Westafrika: Fulani-Konflikt spitzt sich zu | Afrika | DW | 05.05.2018
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Afrika

Westafrika: Fulani-Konflikt spitzt sich zu

Ob in Mali, Niger oder Nigeria: Die nomadischen Fulani-Viehhirten geraten oft in Konflikte mit Landwirten um knappe Ressourcen. Doch es ist mehr als das: Oftmals ist es ein Kampf um politische Vorherrschaft.

Die Stimmung ist aufgeheizt in der Region Ménaka im Osten Malis. Bewaffnete Männer hatten Anfang dieser Woche zwei Dörfer überfallen und mindestens 16 Menschen der Tuareg-Ethnie Imghad getötet, meldet die Nachrichtenagentur Reuters unter Berufung auf lokale Quellen. Bereits Ende April waren mindestens 40 Tuareg getötet worden. Der Gouverneur von Ménaka, Daouda Maiga, beschrieb die Täter damals als Fulani, die mit der Terrorgruppe Islamischer Staat in Verbindung stünden. Die Tat könne ein Vergeltungsschlag gewesen sein, nachdem Tuareg französische Truppen bei einem Anti-Terror-Einsatz unterstützt hätten, so Maiga.

Tatsächlich gibt es in der Region Mopti, etliche hundert Kilometer westlich von Ménaka, einen islamistischen Fulani-Prediger, Amadou Koufa. Seit dieser 2015 eine bewaffnete Gruppe gründete, sieht sich die Fulani-Minderheit im Land dem Generalverdacht ausgesetzt, mit den Islamisten zusammenarbeiten.

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Doch so einfach sei es nicht, sagt Abdoulaye Sounaye vom Leibniz-Zentrum Moderner Orient. "Man kann nicht alles auf die Religion reduzieren." Diese habe zwar ein großes Potenzial, Menschen zu mobilisieren, und verfüge auch über politische und wirtschaftliche Macht. "Dennoch müsste man hier eher von Konflikten zwischen den Bevölkerungsgruppen und mit der malischen Regierung ausgehen."

Fulani am Pranger

Die Ethnie der Fulani (auch Fulbe oder Peul genannt) ist mit mindestens 25 Millionen Angehörigen eine der größeren Bevölkerungsgruppen in Westafrika. Allerdings sind die Fulani über die ganze Region verstreut, in den meisten Staaten sind sie in der Minderheit. Traditionell leben sie als Hirtennomaden von der Viehzucht. Häufig komme es zu Konflikten, sagt DW-Journalist Usman Shehu, er selbst ein Fulani aus Nigeria.

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Auch wenn die Situationen je nach Land und Region verschieden seien, gebe es wiederkehrende Muster: "Unsere Politiker bezeichnen oppositionelle Gruppen immer wieder als Terroristen. Genauso ergeht es den Fulani-Hirten. Weil sie nomadisch leben und meist eine geringe Bildung haben, müssen sie als Sündenbock herhalten."

Der nigerianische Journalist und Blogger Aliyu Tilde ist Teil eines Teams, das sich im Auftrag des westafrikanischen Staatenbunds ECOWAS um die Lösung territorialer Konflikte bemüht. Besonders in Mali und Nigeria seien Konflikte mit den Fulani eskaliert, sagt Tilde. Er war an der Dokumentation vieler Vorfälle in Nigeria beteiligt. "Wann immer es einen Konflikt gab, zeigte sich, dass die Fulani diesen Konflikt nicht angefangen haben. Sie wurden entweder angegriffen und verteidigten sich — oder sie übten Vergeltung."

Drei Arten von Konflikten

In Nigeria allein müsse man drei Typen von Vorfällen unterscheiden, so Tilde im DW-Gespräch. Zunächst gebe es den Konflikt um Land zwischen Viehhütern und Farmern. Wenn die Rinder der Fulani Ackerland zerstört hätten, werde das aber in der Regel auf lokaler Ebene gelöst. Dazu komme Bandenkriminalität. "Das ist Kriminalität, die auch als solche angesehen werden muss", so Tilde. "Wenn ein Staat seine Gesetze nicht durchsetzen kann, ist das ein Problem."

Der dritte Fall sei am problematischsten: Im Kampf um politische Vorherrschaft in Nigerias Bundesstaaten würden lokale Machthaber oft die eigenen Ethnien stärken und gegen Minderheiten hetzen.

