Weltstar und Theatermime: Klaus Maria Brandauer ist 75 | Kunst | DW | 21.06.2018
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Bühne und Film

Weltstar und Theatermime: Klaus Maria Brandauer ist 75

Kaum ein deutschsprachiger Schauspieler hat so viele Preise gewonnen wie er. Klaus Maria Brandauer polarisiert, doch selbst seine schärfsten Kritiker attestieren ihm große Schauspielkunst. Jetzt wurde er 75.

Brandauer fühlte sich früh berufen für die Theaterlaufbahn. In die Wiege gelegt war ihm das nicht. In Aussee in der Steiermark wurde er als Klaus Georg Steng geboren, am 22. Juni 1943. Der Sohn eines deutschen Zollbeamten und einer österreichischen Mutter wuchs auf dem Land auf, bei den Großeltern, fern jeder Kultureinrichtung.

Nach dem Abitur probierte er zwei Semester Schauspielschule aus, musste aber das Studium abbrechen, weil er mit 20 schon Vater wurde. Zum Glück bekam er ein Engagement am Landestheater Tübingen. Ein Freund hatte ihn zum Vorsprechen mitgenommen - eher aus Spaß: Der junge Brandauer wurde sofort engagiert - für die Hauptrolle. Als wohlklingenden Künstlernamen wählte er den Mädchennamen seiner Mutter.

Klaus Maria Brandauer als Oberst Redl, 1984 (picture-alliance)

Charmanter Intrigant: Brandauer mit Gudrun Landgrebe in "Oberst Redl" (1984)

Die Mischung aus Unverschämtheit und spitzbübischem Charme, die er hintergründig und arrogant präsentierte, wurde sein Markenzeichen und brachte ihm schon früh Meriten als Schauspieler der Extraklasse ein. Er bot sie stets dar mit der Souveränität und Professionalität eines Seiltänzers, der mit Vergnügen über dem Abgrund balanciert.

Nicht nur in Hollywood, auch international stieg er in der Filmbranche zum Weltstar auf, der sich die Rollenangebote aussuchen konnte. Auch mit Regie-Ikone Francis Ford Coppola arbeitete er zusammen.

"Der Größenwahn ist mein ständiger Begleiter"

Am liebsten spiele er brüchige, schillernde Charaktere, sagt Brandauer in einem aktuellen Interview mit der Nachrichtenagentur dpa. "Der Mensch ist ein kompliziertes Wesen, da ist es geradezu lächerlich, mit einer Schwarz-Weiß-Beschreibung zu kommen."

Seine Paraderolle war die des Mephisto in dem gleichnamigen Kinofilm von Regisseur István Szabó, mit dem er eine ganze Trilogie über "Emporkömmlinge in einem autoritären Staatsgefüge" drehte. In "Mephisto" verkörperte Brandauer den skrupellosen Karrieristen Hendrik Höfgen - unschwer als Gustaf Gründgens zu erkennen, der sich als Theatermann und Schauspieler den Nazis angedient hatte. Der Oscar für den "Besten ausländischen Film" war 1982 das Sprungbrett für Brandauers internationale Karriere.

Klaus Maria Brandauer und Szabo bei Oscar-Verleihung 1982 (picture-alliance)

Klaus Maria Brandauer und Regisseur István Szabó bei der Oscar-Verleihung 1982

Hollywood bot ihm daraufhin viele Rollen an, die meisten lehnte der anspruchsvolle Theaterschauspieler ab. 1984 gab Brandauer den perfiden Gegenspieler von James-Bond-Darsteller Sean Connery in "Sag niemals nie". 1985 spielte er im Kinoklassiker "Jenseits von Afrika" den versoffenen, zwielichtigen Baron Bror Blixen an der Seite von Meryl Streep. Hollywood ehrte ihn dafür mit einer Oscar-Nominierung als bester Nebendarsteller.

Erfolgreich auch hinter der Kamera

Auch als Regisseur gewann er international Anerkennung. Mit seiner ersten Filmregie "Georg Elser – Einer aus Deutschland" wagte er sich 1989 an ein heikles historisches Thema. Die Hauptrolle des Hitler-Attentäters Georg Elser, der nach dem missglückten Attentat im Münchner Bürgerbräukeller 1939 von den Nazis im KZ Dachau interniert und dort 1945 hingerichtet wurde, spielte er dann gleich selbst – "frei von üblichen Klischees", wie die Kritiker anerkennend schrieben.

Literaturverfilmungen, Theaterstücke zur deutschen Geschichte ("Speer", 1998) und oft gespielte Klassiker haben ihn oft in dieser Doppelrolle als Regisseur und Darsteller gereizt. 2006 wagte er sich an die berühmte "Dreigroschenoper" von Bertolt Brecht.

Klaus Maria Brandauer inszeniert Dreigroschenoper in Berlin (picture-alliance/dpa/J.Kalaene )

Regisseur Brandauer mit Campino, der für ihn 2006 den Mackie Messer in der "Dreigroschenoper" von Brecht spielte

Die Titelrolle des Mackie Messer besetzte er mit Campino, dem Frontmann der "Toten Hosen". Ein großer Publikumserfolg, die Vorstellungen im neu umgebauten Admiralspalast in Berlin waren ständig ausverkauft. Die Kritiker verrissen allerdings die gewagte Inszenierung.

Das Theater ist seine Passion geblieben. Die Klassiker der europäischen Bühnenautoren, vor allem immer wieder William Shakespeare, sind seine persönlichen Favoriten, von denen er nicht ablässt. An den großen Figuren der Weltliteratur - Hamlet, König Lear, Nathan der Weise - arbeitet er sich liebend gern und schweißtreibend ab – bis heute. Keine Rolle ist ihm zu schwer.

Politisch streitbar – für Europa

Neben seiner Schauspielarbeit ist Klaus Maria Brandauer immer ein kritischer Geist geblieben, politisch hellwach und jederzeit bereit zur zornigen Einmischung. "Jeder ist aufgerufen, einer falsch gepolten Gesellschaft die Stirn zu bieten", lässt er in dem dpa-Interview zu seinem 75. Geburtstag seine Fans und Kritiker wissen.

Klaus Maria Brandauer in Becketts Das letzte Band (picture-alliance/dpa/P.Pleul)

Grandiose Altersrolle: Brandauer in Samuel Becketts "Das letzte Band" (2013)

Die populistischen, nationalistischen Strömungen in seiner Heimat Österreich und in den osteuropäischen Nachbarländern Ungarn und Polen beobachtet er mit Sorge. Er sei ein großer Fan des europäischen Gedankens und sehe die Demokratie als wichtiges politisches Kulturgut an, betont er. "Jeder sollte sich einmischen, niemand sollte sagen: Ich kann nichts ändern!"

Seinen 75. Geburtstag (22.06.2018) verbringt er natürlich auf der Bühne. Im Wiener Burgtheater, das ihm 2013 den Ehrenring verliehen hat, liest er aus den Briefen von Wolfgang Amadeus Mozart.  Ein "Schmankerl", sagt er, die ernsthaften Rollen warten im Herbst auf ihn. Dann wird er in seiner unvergleichlichen Art zu spielen nochmal den "König Lear" auf der Bühne des Burgtheaters geben. Wer ihn dort wüten, schnauben und deklamieren sieht, wird dieses sinnliche Theatererlebnis vermutlich nie vergessen.

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