WHO: 120 Millionen Corona-Antigen-Tests für arme Länder | Wissen & Umwelt | DW | 29.09.2020
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COVID-19

WHO: 120 Millionen Corona-Antigen-Tests für arme Länder

Die WHO will 120 Millionen Antigen-Testkits in armen Ländern verteilen. Sie sind einfach, kostengünstig und schnell und können durch ein Massenscreening die Pandemie verlangsamen. Aber wie zuverlässig sind sie?

In den nächsten sechs Monaten sollen die 120 Millionen Schnelltests ärmeren Ländern und Staaten mit mittlerem Einkommen laut Weltgesundheitsorganisation (WHO) zur Verfügung gestellt werden. Darauf haben sich im Rahmen der "Global Initiative" die beiden Schnelltest-Hersteller Abbott und SD Biosensor mit der Bill-und-Melinda-Gates-Stiftung verständigt, so WHO-Generaldirektor Tedros Adhanom Ghebreyesus

Diese Globale Initiative wurde im März 2020 von der WHO, der Europäischen Kommission, der Gates-Stiftung und der französischen Regierung ins Leben gerufen. Zu der Partnerschaft gehören auch die Africa Centres for Disease Control and Prevention (Africa CDC) , die Clinton Health Access Initiative (CHAI), die Foundation for Innovative New Diagnostics (FIND), der Globale Fonds und Unitaid .

Im Gegenzug stellen die Hersteller-Firmen 20% ihrer Produktion für Länder mit niedrigem und mittlerem Einkommen und 80% für den Rest zur Verfügung. Auch die reichen Geberländer kriegen also ausreichend Antigen-Schnelltests der beiden Unternehmen; Deutschland zum Beispiel hat bereits 20 Millionen Tests bestellt.

Schnelle Testergebnisse können Übertrragungsketten unterbrechen

Laut Tedros sollen die Tests bereits nach 15 bis 30 Minuten anzeigen, ob sich jemand mit dem COVID-19-Erreger infiziert habe. Außerdem seien die Tests mit fünf US-Dollar (4,27 Euro) pro Einheit sehr preiswert. Und der Preis werde laut WHO-Chef noch weiter sinken.

Indien Nasenabstrichproben-Test bei Covid-19 (picture-alliance/ZUMAPRESS.com/N. Sharma)

Indien setzt bereits auf Antigen-Schnelltests, um die rasante Ausbreitung der Pandemie zu verlangsamen

"Qualitativ hochwertige Schnelltests zeigen uns, wo sich das Virus versteckt, was der Schlüssel zur schnellen Auffindung und Isolierung von Kontakten und zur Unterbrechung der Übertragungsketten ist. Die Tests sind ein entscheidendes Instrument für die Regierungen, wenn es darum geht, die Wirtschaft wieder zu öffnen und letztlich Leben und Lebensgrundlagen zu retten", so die WHO-Chef Tedros.

Begeistert von der Zusammenarbeit zeigte sich auch Catharina Boehme, die Vorsitzenden der gemeinnützigen Stiftung "Foundation for Innovative New Diagnostics" (FIND):"Wir können wirklich zeigen, was erreicht werden kann, wenn die Welt und führende globale Gesundheitspartner mit einer gemeinsamen Priorität zusammenkommen".

Wie funktionieren die Antigen-Schnelltests?

Grundsätzlich gibt es aktuell drei SARS Cov2-Testverfahren: Antigen-Tests, PCR-Tests und serologische Tests (ELISA)

Antigen-Schnelltests weisen nicht das Erbgut des Virus wie ein PCR-Tests nach, sondern die Eiweiße. Die Tests sehen aus wie Schwangerschaftstests, aber es gibt sie (noch) nicht in Apotheken, sondern der Test wird von medizinisch geschultem Personal durchgeführt. Es entnimmt eine Probe aus dem Nasen-Rachen-Raum und schaut, ob die beiden blauen Linien ein positives Ergebnis anzeigen. So weiß das medizinische Personal innerhalb einer Viertelstunde, ob ein Patient akut infiziert und ansteckend ist und kann ihn ggf. sofort isolieren. 

Der Vorteil ist also, dass man sich den Weg über das Labor spart und sehr schnell und flexibel vor Ort testen kann. So können hoffentlich viele Tausende von Menschenleben gerettet und die Pandemie auch in ärmeren Ländern verlangsamt werden.