Die Konsequenz seien regelrechte "ethnische Säuberungsaktionen" mit vielen Toten, so Tilde.

Männer lassen während einer Massen-Beerdigung einen Sarg in ein Grab ein (Foto: Getty Images/P. Utomi Ekpei)

Der Konflikt zwischen Fulani-Nomaden und Farmern hat allein in Nigeria schon zu tausenden Toten geführt

So erinnern sich Fulani an ein Blutbad im Bundesstaat Taraba im Juni 2017, wo rund 200 Menschen massakriert wurden. Für Generalmajor Benjamin Ahanotu bestand kein Zweifel: Das Ziel war, die Fulani-Bevölkerung auszulöschen.

Im Januar wurde bekannt, dass das Justizministerium nach dem Massaker die Freilassung aller Verdächtigen angeordnet hatte. Ende April wurde im benachbarten Bundesstaat Benue der Assistent des Gouverneurs, Aminu Yaminu, festgenommen. Aminu, der Verbindungen zu Boko Haram haben soll, wird vorgeworfen, tausende Gewehre an die Bevölkerung verteilt zu haben.

Ähnliches wiederholte sich in anderen Bundesstaaten — meist ohne große Medienresonanz.

Misstrauen nimmt zu

Die Ursachen für die Eskalation sind vielfältig. Der Klimawandel sei ein treibender Faktor, sagt Mo Ibrahim, der sich mit seiner renommierten Stiftung vor allem um gute Regierungsführung in Afrika bemüht. Die Erosion nutzbarer Flächen gehe weiter und werde die Auseinandersetzungen noch verschärfen, sagt er im DW-Interview. "Es ist in Darfur geschehen, jetzt passiert es in Nigeria. Überall wird es passieren." Die verschiedenen Gemeinschaften hätten über hunderte von Jahren Formen des Miteinanders entwickelt. Jetzt zwinge der Klimawandel die Viehhüter in andere Gegenden. "Da braucht es Weisheit und Führungskompetenz. Die Regierungen müssen sensibel, aber schnell handeln, um neue Formen des Zusammenlebens für diese Gemeinschaften zu finden."

Frauen weinen um Verwandte während einer Beerdigung in Nigeria (Foto: Getty Images/P. Utomi Ekpei)

Selbstjustiz und Vergeltungsschläge heizen den Konflikt immer weiter an

Gerade in der fehlenden Präsenz des Staats in Mali und Nigeria sieht Tilde das größte Problem. In Landstrichen, wo es keine Arbeitsmöglichkeiten gebe, würden sich junge Menschen zunehmend kriminellen Gruppen anschließen. "Das können Menschen aller Ethnien sein — egal ob Fulani, Haussa oder Tuareg." In beiden Ländern sei das Staatsmonopol immer weniger gewährleistet. Und wo der Staat keine Sicherheit biete und Kriminalität ungestraft bleibe, komme es zu Selbstjustiz, das Misstrauen zwischen verschiedenen Bevölkerungsgruppen nehme zu.

Staaten in der Pflicht

Bestehende Ansätze zielen häufig auf die staatliche Ebene. Tilde nennt Senegal und Mauretanien als Positivbeispiele. "Hier gibt es gesetzliche Grundlagen, die auch angewandt werden", so Tilde. Viehherden müssten registriert werden und könnten nicht unbemerkt die Grenze überqueren. "Außerdem sind Ausweichgebiete ausgewiesen, damit sie nicht auf Ackerland weiden." Auch in Kamerun hätten die Fulani-Hirten einen besseren Stand, sagt DW-Journalist Usman Shehu — mit allen Rechten und Pflichten. Der Staat beziehe Steuern von den Hirten. Er verhänge aber auch schwere Strafen, wenn Rinder geraubt und getötet würden.

In Mali bleibt es zunächst bei Ankündigungen. Die Regierung in Bamako verurteilte ethnische Aufhetzung und drohte mit strafrechtlicher Verfolgung. In Nigeria beschäftigt sich nun eine Kommission mit den Konflikten. Experten bleiben aber skeptisch, ob damit eine Besserung vor Ort erreicht werden kann.

Mitarbeit: Abu-Bakarr Jalloh, Usman Shehu, Fréjus Quenum

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