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Wie Ausländerhass Südafrikas Wirtschaft belastet

Martina Schwikowski
24. Juni 2026

Gewalt gegen Ausländer erschüttert Südafrika: Jetzt fordern Bürgerwehren und rechtspopulistische Kräfte, dass Migranten bis zum 30. Juni ausreisen. Das wäre auch für die Wirtschaft fatal, warnen Experten.

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Südafrika Benoni 2026 | Protest für Abschiebung illegaler Einwanderer, die südafrikanische Flagge im Vordergrund
Gewaltsame Proteste gegen Migranten in Südafrika nehmen zu - Bürgerwehren fordern ihre Abschiebung bis Ende JuniBild: Ihsaan Haffejee/REUTERS

In Südafrika flammt der Hass auf Ausländer seit Jahrzehnten immer wieder auf. Der Unmut wütender Demonstranten gegen irreguläre Migration entlädt sich in jüngster Zeit in vielen Städten des Landes in großer Gewalt, geschürt durch rechte Bewegungen und Bürgerwehrgruppen. Sie fordern: Undokumentierte Migranten sollen Südafrika bis zum 30. Juni verlassen. Die Angst vor noch mehr Gewalt wächst von Tag zu Tag.

Jo Vearey ist Mitdirektorin des African Centre for Migration & Society an der Witwatersrand-Universität in Johannesburg. Sie sieht einen direkten Zusammenhang zwischen den radikalen Protestgruppen und den rechtspopulistische Parteien wie ActionSA, die sie angeblich finanzieren. 

Südafrika | Operation Dudula | Bürgerwehren gegen Ausländer in Soweto
Bürgerwehren wie die "Operation Dudula" hetzen gegen Ausländer in Johannesburg und nehmen das Recht in ihre Hand - oft kommt es zu GewaltBild: Mohamed Shiraaz/dpa/picture alliance

Politische Manipulation fördert Ausländerhass

Dazu zählen die Gruppen "March and March" und "Operation Dudula". Laut Vearey ist neben ActionSA auch die Partei des ehemaligen Präsidenten Jacob Zuma, die MK-Partei, mit ihnen vernetzt. "Sie machen ausländische Mitbürger für die Mängel bei der sozialen Versorgung im Land verantwortlich. Es geht letztlich darum, politische Unterstützung und Stimmen bei den Wahlen zu gewinnen", sagt Vearey der DW.

Im November 2026 finden Kommunalwahlen in Südafrika statt und die fremdenfeindlichen Ausschreitungen zeigen die angespannte innenpolitische Lage. "Was wir derzeit erleben, ist eine Regierungskrise in Südafrika, in der Ausländer zum Sündenbock gemacht und für das Versagen des Staates bei der Erfüllung seiner Pflichten und Versprechen verantwortlich gemacht werden", kritisiert die Professorin mit Blick auf eine extrem ungleiche Gesellschaft mit hoher Arbeitslosigkeit.

Südafrika Pietermaritzburg 2026 | Vertriebene Malawier besteigen Bus nach fremdenfeindlichen Drohungen
Vertriebene Malawier drängen in einen Bus in Pietermaritzburg. Sie wollen aus Angst vor ausländerfeindlichen Ausschreitungen in ihre Heimat zurückkehren.Bild: Rajesh Jantilal/AFP

Doch die Konsequenzen von Abwanderung und drohenden Abschiebungen wären für Südafrika weitreichend: Denn Ausländer schaffen auch Jobs für Einheimische und besitzen Firmen, darunter zahlreiche Großkonzerne.

Ein Beispiel ist der simbabwische Telekommunikationsunternehmer Strive Masiyiwa. Mit seinem Unternehmen Cassava Technologies hat er sich mit Nvidia, einem der weltweit führenden Technologieunternehmen, zusammengeschlossen, um Afrikas erste KI-Fabrik zu realisieren - in Kapstadt ist eine Fabrik bereits in Betrieb, eine weitere in Johannesburg im Bau.

Oder: Angolas staatliche Ölgesellschaft Sonangol ist im Handel und in der Logistik vor Ort, da Angola ein wichtiger Rohöllieferant für Südafrika ist. Auch das Nachbarland Mosambik ist mit der Matola Gas Company, einem führenden Erdgasverteiler und -vermarkter, präsent, der die grenzüberschreitende Energieversorgung und Logistik in das Industriezentrum Südafrikas koordiniert. Nigerias Ölproduzent Dangote Group hat mit Dangote Cement eine Niederlassung in Südafrika gegründet, um seine Produktionskapazitäten und seine regionale Lieferpräsenz auf dem gesamten Kontinent auszubauen.

Migranten schaffen Arbeitsplätze für Südafrikaner

Davon profitieren viele südafrikanische Arbeitnehmer, aber auch durch kleinere Geschäfte, die sich im größten Industrieland Afrikas niedergelassen haben. Das panafrikanische Forschungsnetzwerk Afrobarometer gab im Jahr 2025 an, dass rund sieben von zehn Südafrikanern (69 Prozent) die wirtschaftlichen Auswirkungen von Einwanderern als negativ wahrnahmen, obwohl jeder Einwanderer etwa zwei Arbeitsplätze für Bürger schaffe. 

"Selbst wenn alle Ausländer aus dem Land ausgewiesen würden - sie machen ja nur etwa vier Prozent der Gesamtbevölkerung (65 Millionen) Südafrikas aus -, würde dies nicht plötzlich zur Schaffung von Arbeitsplätzen führen oder diese größeren strukturellen Probleme lösen, für die die südafrikanische Regierung verantwortlich ist", sagt Vearey. 