Indien Nasenabstrichproben-Test bei Covid-19 (picture-alliance/NurPhoto/M. Makhija)

Günstig, einfach, schnell: Antigen-Tests ermöglichen eine Verlangsamung der Pandemie durch gezielte Massenscreenings

Sie ermöglichen etwa ein Massenscreening von Gesundheitsfachkräften, die in Ländern mit niedrigem Einkommen verhältnismäßig oft sterben. In der Folge können diese Antigen-Schnelltests auch für Screenings in Bildungseinrichtungen, am Arbeitsplatz und in Pflege- oder Altenheimen eingesetzt werden. 

Der große Nachteil an vielen Antigen-Schnelltests ist aber, dass die meisten längst nicht so zuverlässig sind wie die diagnostischen PCR-Tests aus dem Labor. Vor allem gerade beginnende Infektionen werden teilweise übersehen. 

Dennoch befürworten immer mehr Mediziner den breit gestreuten Einsatz von Antigen-Tests, weil so mehr Infizierte entdeckt werden können, bevor sie Symptome zeigen. Denn die Tests schlagen besonders dann gut an, wenn die Patienten gerade eine hohe Virenlast haben. Das ist auch der Moment, in dem sie am ehesten als Superspreader andere infizieren können. 

Nicht alle Schnelltests sind zuverlässig

Mittlerweile gibt es weltweit bereits hunderte verschiedene Schnelltests zu kaufen, viele sind zuverlässig, aber nicht alle taugen was. Im März etwa schickte Spanien zwei Schnelltest-Chargen eines nicht lizensierten chinesischen Unternehmens zurück, weil sie fehlerhaft gewesen seien.

Das Europäische Gesundheitsinstitut ECDC beklagt, dass zwar sehr viele Tests offiziell zugelassen und mit dem europäischen CE-Zeichen vermarktet werden, dass es aber kaum klinische Studien gibt, die ihren medizinischen Nutzen belegen. 

Tedros Adhanom Ghebreyesus, Direktor WHO (picture-alliance/dpa/KEYSTONE/S. D. Nolfi)

Die WHO braucht dringend die Unterstützung der Globalen Initiative, weiß auch WHO-Chef Tedros

Die jetzt für die ärmeren Länder vorgesehenen 120 Millionen Antigen-Schnelltests sind die ersten, die alle Spezifikationen der WHO erfüllen. Deshalb haben die Tests der südkoreanischen Firma SD BioSensor und der US-Firma Abbott eine entsprechende Notfallzulassung der WHO erhalten bzw. werden sie in Kürze erhalten.

Laut Hersteller sollen die Tests zu 97% genau sein - allerdings gilt dies nur unter optimalen Rahmenbedingungen. Unter realen Bedingungen läge die Test-Empfindlichkeit zwischen 80% und 90%, was gut ist, aber was gleichzeitig bedeutet, dass rund 20% der Infizierten nicht entdeckt werden und mit dem trügerischen Gefühl, negativ getestet worden zu sein, weiterziehen und hunderte andere Infizieren können.

Sind die Alternativen zuverlässiger? 

Für ein schnelles, einfaches und kostengünstiges Testen sind Antigen-Schnelltests also für Massenscreenings eine gute Alternative. Zuverlässiger bleiben aber zweifelsfrei die PCR-Tests aus dem Labor.

Symbolbild Corona PCR Test (picture-alliance/S. Simon)

PCR-Tests sind am zuverlässigsten, aber sie brauchen länger und sind kostspieliger

Polymerase-Kettenreaktion-Tests (PCR-Test) reagieren auf das Erbgut von SARS-CoV-2. Mithilfe eines Wattestäbchens wird dem Patienten im Rachenraum Speichel entnommen. Danach wird ein bestimmter Teil des Erbgutes - etwa ein Gen - aus der Probe in zahlreichen Schritten vervielfältigt und am Ende durch ein biochemisches Verfahren namens Agarose-Gelelektrophorese bestimmt, ob das zu erwartende Viren-Erbgut in der Probe enthalten war. Diese Tests sind sehr genau, aber sie können nur in spezialisierten Laboren durchgeführt werden.

Serologische Tests (ELISA) gibt es auch als Schnelltests, aber im Moment spielen diese Antikörpertests nur für wissenschaftliche Studien im Labor eine Rolle. Sie weisen Antikörper im Blut der Probanden nach, die das Immunsystem gegen das Virus in Stellung gebracht hat. Das bedeutet, dass der Körper bereits eine Immunreaktion auf die Infektion mit einem entsprechenden Virus gezeigt hat.