Wenn es einsam wird am Mount Everest | Sport | DW | 16.03.2020
  1. Inhalt
  2. Navigation
  3. Weitere Inhalte
  4. Metanavigation
  5. Suche
  6. Choose from 30 Languages
Anzeige

Bergsteigen

Wenn es einsam wird am Mount Everest

Der Mount Everest, der höchste Berg der Erde, bleibt wegen der Coronavirus-Pandemie in diesem Frühjahr für ausländische Bergsteiger geschlossen. Der Tourismusbranche Nepals droht ein Einbruch wie nach dem Erdbeben 2015.

Keine Staus auf dem Gipfelgrat, keine Häufung von Todesfällen, kein neuer Müll. Was viele Kritiker des kommerziellen Bergsteigens am höchsten Berg der Erde in den vergangenen Jahren immer wieder gefordert hatten, erzwingt nun die Coronavirus-Pandemie: Der Mount Everest erhält eine Atempause. Die nepalesische Regierung verkündete in der vergangenen Woche, dass sie wegen der Coronavirus-Krise in diesem Frühjahr keine Permits, sprich Besteigungsgenehmigungen für Expeditionen zur Südseite des Everest und allen anderen Bergen des Landes ausstellen werde. Die Verantwortlichen in Kathmandu folgten damit dem Beispiel der chinesisch-tibetischen Behörden, die alle Berge in Tibet, inklusive die Nordseite des Everest, für Ausländer dicht gemacht hatten. Dem Vernehmen nach laufen lediglich die Vorbereitungen für eine chinesische Everest-Expedition auf der Nordseite weiter.

Werbekampagne der Regierung ist Makulatur

Seit der Erstbesteigung des Mount Everest im Jahr 1953 durch den Neuseeländer Edmund Hillary und den Sherpa Tenzing Norgay wurde der höchste aller Berge mehr als 10.000-mal bestiegen. Zuletzt hatte es 2015 ein Jahr ohne Everest-Gipfelerfolge gegeben - nach dem verheerenden Erdbeben in Nepal, bei dem rund 9000 Menschen um Leben gekommen und 23.000 weitere verletzt worden waren. Das Beben hatte auch eine riesige Lawine ausgelöst, die das Basislager auf der Everest-Südseite getroffen und mindestens 18 Menschen das Leben gekostet hatte. Beide Seiten des Bergs waren daraufhin gesperrt worden.

Himalaya - Saisonbeginn für Extrembergsteiger (Imago)

Bergsteiger auf dem Gipfel des Everest

Das Erdbeben traf damals die Tourismusbranche Nepals schwer. Gäste blieben aus, der Markt brach ein. Und es dauerte, bis er sich wieder erholte. In diesem Jahr wollte die Regierung die Katastrophe von 2015 endgültig vergessen machen. Sie startete die Werbekampagne "Visit Nepal 2020", mit der die Zahl der Touristen nahezu verdoppelt werden sollte: von 1,2 Millionen im Jahr 2019 auf über zwei Millionen. Der Plan ist nun Makulatur, nachdem die Regierung nicht nur die Expeditionen zum Everest und anderen Bergen gestoppt hat, sondern auch alle Trekkingreisen.

Traumatisierte Hoteliers, arbeitslose Sherpas

Nepal hängt an der Nabelschnur des Bergtourismus. Allein durch den Verkauf der Everest-Permits - sie kosten in Nepal 11.000 Dollar pro ausländischem Bergsteiger - nahm die Regierung im vergangenen Jahr mehr als vier Millionen Dollar ein. In Kathmandu gibt es Hunderte von kleinen Agenturen, die um Wanderer und Bergsteiger buhlen. Nicht nur sie, auch die Hoteliers in der Hauptstadt trifft es hart, wenn die Touristen ausbleiben. "Sie sind verzweifelt, traumatisiert. Die meisten Hotels in Kathmandu sind Miethäuser. Die Hoteliers gehen bei den Gehältern der Mitarbeiter, der Wasser- und Stromrechnung, der Miete, den Bankkrediten in Vorlage - in der Hoffnung, einen Gewinn zu erzielen", sagt Mingma Gyalje Sherpa, Chef des Expeditionsveranstalters "Imagine Nepal". Wenn keine Touristen mehr ins Land kämen, "bleibt ihnen keine andere Wahl, als ihren Betrieb zu schließen, was für viele weitere Menschen Arbeitslosigkeit bedeuten würde".

