiten wollen, seien Ausländerfeindlichkeit und Rassismus durchaus ein Thema, sagt Jörg Biebrach, Pflegedienstleiter der BDH-Klinik in Vallendar. "Das hat man auch in Indien mitgekriegt. Wir werden zunehmend zu politischen Entwicklungen befragt, und auch zu den verschiedenen Parteien", sagt er der DW.

Deutschland Vallendar | Jörg Biebrach, Pflegeleiter der BDH-Klinik
Jörg Biebrach, Pflegedienstleiter der BDH-Klinik in VallendarBild: Andreas Becker/Nicolas Martin

Es gibt viele Gründe, warum neue Mitarbeiter nach Ablauf ihres üblichen Zweijahresvertrags nicht verlängern wollen, dazu gehören Heimweh, familiäre Probleme und Schwierigkeiten bei der Integration. Für Arbeitgeber sei es daher sehr wichtig, ausländischen Mitarbeitern das Gefühl zu geben, dass sie hier auch willkommen sind, so Biebrach.

Um im globalen Wettbewerb um ausgebildete Pflegekräfte aus Indien mithalten zu können, bietet die BDH-Klinik nun ein Programm für junge Menschen aus Indien und Sri Lanka an, die gerade erst die Schule in ihrer Heimat beendet haben. Die Krankenpflege-Ausbildung absolvieren sie komplett in Deutschland.

Der Vorteil: Integration und der Berufseinstieg werden beschleunigt. Und weil die Ausbildung in Deutschland erfolgte, entfällt die Anerkennung ausländischer Qualifikationen - ein kompliziertes Verfahren, das durch unterschiedliche Regelungen in den 16 Bundesländern noch zusätzlich erschwert wird.

Damit Deutschland für junge Talente aus dem Ausland attraktiver wird, so Biebrach, müssten die Behörden schneller werden und die Regulierungen einheitlich. "Alle sagen, wir brauchen Fachkräfte. Aber wir sind noch weit entfernt von einer Willkommenskultur, in der alles reibungslos funktioniert."

 

Mehr davon? Diese und weitere Geschichten gibt es in der neuen englischsprachigen Podcast-Reihe der DW:

Delayland: Germany and the Missing Magic .


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Delayland Podcast Teaser
Andreas Becker
Andreas Becker Wirtschaftsredakteur mit Blick auf Welthandel, Geldpolitik, Globalisierung und Verteilungsfragen.
Nicolas Martin
Nicolas Martin Redakteur mit Blick auf Weltwirtschaft, Globalisierung und Organisierte Kriminalität.
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