Weltklimabericht: Keine Zeit für halbe Sachen | Wissen & Umwelt | DW | 09.08.2021
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Klimawandel

Weltklimabericht: Keine Zeit für halbe Sachen

Starkregen, Hitzewellen, Meeresspiegel-Anstieg: Der Weltklimarat warnt in seinem Bericht eindringlich vor den Folgen der Erderwärmung - der CO2-Ausstoß müsse unverzüglich und stark reduziert werden.

Wetterextreme werden zunehmen: Gespräch mit Douglas Maraun, Universität Graz

Die Menge an Treibhausgasen in der Atmosphäre ist inzwischen so weit angestiegen, dass das Ziel, die Erderwärmung auf 1,5 Grad zu begrenzen, in immer weitere Ferne rückt: Schon in wenigen Jahrzehnten könnte diese Schwelle überschritten werden. 

Dies ist eine der Kernbotschaften im Bericht des Weltklimarats, der von Delegierten aus 195 Ländern abgesegnet und nun veröffentlicht wurde. Während in den vergangenen Wochen sowohl reiche als auch arme Länder von rekordverdächtigen Hitzewellen und Regenfällen heimgesucht wurden, fasst der Bericht den Wissensstand zum Klimawandel zusammen und stützt sich dabei auf mehr als 14.000 von Experten geprüfte Studien.

Die Berichte des Weltklimarates sind die ausführlichsten Bestandsaufnahmen zum Thema.  Die nun veröffentlichte Analyse der Wissenschaftler zeichnet das ernüchternde Bild eines Planeten, der von einer einzigen Spezies in nur wenigen hundert Jahren massiv verändert wurde.

Ein Mann räumt nach Hochwasser auf

Auch der globale Norden - im Bild: die Flutregion in Deutschland - leidet unter den sich verstärkenden Wetterextremen

Dieser Bericht "ist ein Realitätscheck", sagt Valèrie Masson-Delmotte, die Co-Vorsitzende der Arbeitsgruppe, die den Bericht verfasste.

Durch das Verbrennen fossiler Brennstoffeund das Freisetzen von Treibhausgasen hat der Mensch die Erde schon jetzt um 1,1 Grad erwärmt. Extreme Regenfälle, Hitzewellen und Dürren sind häufiger und stärker geworden. Seit dem letzten großen IPCC-Bericht im Jahr 2014 sind die Wissenschaftler immer sicherer, dass der Klimawandel auch das Ausmaß einzelner Waldbrände, Hochwasser und Stürme verstärkt. 

Kohleabbau in Khakassia, Sibirien

Durch die Verbrennung fossiler Brennstoffe sammeln sich weiterhin Treibhausgase in der Atmosphäre an

"Vor allem, wenn ich die Erkenntnisse sehe, die wir mit Bezug auf Klimaextreme haben, würde ich schon sagen: Wir sind in einer Klimakrise. Wir haben wirklich ein sehr großes Problem”, sagt Sonia Seneviratne, Wissenschaftlerin am Institut für Atmosphäre und Klima der ETH Zürich und Co-Autorin des Berichts. 

Wie schnell erhitzt der Klimawandel die Erde?

In einem weltweiten Kraftakt hatten sich Staats- und Regierungschefs im Jahr 2015 dazu verpflichtet, die Erderwärmung auf weniger als 2 Grad bis zum Ende des Jahrhunderts zu begrenzen, idealerweise sogar auf unter 1,5 Grad. So sollte verhindert werden, dass sich die Lage zunehmend verschärft. Laut der in Deutschland ansässigen Forschungsgruppe Climate Action Tracker betreiben Regierungen stattdessen aber noch immer eine Politik, die den Planeten derzeit auf 3 Grad Erwärmung zusteuern lässt. Das Ziel von 1,5 Grad wird bei allen im Weltklimabericht untersuchten Emissionsszenarien innerhalb weniger Jahrzehnte verfehlt.

Drastische Maßnahmen könnten sich dennoch lohnen, denn bei einem ehrgeizigen Szenario, in dem die Umweltverschmutzung radikal heruntergefahren würde, könnte man laut den Wissenschaftlern bis zum Ende des Jahrhunderts wieder unter diese Temperaturen kommen. Neben der raschen Dekarbonisierung der Weltwirtschaft würde dies auch bedeuten, dass enorme Mengen an CO2 aus der Atmosphäre abgesaugt werden. Doch die Technologie dafür ist teuer und bisher es gibt es kaum Anhaltspunkte, wie die Methode in der nötigen Größenordnung funktionieren könnte.

"Es ist viel einfacher, jetzt Emissionen zu vermeiden, als unser Kohlenstoffbudget zu sprengen und eine Menge Emissionen wieder aus der Atmosphäre zu holen", sagt Malte Meinshausen, Wissenschaftler am Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung und Mitautor des Berichts. "Das Preisschild ist höher als auf vielen der niedrig hängenden Früchte, die wir heute erreichen können."

Welche Auswirkungen hat der Klimawandel auf den Planeten?

Weltweit werden die extremen Regenfälle mit jedem Grad Celsius globaler Erwärmung um 7 Prozent zunehmen, so die jüngsten Schätzungen. Mehr tropische Wirbelstürme werden in die höchsten Kategorien 4 und 5 eingestuft werden und die Monsunregen in Asien werden heftiger und zu anderen Zeiten auftreten. "Mit jedem weiteren Schritt in Richtung globalem Temperaturanstieg nehmen die Veränderungen bei den Extremen weiter zu", schreiben die Autoren. 