Nepal: Atemmaske gegen schlechte Luft (picture-alliance/J. Schwenkenbecher)

Touristenviertel Thamel in Nepals Hauptstadt Kathmandu

Ganze Regionen Nepals wie das Khumbu-Gebiet um den Mount Everest oder auch die Region um die Achttausender Annapurna und Dhaulagiri leben von den Einnahmen durch Expeditionen und Trekkingreisen. Viele Lodges werden nun leer stehen, Restaurants und Geschäften gehen die Kunden aus. Mingma Gyalje Sherpa nennt ein Beispiel: "Der Besitzer eines Hotels in Gorakshep [letzte Ortschaft nahe dem Everest-Basislager - Anm. d. Red.] hat schon Lebensmittel für die gesamte Saison eingekauft. Wegen der auslaufenden Haltbarkeit wird er sie in sechs oder sieben Monaten nicht mehr nutzen können. Die Investition für die Lebensmittel, die Frachtkosten für den Flug nach Lukla [Flugplatz im Khumbu-Gebiet - Anm. d. Red.], sieben Tage Lohn für die Träger nach Gorakshep - alles für die Tonne."

Besonders treffe es das Personal der Expeditionen. "Unsere Guides, Sherpas und das Küchenpersonal sind nun in dieser entscheidenden Jahreszeit arbeitslos, in der sie sonst am meisten verdienen können", sagt Mingma Gyalje Sherpa. Auch die Träger, die das Material der Teams ins Basislager bringen, stehen nun mit leeren Händen da. Ein soziales Netz, das sie auffangen könnte, gibt es für alle diese Menschen in Nepal nicht.

Expeditionen verschoben

"Seven Summit Treks", in den vergangenen Jahren der nepalesische Anbieter mit den größten Gruppen am Mount Everest, kündigte an, die jetzt ausgefallene Expedition im kommenden Herbst nachzuholen. Viele ausländische Veranstalter haben ihre Unternehmungen bereits auf das Frühjahr 2021 verschoben. Dazu gehört auch der österreichische Anbieter "Furtenbach Adventures", der im nächsten Jahr eine "sicher ausverkaufte Saison" am Everest erwartet. Das Unternehmen kündigte an, trotz der Absage der Expedition den Sherpas und dem Küchenpersonal aus Tibet und Nepal zu helfen, "indem wir einen Teil ihres Lohns bezahlen und auch alle unsere Kunden fragen, ob sie bereit sind, einen kleinen Prozentsatz ihren Anzahlungen hinzuzugeben".

Nepal Himalaya Yaks (Getty Images/P. Mathema)

Auf Yaks wird Material für die Expeditionen ins Everest-Basislager gebracht

Andere Veranstalter von Everest-Expeditionen legen sich noch nicht auf einen neuen Termin fest. "Ich denke, wir müssen vorsichtig vorgehen. Sicherheit ist unsere oberste Priorität", schreibt Guy Cotter, Chef des neuseeländischen Anbieters "Adventure Consultants" mit Blick auf die Coronavirus-Pandemie: "Wir wollen sicherstellen, dass unsere Teammitglieder sicher sind und dass wir die Sicherheit der Menschen, deren Länder wir besuchen, nicht durch die unwissentliche Übertragung des Virus gefährden."

"Gesundheit ist wichtiger"

Die Entscheidung der Regierung Nepals, das Land wegen der Coronavirus-Epiedemie abzuschotten, wird in dem Himalayastaat nicht kritisiert. "Auch wenn das Trekkinggeschäft am Boden liegt, die Gesundheit ist wichtiger", sagt Sarita Lama, Generalsekretärin der Vereinigung der Trekkingagenturen Nepals (TAAN). Und Expeditionsveranstalter Mingma Gyalje Sherpa ergänzt: "Im Moment bleibt uns nur die Option, für Sicherheit zu sorgen, Pläne zu entwickeln, wie wir die Tourismusindustrie erhalten können, und diese Pläne dann umzusetzen." Dem Mount Everest kann das Coronavirus nichts anhaben. Er steht auch 2021 noch da.

Die Redaktion empfiehlt