Die derzeitigen gewalttätigen Proteste haben laut Vearey eine Reihe von sozioökonomischen Auswirkungen, nicht nur in Südafrika, sondern auch in der gesamten Region. "Die erzwungene Schließung von Unternehmen in ausländischem Besitz bedeutet, dass Südafrikaner ihre Arbeitsplätze verlieren. Zudem entfallen die Einnahmen dieser Unternehmen, einschließlich der Steuerbeiträge." 

Für ausländische Händler ist es laut Vearey auch wichtig, nach Johannesburg zu reisen, um Textilstoffe für den Verkauf in ihrem Heimatland erwerben - dies bringt sehr hohe Einnahmen in der südafrikanischen Textilindustrie und Steuereinkünfte. Ein Wegfall würde auch ihre Möglichkeiten beeinträchtigen, Geld in ihre Heimat zu überweisen, warnt sie. "Das wiederum hat negative Folgen für die Herkunftsgemeinden und schafft weitere Motive für Migration."

Nigeria Lagos 2026 | Mann reagiert emotional nach Rückkehr aus Südafrika
Ankunft in Lagos: Ein Nigerianer reagiert emotional, als er in seiner Heimat ankommt. Nigeria hat von Gewalt bedrohte Bürger aus Südafrika zurückgeholt.Bild: Sodiq Adelakun/REUTERS

In den sozialen Medien rufen einige Gruppen von Demonstranten dazu auf, die oft besser ausgebildeten ausländischen Mitarbeiter wieder zurückzuholen, damit die Produktion in den Betrieben weiterläuft und sie ihre Arbeit nicht verlieren.

Auch die vier großen Gewerkschaften, darunter der Congress of South African Trade Unions (COSATU), der rund zwei Millionen Menschen vertritt, riefen vor wenigen Tagen zur Deeskalation auf. Sie warnten ihre Arbeitnehmer vor einer Teilnahme an Protestaktionen am 30. Juni, um ihre Beschäftigung nicht zu gefährden. Einige Bürgerwehrgruppen hatten für diesen Stichtag zu einem landesweiten Streik aufgerufen.

Die Gewerkschaften wiederholten den Aufruf von Präsident Cyril Ramaphosa, Migranten nicht als Sündenböcke für Südafrikas wirtschaftliche und soziale Probleme zu machen: "Ausländische Staatsangehörige von Arbeitsplätzen, Gemeinden oder öffentlichen Räumen zu entfernen, wird keine Fabriken wiedereröffnen, keine Gemeinden reparieren, auch nicht die öffentliche Gesundheitsversorgung stärken oder nachhaltige Arbeitsplätze schaffen", heißt es in ihrer Erklärung.

Die Gewerkschaften warnten auch vor einer Wiederholung der brutalen Ereignisse einer massiven Welle von Ausländerhass, die im Jahr 2008 mehr als 62 Menschen das Leben kostete.

"Je näher der 30. Juni rückt, desto mehr haben Ausländer - insbesondere afrikanische Unternehmer und auch einige asiatische - Angst, unabhängig von ihrem Aufenthaltsstatus", sagt Aimee Noel Mbiyozo, Mitarbeiterin im Institute for Security Studies (ISS) in Pretoria. "Die in ausländischem Besitz befindlichen Unternehmen sowie Kleinunternehmer wie die Betreiber von „Spaza-Shops" (Kiosk-Läden) sind stark verunsichert. Die größeren Unternehmen in ausländischem Besitz befürchten wirtschaftliche Auswirkungen", sagt sie zur DW.

"March and March" gebe zwar an, ausschließlich Migranten ins Visier zu nehmen, die sich illegal im Land aufhalten. Doch Berichten zufolge wird Gewalt wahllos ausgeübt, so schreibt die Migrations-Expertin Mbiyozo in ihrem Artikel zu Migration auf der ISS-Website. "Die größeren Unternehmen beobachten wohl die Situation, und sie entwickelt sich nicht zum Vorteil Südafrikas", betont sie gegenüber der DW. Südafrika drohe ein Image- und Investitionsverlust.

Jobverluste und schwere wirtschaftliche Folgen

Dabei gehe von einer ausländischen Schmugglerbande, die illegale Waren transportiere, doch eine ganz andere Bedrohung für die Gesellschaft aus als von einem Menschen aus Simbabwe, der ein Jahrzehnt lang als Hausangestellter arbeitet, ohne seinen Aufenthalt legalisieren zu können, sagt sie. Die Ressourcen der Regierung müssten gezielter eingesetzt werden, um Kriminalität zu bekämpfen.

Südafrika Durban 2026 | Flüchtlinge werden von Polizisten vom Diakonia Centre zu Behörden transportiert
Ausländer in Südafrika fürchten Angriffe durch rechtsradikale Demonstranten und suchen Hilfe bei der südafrikanischen PolizeiBild: Rajesh Jantilal/AFP

Die Ausländerfeindlichkeit sei präsent seit der Öffnung des demokratischen Südafrika 1994, durch die mehr Einwanderer ins Land kamen, sagt Vearey. Seither hätte die Regierung nicht genügend kommuniziert und falsche Annahmen zum Aufenthalt von Ausländern nicht ausreichend widerlegt. Bei Angriffen auf Migranten gebe es kaum Festnahmen und Strafverfolgung. Im Gegenteil: Oft hätten Polizeikräfte selbst ausländerfeindliche Haltungen gezeigt. "Bei diesem Klima, aufgeheizt durch Bürgerwehren, überlegen sich regionale Firmen zweimal, ob sie in Südafrika investieren wollen."

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