Starke Regenfälle, die früher einmal pro Jahrzehnt auftraten, sind bereits um 30 Prozent wahrscheinlicher geworden. Bei einer weiteren Erwärmung um 3 Grad werden sie jedoch zwei- oder sogar dreimal pro Jahrzehnt auftreten und ein Drittel mehr Wasser freisetzen. Dürren, die früher alle zehn Jahre auftraten, werden den Boden viermal pro Jahrzehnt unfruchtbar machen. Hitzewellen, die bereits heute 2,8-mal wahrscheinlicher und 1 Grad heißer sind als vor der industriellen Revolution, werden 9,4-mal wahrscheinlicher und 5 Grad heißer sein. 

Infografik Erderwärmung Extremwetter DE

Je stärker die Erwärmung, desto größer sind auch die Risiken. Der Bericht geht davon aus, dass Hitzewellen, die früher einmal alle 50 Jahre ein bestimmtes Land heimsuchten, in einer Welt mit einer globalen Erwärmung von 4 Grad im gleichen Zeitraum 39-mal auftreten werden. "Der Bericht zeigt deutlich, dass dringend gehandelt werden muss", sagte Veronika Eyring, Erdsystemforscherin am Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt und Mitautorin des Berichts.

Werden Rückkopplungseffekte die Erwärmung beschleunigen?

Auch einige Veränderungen durch den Klimawandel werden die Erwärmung weiter vorantreiben. Die natürlichen Kohlenstoffsenken in den Ozeanen und an Land verlieren mit der Erwärmung des Planeten an Wirkung. Durch höhere Temperaturen werden noch mehr Permafrostböden auftauen - und große Mengen Methan in die Atmosphäre freisetzen. Es wird mehr Schnee und Eis schmelzen, das bisher die Wärme vom Planeten weg reflektierte und ihn so kühlte. Es ist wahrscheinlich, dass die Arktis vor 2050 mindestens einmal für einen Monat fast frei von Meereis sein wird. 

Nach Ansicht der Wissenschaftler reicht das Auftauen des Permafrostbodens für eine dramatische und sich selbst verstärkende Beschleunigung der globalen Erwärmung allerdings nicht aus. Aber es würde den Kampf gegen den Klimawandel deutlich erschweren. Mehr Treibhausgasemissionen bedeuten stärkere Rückkopplungseffekte. Ihre Auswirkungen vorherzusagen, wird mit höheren Temperaturen immer schwieriger.

Dann gibt es auch noch Prozesse, die nicht mehr aufzuhalten sind. Es wird erwartet, dass der Meeresspiegel in diesem Jahrhundert um mehr als einen halben Meter ansteigt. Schon heute hat dies zu stärkeren und wahrscheinlicheren Überschwemmungen in zahlreichen Küstengebieten geführt. Wissenschaftler sagen jedoch, dass aufgrund der Unsicherheiten bei der Reaktion der Eisschilde auf die Erwärmung weitaus schlimmere Extreme - 2 Meter bis 2100 und 5 Meter bis 2150 bei einem "sehr hohen" Emissionsszenario - nicht ausgeschlossen werden können. 

Ein junge Schaut auf überschwemmtes Haus vor Jakarta

Der Meeresspiegel wird auch nach einer Kurskorrektur zunächst weiter ansteigen

Dennoch helfe jedes bisschen Klimaschutz, sagt Douglas Maraun, Wissenschaftler am Wegener Center für Klima und Globalen Wandel in Österreich und Mitautor des Berichts. "Jedes Grad oder zehntel Grad Erwärmung, das vermieden wird, reduziert natürlich die Gefahr von Extremereignissen. Das hilft vielleicht, den Kopf nicht in den Sand stecken zu müssen."

Ende der fossilen Energieträger

Die größte Quelle für Treibhausgasemissionen sind Kohle, Öl und Gas. Das Wort "fossile Brennstoffe" kommt in der 43-seitigen Zusammenfassung des Berichts für Entscheidungsträger in der Politik aber nicht vor. Sie wurde zunächst von Wissenschaftlern erstellt und dann Zeile für Zeile von Regierungsvertretern abgesegnet. 

"In dem Dokument, das von den Wissenschaftlern verfasst wurde, werden selbstverständlich fossile Brennstoffe erwähnt", sagt Klimawissenschaftler Meinshausen und fügt hinzu, dass die IPCC-Autoren die vertrauliche Sitzung selbst nicht kommentieren dürften. "Auch wenn man einige Formulierungen verliert, ist es eine bemerkenswerte Leistung, dass am Ende alle Regierungen zugestimmt haben. Keine einzige Regierung der Welt kann jetzt noch zurückrudern und sagen, man glaube nicht, was der IPCC dort geschrieben hat."

"Die Wissenschaft steht für sich selbst und wurde dabei nicht verwässert", sagt Friederike Otto, Klimawissenschaftlerin an der Universität Oxford und Mitverfasserin des Berichts. 

Dieser IPCC-Bericht ist der erste von insgesamt drei Berichten und erscheint zwei Monate vor dem Klimagipfel COP26 in Großbritannien. Die Staats- und Regierungschefs werden über Lösungen wie den Ausstieg aus der Kohle bis 2030 diskutieren. Außerdem wird es darum gehen, ob die reichen Länder ihr Versprechen einlösen werden, den ärmeren bis 2020 jährlich 100 Milliarden Dollar für die Anpassung an den Klimawandel zu zahlen. Bislang ist dies nicht der Fall.

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